Pressestimmen Der Impresario von Smyrna

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Regisseur Peter Hailer bürdet dem Lustspiel nicht die Last der Aktualität auf - und macht damit nichts verkehrt und vieles richtig: Kräftiger Beifall und einige Bravos nach pausenlosen 90 Minuten bei der Premiere am Freitag für das ausgeglichen besetzte und gut aufgelegte Ensemble.
Der Venezianer Carlo Goldoni (1707-1793), der die volkstümliche Commedia zur Charakterkomödie veredelt hat, zeigt hier eine andere Handschrift, ein spöttisches Künstlerdrama als Milieusatire. Nach dieser Staatstheater-Premiere mag man sich fragen, warum die 1928 am Darmstädter Landestheater ersterprobte deutsche Fassung des Dramaturgen Paul Kornfeld nicht zum Komödien-Kanon gehört. [...]
So schmal die Handlung ist, so bunt ist die Figurenpalette dieser Typenkomödie. Tilman Meyn ist als Ali aus Smyrna ein stolzer Kulturbanause und herrischer Pascha, vor allem aber ein Manager, der statt mit schönen Stimmen ebenso gut mit Autoreifen handeln könnte.
Wer Falsett singt, ist für ihn ein Eunuch, weshalb Ali dem Sänger Carluccio auch die Männlichkeit abspricht. Heinz Kloss versucht in dieser Rolle gar nicht erst komisch zu fisteln, wie auch die anderen Schauspieler sich nicht damit mühen, glaubhaft Opernsänger abzugeben. Carluccio ist bei Kloss vor allem eine Bohèmefigur und ein taktstockfechtender Schmierenkomödiant, der seine übernächtigte Eitelkeit mit Mantel, Schal, Sonnenbrille und langer Unterhose vorführt. Unter den Herren hat er neben dem Impresario den markantesten Auftritt.
Gerd K. Wölfle als muffliger Wirt, Hans Matthias Fuchs als Dichter mit Bierpulle und Lederjacke, Tom Wild als wichtigtuerischer Selbstdarsteller mit Grafentitel, Hubert Schlemmer als vorwitziger Theateragent und Harald Schneider als Sänger unter der Fuchtel einer Diva setzen kleine, feine Farbtupfer ins Gruppenbild, das von drei Damen dominiert wird, die als Primadonnen prima Zicken sind.
Karin Klein geht mit vollem Temperament zur Sache, wobei ihr ätzendes Schnarren mehr russisch als italienisch anmutet: Diese Kampfsopranistin hat nicht nur Haare auf den Zähnen, sondern auch auf den Stimmbändern. Iris Melamed zeigt ihre indisponierte Lucretia als elegant-servile Hinterbühnentaktikerin, von der wir nicht annehmen müssen, dass sie auch nur einen sauberen Ton herausbringen kann. Und Annina aus Bratislava kommt bei Christina Kühnreich mit Mantel und roter Baskenmütze derart offensiv verhuscht daher, dass man ihr bestenfalls eine Stelle als Sekretärin andienen möchte. Ihr Selbstwertgefühl ist von Anfang an so gering wie die Gagen, die der Türke verspricht. Der zeternde Zank der Diven überdeckt die melancholische Note, die auch im entwürdigenden Gefeilsche ums Engagement liegt. [....]
Diese Hafenstadt liegt offenbar im Landkreis Überall. Das ist von Darmstadt aus betrachtet noch weit genug weg, um das Künstlerdrama unbeschwert zu nehmen, die Geschichte vom verarmten Theater in eine gut ausgestattete Inszenierung zu betten. Wenn man schaut, was mit der grundgesetzlichen Schuldenbremse ab 2011 auch auf unsere Staatstheater zukommen mag, könnte einem der Spaß bald vergehen. Aber noch hat Darmstadt mit diesem Goldoni gut lachen.

