Pressestimmen Ein Engel Leonore

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Beethovens Oper wird in der das Symphonische der Musik hervorhebenden Klavierfassung zu vier Händen von Alexander Zemlinsky live gespielt. Der Schlussapplaus des begeisterten Publikums geriet für Joachim Enders und Bernhard Kießig besonders üppig. Sie enthalten sich einer gefühligen Interpretation und werden von Ulrich geschickt als choreographisches Element einbezogen: Die beiden drehen sich immer wieder mit dem Flügel auf der Drehbühne, die Gefangenen kriechen zuweilen sogar unter ihrem Flügel hervor ins Bühnenhalbrund.
[...] Fließende Bewegungen, viele Drehungen, Arabesken und schöne, akrobatische Hebungen in den Duetten verleihen Ulrichs Choreographie etwas ausgesprochen Harmonisches.

[...] Überhaupt beweisen die schönen Empirekleider und Uniformmäntel in Weiß- und Graublautönen von Bjanka Ursulov, dass auch viel Stoff mit schlichter Eleganz tanzbar ist.

Triumph der ehelichen Liebe. Es schneit: Jochen Ulrichs Choreographie Ein Engel Leonore am Staatstheater Darmstadt - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. April 2010 von Eva-Maria Magel

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Das Engagement des Linzer Ballettdirektors für sein abendfüllendes Handlungsballett Ein Engel Leonore erwies sich als Glücksfall. Denn beispielhaft und in Form einer fünfzehnteiligen Collage verdeutlicht hier der Choreograf den analytischen Ansatz des Tanztheaters und dessen aus der mehrdeutigen Welt des Unbewussten gespeisten Bewegungsverständnisses: Nicht mehr der schöne Tanz und der große Faltenwurf waren nunmehr die Ziele, sondern die Formulierung der psychologischen Exaktheit einer Rolle sowie die bildhafte, präzise Aussage und die geistige Durchdringung der Stücke. [...]
Wie er den großgewachsenen, schlaksigen Daniel Gillard als Kerkermeister Rocco in diesem Revolutions- und Liebesdrama einsetzt, ihn dramaturgisch in den Mittelpunkt stellt und alle anderen Personen wie Fixsterne um ihn herum agieren lässt, ist nicht nur ein schlüssiger Einfall, sondern treibt auch die Qualitätslinie des Stücks vom ersten Takt an nach oben. [...]
Bühnenbildnerin Alexandra Pütz stellt das Stück in ein mit Birkenrinde ausgekleidetes Halbrund, das mitunter wie ein Käfig oder wie eine Arena wirkt, auf deren Boden weißer Kunstschnee ausgebreitet ist, sodass sich auch ein Vergleich mit sibirischen Gulags einstellt. [...]

Stark ist dadurch nicht nur die außerordentliche Bewegungsvielfalt, die Jochen Ulrich mit dem Darmstädter Ensemble praktiziert und dazu wunderbar sanfte Paar-Konstellationen entwirft. Spannungsreich und plausibel wird auch die Befindlichkeit des übrigen Personals aufgezeigt. Riesengroß etwa ist die Enttäuschung bei Roccos Tochter Marzelline (Victoria Viles), die sich in den vermeintlichen männlichen Helfer verliebte und ihrem Verlobten Jacquino (Anthony Kirk) die kalte Schulter zeigt. Mitten im Freudentaumel stampft sich die Getäuschte ihre Wut aus dem Bauch, und von „namenloser Freude" im übrigen Erlösungstaumel kann zumindest bei ihr keine Rede sein.

Kerkermeister im Kunstschnee. Tanztheater: In seiner Darmstädter Choreografie nach Beethovens Fidelio rückt Jochen Ulrich den Rocco ins Zentrum - Darmstädter Echo, 19. April 2010 von Elfriede Schmidt

