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Was Carl Orff an diesem Stoff gereizt haben mag? Vielleicht eine gewisse Künstlichkeit von Handlung und Figuren, die formalen Strukturen des japanischen Theaters, von No- und Kabuki-Theater. Wenn sich die Handlung meist sehr zeremoniell, in langsamen Bewegungen und Gesten entfaltet, assoziiert man aber auch die Symbolismen eines Maurice Maeterlinck, dessen feine Seelenschwingkunst, die von Debussy so genial in Musik überführt wurde in seiner Oper "Pelléas et Mélisande". An diese Oper erinnern auch manche Klangerfindungen, pentatonische Wendungen in Orffs "Gisei"-Musik. Zweifellos hatte er Debussys Oper, während er „Gisei" komponierte, schon gehört. Aber auch der spätere Komponist Orff scheint in "Gisei" schon auf, in der knappen Konturierung der einzelnen Szenen, deren bündiger Reihung, auch in manchen heftigen knallartigen Akzentuierungen des Orchesters.
Orffs Jugendoper sollte durchaus Chancen haben, das Repertoire unserer Operntheater zu erweitern. Wie John Dew sie höchstpers'6nlieh inszenierte, im strengen japanischen Theaterstil, kann sie auch musikalisch so etwas wie eine subtil komponierte Seelenkunde bieten. Wer die Opern Salvatore Sciarrinos, dessen „Luci mie traditrici" etwa, in ihren langsamen, bohrenden Erkundungen der menschlichen Psyche kennt, könnte Orffs „Gisei" auch als einen (kleineren) Vorläufer solcher psychoanalytisch zergliederten Opern betrachten.
Die Darmstädter Uraufführung in ihrer Optik (Bühne Heinz Balthes, Kostüme José-Manuel Vázquez) und in ihrem ausdifferenzierten Gestenspiel verströmte wahrhaft die Atmosphäre eines originalen japanischen Theaters. John Dew und ein engagiert mitgehendes Ensemble verdienen für ihre Leistung hohes Lob, das ebenso dem Orchester des Staatstheaters unter Constantin Trinks gebührt.
Nach einer längeren Pause, bedingt durch den Umbau des Bühnenraumes, vor allem aber durch das Umräumen im Orchestergraben (Orffs gewaltiger Perkussionsapparat stellt eben große Ansprüche), dann Orffs erstaunlich selten aufgeführtes Spiel vom Ende der Zeiten "De temporum fine comoedia". Als das Werk erschien, gab es häufiger süffisante Kommentare über das ambitionierte Bildungstheater in Griechisch, Latein und Deutsch. Heute, so will es nach der grandiosen Darmstädter Aufführung scheinen, ist unser Sensorium für das Katastrophische in Orffs "De temporum fine" erheblich gewachsen. Orffs Werk von 1973 hat sozusagen den 11. September 2001 und das Erdbeben von Haitii eingeholt. Das Ergebnis: packendes Gegenwartstheater.
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Vorlage die von Karl Florenz übersetzte japanische Tragödie „Terakoya", die der 17-jährige Carl Orff 1912 für seine Oper „Gisei" - Das Opfer - in Anlehnung an die Dramen Maeterlincks bearbeitete. Auch Regisseur John Dew zehrte nun von der traditionellen japanischen Theaterästhetik, packte die Figuren dieser 98 Jahre zu späten Uraufführung nicht nur in prächtige Seidengewänder, sondern übernahm auch Bewegungsmuster und Ausdrucksornamente des japanischen Theater-Ritus. Allzu viel an Ausstattung würde allerdings vom Geschehen ablenken. Es beginnt harmlos: Lehrer Genzo unterrichtet acht Dorfkinder im Schreiben. Sie sitzen an Bodenpulten vor einem riesigen Paravant mit japanischen Baumotiv. Dazu aber grummelt es bereits bedrohlich aus dem Orchestergraben. Große Trommel, Donnermaschine, Windmaschine und ein Frauenchor „mit geschlossenem Mund" sind der Szene vorgeschoben, die Bassklarinette stimmt ein dunkles Solo an, später kommen Perkussion und Becken hinzu, aber damit ist das später zum Typus gewordene Orffsche lnstrumentarium erst einmal erschöpft.