Carlo Goldonis Der Impresario von Smyrna ist am Staatstheater Darmstadt eine bunte Typenkomödie - Darmstädter Echo, 10. Mai 2010 von Stefan Benz

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Die Figuren der schwungvoll-heiteren Darmstädter Inszenierung […]: „Größenwahnsinnige Narren“ nennt einer der beiden mit der Zusammenstellung des Ensembles beauftragten die Agenten (kühl berechnend: Tom Wild als Graf Lasca, verschmitzt: Hubert Schlemmer als Nibio) die ausgewählten Künstler. Skurriler könnten sie kaum sein. Der Falsett-Sänger Carluccio (sprühend komisch: Heinz Kloss), anfangs ein Ritter der traurigen Gestalt mit Borsalino und langen Unterhosen, verwandelt sich durch die Aussicht auf ein Bühnenengagement in einen eitlen Fatzke mit Starallüren. Drohen ihm jedoch die Felle davonzuschwimmen, schreckt er nicht davor zurück, sich demütigen zu lassen. Ein Los, das er mit dem Dichter Maccario (Hans Matthias Fuchs) und dem blassen Sänger Paqualino (Harald Schneider) teilt. Empfindsam bis überspannt schillernd gibt sich Annina (Christina Kühnreich) vor dem Impresario und ist doch ebenso unbescheiden wie ihre Kollegin Lucrezia (Iris Melamed), die sich vom verheulten Flittchen zur ehrgeizigen Femme fatale mausert. Als Mischung aus derber Furie und kurvenreicher Intrigantin beeindruckt Karin Klein als Tognina. […] Auch wenn ihr Schicksal keineswegs romantisch verklärt erscheint, scheitern die Figuren der Darmstädter Inszenierung doch mit rührender Grandezza.

Größenwahnsinnige Narren. Typisch menschlich: Goldonis Der Impresario von Smyrna am Staatstheater Darmstadt - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09. Mai 2010 von Katja Möhrle

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Die Zuschauer bekommen eine Portion Künstleralltagswahnsinn gezeigt, komisch, aber nicht turbulent. Das lebt von Differenzierungen: Die Eitelkeit ist bloß die andere Seite der fatalen Verletzlichkeit. Das Hauen und Stechen ergibt sich aus dem Leben im Prekariat.

Das Künstlertrüppchen – hier die Primadonnen in spe Karin Klein, Iris Melamed und Christina Kühnreich, dort ihre jammervollen männlichen Pendants Harald Schneider, Heinz Kloss und Hans Matthias Fuchs – haust in einem preisgünstigen Gasthof. Der reiche Herr Ali (Tilman Meyn) hingegen, der ein Ensemble zusammenstellen will, von Tuten und Blasen jedoch keinen Schimmer hat, logiert in einem prächtigen Theater (Ausstattung: Martin Fischer): Das ist die Ironie des Kapitalismus. Und über schwache Nerven und starke Allüren kann man auch leichter spotten, wenn man selbst nicht jeden Abend vor Publikum spielt und singt. Die Agenten und Vermittler, Hubert Schlemmer und Tom Wild, sind jovial, aber gleichmütig, nein, keiner will auf solche Leute angewiesen sein.
Die Frage bleibt allerdings: Sind diese Opernsängerinnen und -sänger als Künstler nun die Nieten, für die man sie im Laufe des Abends hält? Hailer lässt das offen, aber gelegentlich leise Musik einspielen, die einen sofort daran erinnert, dass man vor allen Beteiligten einer Opernproduktion schon im Prinzip in die Knie gehen muss. Narren seid ihr doch auch, ruft Karin Klein uns zu, aber wir Künstler sind wenigstens Narren, die sich Mühe geben. Ja!

Ironie des Kapitalismus. Die Primadonnen und der Ignorant: Impresario von Smyrna am Staatstheater Darmstadt - Frankfurter Rundschau, 10. Mai 2010 von Judith von Sternburg

 

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