Pressestimmen Das Gegenteil von gar nichts
[...] Drawert richtet sein Drama im Muster Becketts ein. Das ziellose Warten, das von ritualisierten Spielen gefüllt ist, passt ja auch als Rahmen und Zustandsbeschreibung der Gegenwart, wie der Autor sie sieht.
Drawert lässt zwei Zurückgelassene auftreten, die sogar ihren Platz am Rande der Gesellschaft noch behaupten müssen. „Das Gegenteil von gar nichts" hat der in Darmstadt lebende Autor sein Stück genannt, und vielleicht ist dieses Gegenteil die unschätzbare Größe jener Werte, die in der Bankenkrise einfach verschwunden sind, geplatzt in Spekulationsblasen, versunken in Löchern, für deren Tiefe man so wenig Wahrnehmung hat wie für die Frage, ob eine Bankenpleite nun 50 Millionen gekostet hat oder ob es doch Milliarden waren. Derlei aktuelle Debatten, die in der Analyse des Unbegreiflichen einen absurden Witz entfalten, lassen die Spiele mit den Klischees von Ost und West bisweilen in den Hintergrund treten. Aber es gelingt Drawert, in den Rollen von Harry und Pit viele Themen spielerisch übereinanderzulegen.
Zudem nimmt er deutlich Bezug auf seinen im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte", der eine Beschreibung des Lebens in der DDR auf beklemmende Weise formulierte. Von dieser finsteren Konsequenz ist das Theaterstück weit entfernt, wie ja auch die Dramen in Drawerts Werk nur einen Seitenplatz einnehmen. Es liefert eher ein Pingpong der Pointen, ein entlarvendes Spiel mit Gemeinplätzen, eine sprachartistische Bestandsaufnahme gegenwärtiger Befindlichkeit. Sie erzählt von der Ohnmacht des Menschen gegenüber der Allmacht des Kapitals. Das hat bisweilen einen kalauernden Witz, aber es ist der Witz eines Autors, der eigentlich keinen Spaß versteht, wenn er von der demütigenden Entrechtung des Menschen erzählt.
Das Motiv der Entfremdung greift der Regisseur Hermann Schein schon in seinem Bühnenentwurf auf, der die Bühne der Darmstädter Kammerspiele zu einem illuminierten Zirkusrund macht, in das Natur nur noch über Videoaufnahmen hineinzitiert wird. Das ist die Bühne für den Auftritt zweier Clowns, den Scheins Regie mit geschickten Tempo- und Stimmungswechseln kurzweilig in Szene setzt. Aart Veder übernimmt als Pit die Rolle des wortreichen Herausforderers, Heinz Kloss ist in diesem Duell der widerborstige Verteidiger. Der tänzelnde Veder malt mit überbordender Körpersprache seine Rolle auf die Bühne, Kloss setzt ruppige Pointen dagegen. Das ist in den charakterlichen Gegengewichten hübsch austariert, und zwischendrin formieren sie sich zum rhythmisierten Chor der Entrechteten oder machen ein wenig Musik. Um das Beckett-Quartett zu ergänzen und die Anspielung auf die Finanzkrise noch zu schärfen, kommen schließlich die Lehmann-Brüder in die Arena: Sonja Mustoff führt als „Amtsleiter für Arbeitsbeschaffungskriminalität" Klaus Ziemann an der Leine als gedemütigten Hartz-IV-Betrüger, der die Theorie der Ausbeutung aufsagen kann.
In solchen Augenblicken erliegt Drawerts Stück den Gemeinplätzen, die es doch offenbaren will. Per Video liefert Stefan Schuster eine lustige Honecker-Parodie, und Matthias Kleinen wühlt als Günther Schabowski ratlos in seinen Papieren. Da schaut der neunzigminütige Abend dann aus wie ein Politkabarett, dem die Bitterkeit der Erkenntnis den Witz ausgetrieben hat. Das Publikum nahm die Pointen mit erkennbarem Vergnügen und begeistertem Beifall auf, und die Stimmung nach der Premiere am Samstag war so gut, dass sich niemand gewundert hätte, wenn die eine oder andere Münze in der Sammelbüchse gelandet wäre. Egal, ob für Banken oder Bänke.