Das Orchester – hier das bestens vorbereitete Staatsorchester Darmstadt unter Leitung von Constantin Trinks, weitet sich mit Horn, Oboe, Trompeten, Posaunen und lebhaften Streichern ausdrucksvoll zu einem spätromantischen Klangapparat. Das ist ungewohnt bei Orff. Später gibt es sogar noch Wagnersche Klangzitate, und man versteht, warum Orff diese trotz der nur 80 Minuten Dauer große und großartige Oper versteckt hielt. Es ist zwar musikalisch ein ausgewachsenes und modernes Stück Musiktheater, aber dem späteren Orff in seinem Sinne nicht modern genug. Da sind noch zuviel Wagner und Debussy, Brahms und Ravel – auch wem er nie eklektizistisch, nie mit direkten Zitaten oder allzu engen Anlehnungen arbeitet.Die Dorfkinder üben sich in der kunstvollen japanischen Schrift, als Frau Chiyo (Anja Vincken) den neuen Schüler Kotaro (glanzvolle Hosenrolle für Aki Hashimoto) hereinbringt. Lehrer Genzo (bis zum Schluss überzeugend: Oleksandr Prytolvuk) erschrickt über die Maßen über die äußere Ähnlichkeit des Kindes mit seinem Sohn und Schüler Kwan Shusei. Der ist nämlich nicht sein leiblicher Sohn, sondern erstens Adoptivkind´und zweitens der Sohn des gestürzten und ermordeten Kanzlers Michizane. Verzweifelt hält er seiner Frau (sicher und klar: Susanne Serfling), die den Jungen angenommen hatte, vor: ,,Sahst du nicht die Ähnlichkeit der beiden Knaben?" Die Töne erinnern an die Magd aus Bachs Matthäus-Passion, die Petrus zu Rede stellt. Und gleiches Unheil droht auch hier. Schon im Vorspiel orakelten zwei vermummte Gestalten wie in griechischer Tragödie: ,,Mein armes Weib. Sieh das Blut. Erhebe dich, mein teures Weib: Gebiete deinem Mutterschmerz. Ich fliehe diesen Ort. Bis wieder die Sonne sinket, und der Abend die nahende Nacht verkündet." Schon dieses Vorspiel bietet sich natürlich an für eine elaborierte Musiksprache, wie sie die Spätromantik vom frühen Wagner bis zum frühen Schönberg offeriert, und wie sie Richard Strauss auf seine persönliche Art weiter geführt und verfestigt hat. Doch genau dies wollte Orff offenbar nicht. Auch wenn er hier noch den großen Orchesterapparat benutzt, auch wenn er die Partitur mit zahlreichen Detailanmerkungen umfangreich ausformuliert, so ist „Gisei" doch viel lichter als vergleichbare Partituren der Zeit. Schon der junge Orff wendet sich ab vor überschäumenden Klangorgien, sein Weg, das scheint er hier schon zu spüren, ist auf jeden Fall ein anderer. Er sucht ihn in dieser Oper, und zwar auf höchst kreative und seriöse Weise. Man spürt: Er will kein Blender sein. Er will die Menschen im Innersten bewegen, und dazu kommt es nicht unbedingt auf mannigfachste Mittel und größtmögliche Materialschlachten an. Das mag für Musiker eine Binsenweisheit sein, in der rauschhaften Zeit kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs aber, als Orff diese Oper schrieb - er vollendete sie als 18-jähriger am 5. Juni 1913 -, da ging es nicht mehr um klassische Bescheidenheit, sondern um ein selbstsicheres und lautes Auftrumpfen der Moderne und den Kampf um die Führerschaft dieser Avantgarde. Carl Orff, das weiß man nun nach der Uraufführung seiner Oper ,,Gisei" hätte da ein gewichtiges Wort mitreden können, hätte in der Tradition der sogenannten Neudeutschen Schule in der Nachfolge Wangers und an der Seite von Richard Strauss eine ganz ändere Entwicklung einschlagen können.
Als die Gefolgsleute des neuen Tyrannen herausgefunden haben, dass der Sohn des ermordeten Kanzlers noch lebt, sinnt Lehrer Genzo auf eine List – er liefert dem vom alten Kanzler zum neuen Tyrannen übergelaufenen Vasall Matsuo den Kopf des neuen Schülers, der dem Gesuchten so ähnlich sieht. Matsuo ist zufrieden, der Zuschauer entsetzt, als der Kopf wie bei Salome auf einem Tablett hereingetragen wird. Schimmer trifft es die Mutter, die in die Schreibschule kommt, um ihren Sohn zu besuchen. Genzo ersinnt eine weitere List: nämlich auch die Mutter zu ermorden.Da stellt sich heraus. dass sie, zusammen mit ihrem Mann Matsuo, dem Veräter, auch diese Sache gezielt eingefädelt hatten. Sie opferten ihren eigenen Sohn, um den Sohn des von ihnen verratenen Kanzlers zu retten. Der Verbrecher erhebt sich selbst zum Schicksal wendenden Gott. Es ist eile überraschend schnelle, kalte Wende, die Orff mit knapper Erlösungsmusik rasch beendet. So erlebt man hier den furiosen Beginn eines jungen Musikgenies, der später ganz andere Wege beschritt.
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Bühnenbildner Heinz Balthes und Kostümbildner José-Manuel Vásquez haben das Geschehen in ein Madame Butterly-Ambiente gestellt, John Dew hat den Akteuren zu einer Gestik verholfen, die das vollkommen Beherrschte ihrer inneren Dramatik als mächtigen Spannungsgeber vermittelt. In prächtiger Gewandung mit gemessenen Schrittfolgen wird ein zeremoniöser Ausdrucksraum geschaffen, der Starrheit und brodelndes Unheil vereint. Orffs Klangbildungen sind dabei wie eine musikalische Grundierung: eigentlich eine einzige Aussparung aus wenigen Strichen und Flächen, als sei mit dem Tuschpinsel komponiert worden. Und Constantin Trinks trifft mit dem exzellenten Staatsorchester Darmstadt perfekt den in seiner Flüchtigkeit und Leichtigkeit besonders lastenden Ton. Das Solistenensemble der sieben Rollen war ausgewogen - Oleksandr Prytolyuk und Susanne Serfling sowie Andreas Daum und Anja Vincken boten die herausragenden Stimmprofile.
[...] Alle Momente der ekstatischen Artikulation auf der Basis des bohrenden rhythmischen Klanggrunds sind hier in einer überindividuellen, kaum solistische Exponierung ermöglichenden Weise konzentriert. Der phänomenale, auch choreografisch perfekte Chor, Extrachor und Chor des Musikvereins Darmstadt samt Kinderchor, das hart geformte Orchester, die hochgesteigerten Solisten-Ensembles - großartig. Bühne, Licht, Choreografie und Regie gelang eine bildstarke, absolut durchgestaltete, das Proklamatorische zum Ereignis machende Einheit. Keine Illustration, nur fetischhafte Zeichen, dann Leere, Wüste, Licht. Und weil man in Darmstadt weiß, dass Größe Struktur, dass Klarheit Form und eben kein Gefuchtel braucht, war das ein Vorgang wunderbarer Fesselung: die Oper als letzte große Kultform am Ende der Zeiten.