Pressestimmen Anatevka

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Dabei ist die Produktion von Joseph Stein und Jerry Bock mit seiner feinsinnigen Rhetorik in manchen Partien fast ein Lehrstück, das jüdische Tradition, gesellschaftliche Konvention und politische Optionen reflektiert. Tewjes Abwägungen des Einerseits-Andererseits, die er immer anstellt, wenn er mit etwas konfrontiert wird, das ihm gegen den Strich geht, werden von Regisseur John Dew bei der Darmstädter Neuinszenierung denn auch mit Spotlight und Blaufärbung der Bühne stark herausgestellt. Alle Akteure sind klar gezeichnet als Träger mal positiver, mal negativer Eigenschaften: Klatsch und Tratsch, Streit- und Herrschsucht, aber eben auch Gelassenheit und Unbeugsamkeit werden angesichts zaristischer Repressionen (das Stück spielt im vorrevolutionären Russland) ohne jede Larmoyanz oder süffig-idyllischen Zuckerguss vermittelt.
Ein abstrahierender Bühnenprospekt aus informellem Flächen- und Liniengewölk mit hineingestelltem puppenhaus-artigem Tewje-Wohnsitz hat daran Anteil. Trotzdem bleibt das Ganze in Darmstadt doch ein Volksstück, denn die reduzierende Ästhetisierung, die man von John Dew und seinen bühnen- und lichtbildenden Kombattanten Heinz Balthes und José-Manuel Vázquez kennt, bedeutet kein Verkünsteln oder gezieltes Unterlaufen der broadway-eigenen Befriedungsstrategien: Es wird getanzt, gejubelt, getrubelt und herzschmerzlich gelitten. "Anatevka" ist auch jüdisches Ohnsorg-Theater, aber in einer formfindenden Aufgeräumtheit, die ästhetisch attraktiv ist und bei aller Bukolik großes unterschwelliges Ethos vermittelt. Der die Erfahrungen des Verlusts von kultureller und politischer Sicherheit am eigenen Leib macht und seine Identität auf der Basis unerschütterlichen Gottvertrauens rettet, ist der Milchmann Tewje, der dank des Gestus und der Stimme von Monte Jaffe alle Zuschauer hinriss. Präsent auch die Familie an seiner Seite (Ehefrau Golde, Töchter Zeitel, Hodel und Chava gespielt von Monika Mayer, Anja Vincken, Margaret Rose Koenn und Susanne Serfling).
Sehr schön in der Individualisierung der markante Chor des Staatstheaters. Das Staatsorchester Darmstadt musizierte unter der Leitung von Batholomew Berzonsky, der einen sublimen, nicht zu deftigen und äußerlichen Anatevka-Ton anschlug.

Ein Lehrstück. Das Staatstheater Darmstadt inszeniert in "Anatevka" den Verlust kultureller und politischer Sicherheit - Frankfurter Rundschau, 14. Juni 2010 von Bernhard Uske

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Wohl im Bewusstsein der ungebrochenen Aktualität bescheidet sich der Intendant und Regisseur mit konventionellen Ausdrucksmitteln und bewährten Charakterzeichnungen. Tewje zum Beispiel, der weise Milchmann, ist wie eh und je ein bärtiger Brummbär, der ständig mit Gott über die Welt redet. Der Mann, um den Scholem Alejchem, Schöpfer des Ursprungstextes, sein dörfliches Prekariat gruppiert hat, ist bei Monte Jaffe in besten Händen. Der Gast-Interpret schaltet mühelos vom rustikalen Klezmorim zum Kammersänger um; seinen Part des verschmitzten Knuddel-Papas spielt er aus, ohne zu überspielen. Monika Mayer porträtiert Tewjes Frau Golde ebenso engagiert als liebenswerte Kratzbürste; die drei ältesten Töchter, die sich den Heiratsplänen ihrer Eltern widersetzen (Anja Vincken, Margaret Rose Koenn und Susanne Serfling), verkörpern die reine Liebe. Das Gemisch aus österreichischem (Mayer) oder angelsächsischem (Koenn) Tonfall fügt dem bunten Treiben eine weitere Facette hinzu. Und alle sehen so aus, wie sich das für ,,Anatevka" seit jeher gehört: Als Rabbiner trägt Lawrence Jordan weißen Bart und schwarzes Gewand; David Pichlmaier zeigt den Heißsporn Perchik in Studentenkluft. John Dew stellt sie und all die anderen samt ihren nicht so sympathischen Zügen mit viel Hingabe ans Detail vor; vorgeführt werden die einfachen Menschen nicht. Allenfalls in der ersten Szene hat die Darmstädter Fassung eine Anmutung von Laienspieltruppe; doch rasch nimmt das Geschehen Fahrt auf und steuert zielsicher die Höhepunkte an. Die Kneipenszene lässt Dew in einen Bilderrausch münden, wo sich Kasatschok und Klezmer vereinen - in einem der vielen von Anthoula Papadakis wuselig-schmissig choreografierten Massenspektakel. Tewje und Golde verbreiten in ihrer ganz in Blau getauchten Bettszene der besonderen Art gute Laune mit Musik. Um sie von einem Heiratskandidaten zu überzeugen beschwört er als angebliche Traumgestalten zwei Verblichene, bis diese auf der Bühne spuken. [...]
John Dew setzt der historischen Überfrachtung ein Bild entgegen: So wie die Juden zu Beginn des Musicals im bunten Reigen die Tradition beschwören, so ziehen sie am Schluss in grauem Reigen fort. Auch das ist ja ungute Tradition. Sofort einsetzender Applaus treibt die bange Frage nach dem Wohin aus dem Theater.

