Eine Bilderbuchoperette hat Ansgar Weigner mit Benatzkys „Im weißen Rössl“ auf die Bühne gebracht. Seit vergangenem Samstag ist das Stück im Staatstheater Darmstadt zu sehen. [...]
Dem Wiesbadener Staatstheater ist mit der schwungvollen Inszenierung von Ansgar Weigner, der geistreichen Choreografie von Torsten Gaßner, der alpenländischen Postkartenidylle im Bühnenbild von Matthias Müller und den fantasievollen Kostümen von Renate Schmitzer eine brillante Produktion gelungen, die neben rasanten Szenenfolgen, einem Füllhorn humoristischer Einfälle mit sich jagenden Pointen und ironischen Hakenschlägen, auch nachdenkliche, in der Tiefe gründelnde Brechungen mit kontemplativen Momenten einbezieht.
Für den Dreiakter, der die Geschichte der resoluten Rössl-Wirtin erzählt, die sich zunächst ihrem Anbieter im eigenen Haus, dem Zahlkellner Leopold, verweigert, ihn aber schließlich doch erhört und zum Teilhaber ihrer bekannten Hotelpension erhöht, betreiben die Wiesbadener einen luxuriösen Bühnenaufwand. Der Ausflugsdampfer legt am Steg vor dem stattlichen Gasthof an, die Gondel einer Drahtseilbahn schwebt in die Höhe, ein Heißluftballon senkt sich herab, und vor dem imposanten Bergpanorama tummelt sich die krachlederne, alltagsferne Urlaubswelt. Fesche Burschen schuhplatteln in Lederhosen, die Dorfjugend dreht sich im Ländler-Takt, Sennerinnen schwingen ihre Heugabeln, der Oberförster lässt seinen Hund von der Leine, Kellner, Stubenmädchen und Köche sind flink auf den Beinen. Sogar die Kühe tanzen Walzer und lassen ihre Schwänze zu schmissigen Schlagermelodien kreiseln, während Rosen aus dem Misthaufen sprießen.
In diesem Ganze-Welt-Himmelblau hört man die Gesangsnummern, die als Evergreens inzwischen fest verwurzelt sind, besonders gern. Der sympathische Leopold schwärmt ,,Es muss was Wunderbares sein, von ihr geliebt zu werden", und der weltmännische Asphalt-Berliner Dr. Siedler verkündet: ,,Im weißen Rössl, da steht das Glück vor der Tür, tritt ein und vergiss deine Sorgen."
Dem Versprechen dieses kollektiven Glücks scheint der Regisseur, der in Darmstadt eine viel beachtete ,,Fledermaus" inszeniert hat, nicht zu trauen und erfindet eine graue Kontrastfigur: Der Komponist Benatzky geistert als kritischer Beobachter wie ein dunkler Schatten durch die Inszenierung, betrachtet skeptisch das turbulente Geschehen und hält seine Eindrücke in seinem Notizbuch fest. Sein Koffer erinnert an die nationalsozialistische Machtergreifung und daran, dass Benatzky aus dem amerikanischen Exil als gebrochener Mann zurückkehrte. Am Ende sitzt er - Realität und Fiktion verschwimmen - mit grimmiger Miene auf dem Bühnenrand, bevor er verbittert die Szenerie verlässt.
Derweil sonnen sich die Mitwirkenden im umjubelten Erfolg einer gut zweieinhalbstündigen Aufführung: Annette Luig ist als Rössl-Wirtin Josepha eine smarte, auf Massentourismus bestens eingestellte Geschäftsfrau, Thomas de Fries (Zahlkellner Leopold) lässt neben baritonaler Forschheit auch Wienerische Sentimentalität zu (,,Zuschaun kann i net"), Jürgen Rust ist mit kleinbürgerlicher Schnoddrigkeit und Arroganz der ewig nörgelnde Fabrikant Gie secke, Jud Perry der elegante Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler. Sein feiner Tenor mischt sich gut mit dem Sopran Simone Brählers (Fabrikantentochter Ottilie). Erik Biegel und Marie Smolka sind ein tänzerisch und stimmlich bewegliches Buffopaar: Sigismund gewinnt auch ohne Haarpracht mühelos das einfältige, lispelnde Klärchen, Tochter des redefreudigen Professors und Eisenbahnfetischisten Hinzelmann (Wolfgang Vater). Der Auftritt des Kaisers Franz Josef in einem prunkvollen Schwanen-Wagen gehört zu den inszenatorischen Glanzpunkten. Zygmunt Apostol, zur Musik plaudernd im Stile Paul Hörbigers, ist es als schläfriger Deus ex machina vorbehalten, mit trivial-weisen Ratschlägen den hauptsächlichen Liebeskonflikt zwischen Josepha und Leopold zu bereinigen und das alpenländische Glück perfekt zu machen.
Das Orchester des Staatstheaters liefert einen würzigen Operettensound, angereichert mit zarten Tönen (Zitherspiel). Sinfonischer Aplomb und bajuwarischer Blasmusik-Protz bestimmen die Tanznummern, rhythmischer Drive ist die Vorgabe für die Gesangssolisten, den Chor und den hervorragend agierenden Kinderchor des Darmstädter Staatstheaters (Einstudierung: André Weiss, Lothar Krause). Wolfgang Wengenroth konnte am Dirigentenpult häufige Diskrepanzen zwischen Orchestergraben und Bühne nicht vermeiden.
Verwundern musste, dass die Plätze im Großen Haus nicht einmal zur Hälfte besetzt waren. Die so etwas frostige Atmosphäre mag wohl auch der Grund gewesen sein, dass nicht alle Bühnen-Gags zündeten. Gleichwohl gilt vorbehaltlos, was Kaiser Franz Josef am Ende resümierte: ,,Es hat mich sehr gefreut, es war sehr schön".