Man kann sich nicht erinnern, während der Vorstellungen auf die Uhr geschaut zu haben. Ständig will man wissen, was die Figuren tun, wie sie es tun, warum sie es tun. So muss Theater sein. // Darmstädter Echo zu Volpone | Timon von Athen
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Gleich zwei ziemlich umfangreiche Stücke, beide entstanden im England des beginnenden 17. Jahrhunderts, illustrieren die Erkenntnis, dass Geld den Charakter verdirbt. Das mag eine Binsenweisheit sein, die so alt ist wie die Geschichte des Geldes selber. Aber wie sie von Ben Jonson in Volpone und Shakespeare in Timon von Athen formuliert wird und was Helles Regie daraus macht, das lohnt einen langen Abend: Die reine Spieldauer beträgt über dreieinhalb Stunden, dazwischen liegt eine gut halbstündige Pause, und wenn man das Theater verlässt, ist es dreiviertelzwölf. Aber man kann sich nicht erinnern, während der Vorstellungen auf die Uhr geschaut zu haben. Ständig will man wissen, was die Figuren tun, wie sie es tun, warum sie es tun. So muss Theater sein.
In Volpone entwickelt Helle eine pralle Typenkomödie, die ihr abgezirkeltes Spiel offenbart, wenn die Akteure in den Szenenwechseln zur schrägen Unterhaltungsmusik Gregor Schwellenbachs verzückt tanzen. [...]Tom Wild lässt den Anwalt Voltore im faden Anzug schillern, Andreas Manz als Wucherer Corbaccio tänzelt mit der Gehhilfe in Richtung des vermeintlichen Reichtums und haut in seiner Gier gerne auch den eigenen Sohn übers Ohr, den István Vincze als auftrumpfenden Pennäler-Typ auf die Bühne bringt. Thomas Cermak spielt den chronisch eifersüchtigen Corvino, der für die erhoffte Erbschaft in rüpelhaften Zuhälterton verfällt, um seine Frau (Anne Hoffmann) zu verkaufen. Da ist die Art der Erbschleicherei, wie Canina sie betreibt, doch sympathischer: Maika Troscheit ist die erfahrene Hure, der es nur um den Trauschein geht, weil ihr Kind nicht unehelich auf die Welt kommen soll.
Gier ist eben keine gute Charakterschule, aber Volpone übertrifft die fiesen Typen noch: Sein Antrieb ist die Jagd und nicht der Besitz, sein Vergnügen ist es, als Raubtier-Dompteur die Giftschlangen tanzen zu sehen. Hubert Schlemmer lässt ihn, je nach Situation, lustvoll leiden und intrigieren, jammern und jubeln, aber er zeigt auch die Ernüchterung, die mit der zunehmenden Glücklosigkeit einhergeht. Unterdessen lässt Tilman Meyn den Gehilfen und Diener Mosca fast unmerklich vom Zeremonienmeister des Betrugs zum Meisterbetrüger wachsen.
Das zu erleben, ist ein kurzweiliges und intelligent arrangiertes Vergnügen, in das ein boshafter Ernst kriecht. Wer nun nachhause geht, hat einen guten Theaterabend erlebt und doch das Beste noch versäumt. [Es] senkt sich der Eiserne Vorhang, und das Publikum ist eingeschlossen mit der Geschichte, die wie ein heiteres Fest beginnt und sich zunehmend verdunkelt. [...] Timon ist vor der Athener Stadtgesellschaft in den Wald geflüchtet. So lange er Geld besaß und freigiebig damit umging, war er der Mittelpunkt der Gesellschaft. Als er die Freunde braucht, üben sie sich aber in Ausflüchten. So bitter ist die Enttäuschung, dass dieser Timon zum Wilden wird, und Uwe Zerwer spielt diese Verwandlung mit bestürzender Wucht. [...] In wechselnden Rollen zeigt das Ensemble eine Gesellschaft geschmeidiger Geschäftigkeit, in der die Moral der störende Widerhaken ist. Timons moralischer Anspruch wird zur Krise des Staatsverständnisses. [...] Die Inszenierung macht sich nicht gemein mit der radikalen Moralität ihres Titelhelden. Sie zeigt auch die Selbstgerechtigkeit des Moralisten. Aber sie ist beklemmend deutlich in ihrer sehr aktuellen Diagnose, dass die ausschließlich materielle Orientierung einer Gesellschaft das Ende von Kultur und Zivilisation bedeutet. So hängen die beiden Teile dieses Doppelabends an vielerlei Verbindungsfäden zusammen. Gegen Ende sieht man István Vincze als Poet, der eine Komödie der Schmeichelei schreibt. Sie könnte Volpone heißen.
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Es ist der magische Kosmos von Shakespeares Sprache – in einer modern gestrafften Übersetzung von Holger Teschke –, die alle in ihren Bann zieht und zu adäquaten Leistungen herausfordert. Unfertiges Stück hin oder her: Das expressive Potential der Rollen spornt alle Beteiligten an, individuelle Persönlichkeitsskizzen zu entwerfen. Regisseur Helle und seine Akteure schaffen dies durch eine Art Selbstbelauschung bei der Bewältigung der so gewaltig musikalischen Texte. Mit einem von Shakespeare nicht vorgesehenen Chor intensiviert Helle die Handlung. Per Video werden einzelne Figuren, ihre Gesichter herausgezoomt, was eine zweite Reflexionsebene schafft. [...]
Nackt, mit Lehm beschmiert, schreit diese Kreatur ihre Wut heraus, will kaputt machen, was Timon kaputt gemacht hat. Alcibiades (Tom Wild) stopft er die Taschen voll Gold, das er im Wald gefunden hat, damit dieser Athen schleife und weder Greis noch Kind verschone. Die Huren Phrynia (Anne Hoffmann) und Timandra (Maike Troscheit) bekommen ihren Lohn in die Unterwäsche gesteckt, damit sie den Männern von Athen die Lustseuche anhängen. Im großen Dialog mit dem Philosophen Apemantus (Andreas Manz) triumphiert Timon selbst über den Zyniker. Dieser Timon ist ein Leidensbruder König Lears: Uwe Zerwer gibt ihm die Konturen eines Opfers im finalen Aufbäumen. "Der letzte Mensch war ich", schreibt er als Vermächtnis der abgrundtiefen Enttäuschung an die Wand. "Das Höchste, was wir hoffen können, ist, Shakespeare auf eine neue Weise nicht gerecht zu werden", hat T.S. Eliot gesagt. Regisseur Helle und seine Truppe haben einen überzeugenden eigenen Weg gefunden, dem schwierigen "Timon von Athen" Sinn und pralle Sinnlichkeit zu geben.