Pressestimmen Der Hauptmann von Köpenick
Regisseur Malte Kreutzfeldt interpretiert Wormsers Evolutionslehre der Uniform im Staatstheater Darmstadt genau entgegengesetzt, streift Preußens Glanz und Gloria ab, zieht dem Hauptmann den Rock aus - und siehe, da steht ein Mensch. Ohne Rang und Abzeichen bleibt die bloße Kreatur.
[...] Vor den hellen Trennwänden, mit denen Bühnenbildner Niklaus Porz Raum und Szenen gliedert, ist das Berliner Lokalkolorit ganz in den Dialekt verlegt. Vom Sittenbild des Wilhelminismus sind nur blaue Uniformen und Pickelhauben übrig. Es ist dies eine stimmige Lesart eines Stücks, das mit seiner Kritik am Militarismus doch längst überholt schien. Und es ist ein Abend, der die Erinnerung an Helmut Käutners stilprägende Verfilmung mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1956 mit dem ersten Bild verdrängt, weil hier eben kein schmunzelndes Schelmenstück vorgeführt wird, der Hauptmann von Köpenick kein Eulenspiegel mit Schulterklappen ist.
Die Regie kauft Zuckmayers Preußen schnell den Schneid ab - und das im besten Sinne. Es ist ein erfreulicher Einstand für den 40 Jahre alten Malte Kreutzfeldt, der bisher noch nicht in Darmstadt inszeniert hat, von dem man aber gern mehr sehen würde: langer, teilweise rhythmischer Beifall und viele Bravos nach zweieinhalb Stunden bei der Premiere am Freitag. Ovationen vor allem für Andreas Manz, der mit seinem uneitlen Spiel längst eine wichtige Stütze des Ensembles ist.
Sein Schuster Voigt ist ein Getriebener in einem System, dem er leise und verzagt ausgeliefert scheint. Vorbestraft, wie er ist, kriegt er keinen Ausweis, ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit keine Unterkunft. Dass dieser Voigt, den es ja wirklich gab, als Urkundenfälscher bei der Polizei einbricht und schließlich im Rathaus einmarschiert, ist die irrwitzige Konsequenz einer Bürokratie ohne Entrinnen. Andreas Manz verkneift sich jeden spitzbübischen Zug, sein Hauptmann triumphiert nicht ob der eigenen Verwegenheit, er erschrickt nur über die Welt, die ihn zu solch einer Verzweiflungstat treibt. [...]
Diese Inszenierung leuchtet vielmehr Charaktere und Karikaturen gespenstisch aus, um wandelnde Psychogramme zu zeigen. Und das gelingt prägnant. Wie die Uniform den Menschen formt und deformiert, zeigt der Abend in drei starken Studien. Tilman Meyn, der sich darauf versteht, Nebenrollen so auszugestalten, dass sie plastisch wie Hauptfiguren hervortreten, führt den Hauptmann von Schlettow als Zwangscharakter vor: Seine Pedanterie hat etwas Paranoides, und seine Uniform ist ihm ein Seelenkorsett, ohne das er in Selbstmitleid zerfließt oder vor Zorn schier platzt.
Uwe Zerwer beugt sich als Bürgermeister von Köpenick so c-förmig, dass auf den ersten Blick klar wird: Dies ist kein orthopädischer, sondern ein moralischer Haltungsschaden. Der Reserve-Oberleutnant ohne Rückgrat sorgt an der Seite von Sonja Mustoff als Gattin mit Hysterie und Panik für eine kleine Farce.
Eher ein Kleinbürgerspuk sind hingegen die Szenen bei Voigts Schwester Marie (Maika Troscheit): So wie Schwager Friedrich den Wilhelm willkommen heißt, klingt das wie eine Drohung. Maries Mann hat den vergeblichen Ehrgeiz, Vizefeldwebel zu werden, weshalb ihm die Uniform eine Zwangsjacke ist. Wenn er von Kollektiv und Korpsgeist spricht, sich an den Säbelschaft kuschelt und das Glück einer kalten Klinge sucht, dann zeigt Matthias Kleinert die halslose Fratze eines manischen Untertanen.
Es sind drei bedrohliche Porträts, drei psychopathologische Befunde, die weit über das Kaiserreich hinausdeuten, die daran erinnern, dass Zuckmayer sein Stück nur wenige Jahre vor Hitlers Machtergreifung geschrieben hat. Der Verführer zum Uniformenkult ist an diesem Abend jener Schneider Wormser, der den blauen Rock religiös wie eine Reliquie präsentiert und lüstern wie einen Fetisch anpreist. Hubert Schlemmer spielt ihn wie einen Illusionisten, der um die verzaubernde Erotik und die kultische Bannkraft der Macht weiß.
Nur einer widersteht diesem Zauber, der ja nur eine Autosuggestion ist: der Schuster Voigt, der in seiner Verkleidung eine tief unglückliche Figur macht. Er hätte das Zeug zum echten Hauptmann gehabt, lobt ihn der schnarrende Gefängnisdirektor (Aart Veder). Andreas Manz aber spielt die Titelrolle, als hätte Wilhelm beim Militär ein schlimmeres Schicksal erwartet: Unter der Uniform trägt er ein zerschlissenes Seelenkostüm, das auch dem Soldaten und Frauenmörder Woyzeck wie angegossen gepasst hätte.
Preußen am laufenden Band. Zuckmayer zwischen Kafka und Büchner: Der Hauptmann von Köpenick im Staatstheater Darmstadt - Darmstädter Echo, 07.12.09 von Stefan Benz