Im Zirkus der Entrechteten. Drawert trifft Beckett. Das Gegenteil von gar nichts in den Darmstädter Kammerspielen. Uraufführung - Darmstädter Echo, 09.11.09 von Johannes Breckner
Wladimir und Estragon heißen jetzt Harry und Pit. Der eine lauscht gern John Cages "4'33", der andere hat beim Hörsaalputzen heimlich Philosophie gastgehört. Dem einen ist das unterversicherte Haus abgebrannt, der andere übt seit Jahren Besitzverzicht zum Freiheitsgewinn. Aber sie finden: Seit sie nichts mehr zu verlieren haben, stehen sie auf der Sonnenseite des Lebens. Sie sitzen im Park und behüten ihre Bank, denn die Bänke verschwinden. Für den Erhalt ihrer Bank sammeln sie Geld, "Rettet die Banken!" steht auf dem Schild neben der Sammelbüchse. Dass sie den Plural verwechselt haben, fällt ihnen erst später auf. [...]
Harry und Pit sind zwei alte Männer, die nichts mehr haben. Ihre Parkbank ist ihnen die Welt. Dort warten sie auf einen Fernsehtypen, Meise, Meier, Schulze oder ähnlich, der sie als Zeitzeugen zum Leben in der DDR befragen will. Beim Warten räsonieren sie über das Sein und das Nichts, Harry hört Cages komponierte Stille, Pit philosophiert sich in eine Geschichte ohne Geschichte hinein und füllt die Sinnlosigkeit der Existenz wortreich auf. Nicht zuletzt in Anspielung auf Becketts "Warten auf Godot" kippt die Szenerie ständig ins Absurde – erst recht, als zwei Brüder namens Lehmann auftauchen. Sie waren mal Kapitalmarktpfleger, heute leitet Lehmann I das Amt für Arbeitsbeschaffungskriminalität.
In der Uraufführungs-Inszenierung von Hermann Schein sind die beiden Gesellschaftsrandständigen Harry und Pit Edelpenner. Gepflegte Herren in schwarzen Mänteln, die nicht um eine Parkbank, sondern um ein extrabreites, lederbezogenes Sofa herumtänzeln. Wie so viele gegenwärtige Bühnen ist auch diese weitgehend leer. Ein rot leuchtender Ring grenzt ein Spielrund ab, gelbe und rote Lichterketten blinken im Dunkel der Black Box. Das deutsch-deutsche Spiel wird in eine schwarz-rot-goldene Arena versetzt. Und wie so häufig führt die Unbehaustheit der Bühne dazu, dass die Schauspieler ständig in Bewegung sind.
Aart Veders Pit ist höchst agil, er tänzelt und macht gelegentlich Luftsprünge. Harry, gespielt von Heinz Kloss, schreitet gern im Halbkreis. Regisseur Schein fügt dem noch einige Lieder und Choreografien hinzu, vom Gewicht des Wartens bleibt wenig übrig. Vielmehr ist "Das Gegenteil von gar nichts" eine kurzweilige Inszenierung, musikalisch angelegt und flott durchgezogen. [...]
Der Kapitalismus basiert auf der Existenz einer Klasse, referiert Lehmann II (Klaus Ziemann), die nichts besitzt als ihre Arbeitskraft. Wenn Arbeitnehmer eine aussterbende Spezies sind, was wird dann aus dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem? Sozialistische Utopie und kapitalistische Träume sind am Ende. Mit schwarzbemäntelten Herren, einer peitschenschwingenden Frau und Honecker-O-Tönen vom Band wird die Welt, wie wir sie kennen, zu Grabe getragen.
Ein ironischer, witziger, doppelbödiger Grenzgang. Bei Drawert kippt er gelegentlich ins Zynische, bei Schein in Nostalgie. Denn der Regisseur pappt die Absenzen mit alten Liedern zu, von "Ein kleiner Matrose" bis "Jetzt fahr'n wir übern See". Das hat Rhythmus, ist durchaus heiter und bizarr. Heraus kommt eine etwas weichgespülte, doch unterhaltsame und charmante Inszenierung.
Warten auf Schulze oder Das Lied vom Ende. Das Gegenteil von gar nichts. Kurt Drawerts Beckett-Parodie von Hermann Schein uraufgeführt - nachtkritik.de, 09.11.09 von Esther Boldt