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Sie hebt die Arme, stellt sich auf die Zehenspitzen und legt den Kopf in den Nacken. Dann fallen die Schneeflocken auf sie herab. Ganz leise, ganz langsam. Und sie steht einfach nur da, atmet, während ihre Fingerspitzen die Flocken zu fangen suchen. Federleicht sieht das aus, schwerelos, grenzenlos.
Es sind genau jene Szenen, die das Tanztheater »Ein Engel Leonore« wie ein kostbares, schönes Gemälde wirken lassen. Der Linzer Choreograph Jochen Ulrich studierte sein Werk mit dem Ballett des Staatstheaters Darmstadt ein. Ein überaus geglücktes Unterfangen. [...]
»Ein Engel Leonore« ist der 1814 entstandenen Oper »Fidelio« von Ludwig van Beethoven nachempfunden. Doch das Werk erscheint hier als Klavierauszug zu vier Händen, den Alexander von Zemlinsky 1902 verfasst hat. Zwei Pianisten - Joachim Enders und der aus Aschaffenburg stammende Bernhard Kießig, der in Darmstadt als Repetitor tätig ist - meistern diese anspruchsvolle Partitur und werden selbst zu einem Stück Inszenierung. Gerade diese intime Situation mit dem klanggebenden Instrument direkt auf der Bühne verleiht dem Tanztheater eine große Intensität.
Eingeschlossen in ein raumhohes, eisiges Rund, das einen Kerker symbolisiert, kreisen die Tänzer um sich selbst - unfähig, aus dieser Situation auszubrechen. In dieser unwirtlichen, kalten Welt zerbrechen Menschen an ihren scheinbar unerfüllbaren Träumen und Wünschen. Allen voran Florestan (Simone Deriu), der mit seinen Mitgefangenen gegen das Verrecken in der Finsternis hilflos aufzubegehren versucht. Leonore (Andressa Miyazato) stiehlt sich in das Gefängnis, um ihrem Mann beizustehen. Als Soldat Fidelio verkleidet versucht sie ihm nahe zu sein. Und erlebt all die Erniedrigungen und Gewalttätigkeiten hautnah.
Doch nicht sie, auch nicht ihr geschundener Mann stehen im Mittelpunkt der Inszenierung. Ulrich hat den Kerkermeister Rocco (Daniel Gillard) ins Zentrum des Geschehens gerückt. Gillard tanzt ihn als einen Menschen, der an seinen inneren Widersprüchen zu bersten droht. Einerseits muss er seinem Herrn Don Pizarro und damit dem Bösen dienen, andererseits hat er Mitleid mit den Gefangenen. Doch mit dem Kampf dieser Nebenfigur erweitert Ulrich die Oper um die Darstellung reiner, uneigennütziger Liebe. Denn nur durch Roccos Hilfe gelingt es Florestan und seinen Leidensgenossen, Pizarro zu überwältigen und zu töten. Und wo Rocco in raumfüllenden Gesten des Schmerzes seiner einsamen Verzweiflung Ausdruck verleiht, findet dies ein Echo in den leichtfüßigen Szenen mit seiner Tochter Marzelline (Victoria Viles), die sich unglücklicherweise ausgerechnet in die als Fidelio verkleidete Leonore verliebt.

Ulrich outet sich mit seiner Choreographie als hoffnungsloser Romantiker mit Sinn für Dramatik. Kostüme (Bjanka Ursulov), Bühne (Alexandra Pitz), Musik und neoklassischer Tanz verschmelzen zu einem großen Ganzen, das an Gemälde des 19. Jahrhunderts von Caspar David Friedrich erinnert. Nicht von ungefähr muss man an dessen Werk »Mönch am Meer« denken. Diese Leere, diese Kälte, dazu die einsamen, verlorenen Töne des Flügels, kein Orchester, das ablenkt von diesem unwirtlichen Ort, auf den der Zuschauer blicken muss - ob er will oder nicht. Und darin wie zierliche Zinnfiguren die Handelnden des Stückes. Die sich zum Schluss alle finden. Marzelline fällt in die Arme Jaquinos, der befreit von der Last Don Pizarros sein Glück kaum fassen kann. Rocco kommt endlich zur Ruhe nach dem unablässigen Umherirren. Und Florestan steht erschüttert vor Leonore. Die ihre Männerkluft abgelegt hat und nun ganz Mensch ist. Und nicht länger ein durch den Schnee tanzender Engel in einem Fiebertraum.

Wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich. Jochen Ulrich inszeniert Ein Engel Leonore mit dem Ballett des Staatstheaters Darmstadt - Romantisch und hoch dramatisch - Main Echo, 23. April 2010 von Bettina Kneller
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