Ballettdirektor Stephan Thoss zeigt in ,,Merry Christmas?" den Albtraum am Weihnachtsabend, der nachts als traumhaftes Tanzfest immer neue Gestalt annimmt. [...] Tschaikowskys ,,Nussknacker" wird hier neoklassisch auseinandergenommen, was kein Kind kümmern muss, denn mit diesen Trümmern lässt sich prima spielen. [...] Kaum ist Tschaikowskys ,,Nussknacker-Suite" verklungen, das Mädchen Clara (Sandra Huber), das man aus Marius Petipas Klassiker-Choreografie kennt, eingeschlafen, entfaltet sich ein traumhaftes Nachtstück. Als Reminiszenz an das Vorbild gibt es noch eine putzige Schneeflöckchenszene mit Kinderballett, bei der allerdings ein hitziger Sonnenknabe ein Schneemädchen tödlich dahinschmelzen lässt. Aus E.T.A Hoffmanns Märchenvorlage, in der Kinderspielzeug zum Leben erwacht, sind gespenstische Puppen übrig, Claras einarmige Spielkameradinnen, die auch aus einem Spuk der ,,Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens entsprungen sein könnten.
Ansonsten wechseln die Wiesbadener zwischen verjazztem Tschaikowsky, Walzer und Polka von Johann Strauß, Songs von Ella Fitzgerald und Bing Crosby ansatzlos zwischen Gosse und Märchenreich. Penner tanzen mit dem Weihnachtsbaum, Weihnachtsmänner warten beim Arbeitsamt. Ratten schmachten auf einer Parkbank den Mond an wie die Katzen aus ,,Cats" und umarmen sich schließlich innig rammelnd. Dornröschen (Helena Gläser) trippelt herein und ärgert sich über ihren plumpen Prinzen (Sandro Westphal), der zwar die Statur eines Bodybuilders hat, aber nicht mal die Grundposition mit auswärts gedrehten Füßen über Kreuz ohne Gleichgewichtsstörungen hinkriegt.
Ja, mit dem klassischen Ballett steht Thoss komödiantisch auf Kriegsfuß. Auch die Gespensterpuppen ganz in Rosa geraten beim Spitzentanz in Tschaikowskys Stolperfalle, torkeln und rutschen aus. Dafür haben die arbeitslosen Weihnachtsmänner am Ende alle Hände voll zu tun und pfeffern zum ,,Frühlingsstimmenwalzer" ihre Geschenksäcke schwungvoll auf den Boden, bis schließlich Päckchen haufenweise von der Seitenbühne auf die Szene fliegen. Eine schöne Bescherung - und ein böses Erwachen für Clara, denn ihr Weihnachtstraum setzt sich im Leben fort - eine unendliche Geschichte. Das ist ein bisschen böse, ein wenig unheimlich, dabei aber pfiffig inszeniert und spritzig getanzt: eine prallvolle Wundertüte aus dem weihnachtlichen Beschenktheater.
"Merry Christmas?": In Tschaikowskys Stolperfalle. Ballett: Die Wiesbadener Tanz-Compagnie gastiert in Darmstadt mit der Weihnachtskomödie - Darmstädter Echo, 28.11.09 von Stefan Benz