[Es] reicht als Grund für diese Inszenierung schon aus, dass man zweieinhalb Stunden lang neben dem hervorragend disponierten Ensemble Andreas Manz zusehen darf. Manz verkörpert den Schuster Voigt mit jener Eindringlichkeit, die vergessen macht, dass man es hier mit einem Schauspieler zu tun hat, der sich die Rolle hart erarbeitet hat. Dabei verzichtet Manz auf vordergründige Effekte, sein Voigt spricht leise, geht gebückt und ist doch einer, der immer wieder aufsteht, der an das Gute des Staates glauben will, der aber einsehen muss, dass man ihm keinen Anteil an dessen Segnungen zu gewähren bereit ist. Dieser Mensch handelt aus Notwehr, ihm liegt nicht daran, den Staat an der Nase herumzuführen, er ist ein Opfer, das ein einziges Mal im Leben den Mut hat, den Spieß umzudrehen und den Staat mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Sehr zu Recht brandete deshalb nach seinen letzten leise an der Rampe gesprochenen Worten Jubel bei der Premiere auf.
Der Staat mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Carl Zuckmayers Erfolgsstück Der Hauptmann von Köpenick am Staatstheater Darmstadt - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.09 von Matthias Bischoff

Wie gelungen die lnszenierung ist, zeigt schon der Prolog. Noch bevor der exzellente Andreas Manz in Räuberzivil nebst Köfferchen auftritt, präludiert das Märchen-Menetekel der "Bremer Stadtmusikanten" die Sozialkritik: "Komm zu uns, sagte der Hahn. Etwas Bessres als den Tod werden wir überall finden", knüpft das Ende wie zum Beweis daran an. Jetzt aber, im Prolog, erscheint auf einem Laufband ein Offizier und herrscht uns an, wir sollen ,"uffstehn": "Bei Ihnen merkt man auf Schritt und Tritt, desse nich jedient ham."
Zwischen diesen Polen spielt sich Kreutzfeldts Hauptmann ab, mit der Masse Mensch auf Pennerpritschen, an Nähmaschinen und vor der nackten Wand. Es ist der Albtraum einer Maschinerie, aufgelockert von weihevollen Traummomenten, um die Uniform auf dem Denkmalpodest, Berliner Proletenwitz ("Morgenstund ist aller Laster Anfang" – "Müßiggang hat Gold im Mund"), und dem zarten Moment um Voigts sterbende Nichte, die, dank Kreutzfelds ernster Arbeit, Talent verrät. Muss erwähnt werden, dass das Ensemble samt den starken Nebenrollen (Uwe Zerwer als Bürgermeister, Gerd K. Wölfle als Kalle, Aart Veder als doppelter Direktor) wunderbar ist? Viel Beifall für den schönen Abend.
Wo hamse jedient? Das Staatstheater Darmstadt zeigt Zuckmayers Hauptmann von Köpenick Malte Kreutzfeldt inszenierte das "Märchen" als Wunderwerk an Präzision und Wirkung - Frankfurter Neue Presse, 10.12.09 von Marcus Hladek

Eine sommers wie winters mögliche Übersättigung mit Hauptmann von Köpenick-Inszenierungen schafft gerade die richtige Gemütslage für einen Besuch im Staatstheater Darmstadt. Denn dann kann man jetzt erst recht staunen, wie unaufdringlich Malte Kreutzfeldt das Solide mit dem Ausgeflippten verbindet zu einem starken, frechen, bösen Abend auch für Ausgelaugte und Abgebrühte. [...]
Dann aber sieht man den Oberschneider Wormser mit der neuen Schlettowschen Uniformjacke, und die Uniformjacke ist so schön und der Wormser so zufrieden, und Hubert Schlemmer spielt seine Seligkeit wie Charlie Chaplin es getan hätte, und dazu erklingt Musik wie vom Himmel herab. Das ist der Kitsch des Militärischen. Der Preis für diese geniale, mehrfach und immer noch schöner variierte Szene dürfte sein, dass den Zuschauern beim Abhören der Arie "Casta diva" aus Bellinis "Norma" künftig stets preußische Uniformjacken vorschweben werden. Es ist die Sache wert.
Himmlische Uniform. "Hauptmann von Köpenick" in Darmstadt - Frankfurter Rundschau, 9.12.09 von Judith von Sternburg

Vor einem wilhelminischen Bilderbogen, sparsam angedeutet durch Pickelhauben, leuchtende Uniformen und das berühmte Plüschsofa agiert in grellem Kontrast zum tragikomischen Hauptdarsteller ein köstlich witziges Ensemble.
Unmöglich, sie alle zu würdigen: Sonja Mustoff verführt als Plörösenmieze ebenso wie als hysterische Bürgermeistersgattin, Matthias Kleinert gibt Voigts Schwager Friedrich vollendet devot, als sei er Heinrich Manns Roman »Der Untertan« entsprungen und der Gefängnisdirektor (Aart Veder) führt seine Häftlinge zum Jahrestag der Schlacht von Sedan in ein skurilles, fiktives Gemetzel, dessen wahnsinniger Militarismus zum Höhepunkt der Inszenierung gerät.
Für eine geschlossene Gesamtleistung, zu der das Milieu-Berlinerisch ebenso gehörte wie der Kasinojargon der Offiziere, spendeten die Darmstädter frenetischen Schlussapplaus.
Der kalte Krieg in den Amtsstuben. Malte Kreuzfeldts radikal soziale Sicht auf Zuckmayers »Der Hauptmann von Köpenick« begeistert - Main Echo , 11.12.09 von Bettina Boyens