Komödie vor der Katastrophe. John Dew und sein glänzend aufgelegtes Ensemble zeigen "Anatevka" in Darmstadt mit doppeltem Boden - Darmstädter Echo, 14. Juni 2010 von Christian Knatz

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Ein kritischer Punkt im Musiktheater ist der organische Übergang zwischen gesprochenen und gesungenen Partien, bei denen Nur-Schauspieler oft überfordert sind. Dass die Balance gelang, gehört zu den Vorzügen dieser Inszenierung. Natürlich hat Tewje eine Schlüsselfunktion. Monte Jaffe braucht sich vor dem unvermeidlichen Leitbild Shmuel Rodensky keineswegs zu verstecken. Der amerikanische Bassbariton kann alle Facetten seiner umfangreichen Partie voll entfalten, so auch die vom Blaulicht beschienenen Selbstgespräche („einerseits - andererseits?“). Seine suggestiv-unlarmoyante Art des Sprechens, Singens und Spielens beflügelt die Partner: Monika Mayer, die es als herzhafte Golde im Liebes-Dialog schwer hat, Anja Vincken, Margaret Rose Koenn und Susanne Serfling als Töchter mit ihren unwillkommenen Partnern (Lucian Krasznec, David Pichlmaier und Sven Ehrke). Temperamentvoll kostet Stephanie Theiß die Rolle der Heiratsvermittlerin aus. Durchweg wurde klangvoll, aber ohne falsches Opernpathos gesungen. Berechtigten Jubel lösten die stilgerecht wirkenden Tänze (Choreographie Anthoula Papadakis) aus.

Ganz im Einklang mit der Regie zeigte sich Bartholomew Berzonsky am Pult. Chor (André Weiss) und Orchester musizierten lebendig, aber nie knallig-aufdringlich, die eigentümlichen Orchesterfarben (bis hin zu den zarten Akkordeonfiguren) kamen gut zur Geltung. Zwar wird sich die Inszenierung wahrscheinlich nicht acht Jahre halten wie die in den sechziger Jahren am Broadway, aber derzeit ist sie eine so reizvolle wie gewichtige Farbe im Repertoire des Darmstädter Theaters.

Ambitioniert. Anatevka in Darmstadt - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Juni 2010 von Gerhard Schroth

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So aber ist Tevje gut gewappnet für seinen Kampf um die Erhaltung von Tradition und Religion, den er für sich sowohl bei den flügge werdenden Töchtern als auch gegen den Antisemitismus im ausgehenden Zarenreich zu bestehen hat. Als er sich schließlich mit einem Handwagen auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen muss, bekommt der Musicalzuschauer feuchte Augen

Die Handlung von Jerry Bocks 1964 entstandenem Musical ist eigentlich zu ernst, zu politisch für diese Sparte. Vielleicht ist «Anatevka» dem Darmstädter Intendanten aber gerade deshalb so ans Herz gewachsen, dass er sich nun mit beachtlichem Erfolg an die Arbeit einer Inszenierung machte. John Dews Sichtweise fehlt indes nichts an der typisch jiddischen Liebenswürdigkeit, an verschmitztem Humor. Natürlich ist «Anatevka» ganz auf die Hauptrolle des Milchmanns Tevje zugeschnitten. Mit Monte Jaffe in dieser Rolle gelang den Darmstädtern ein guter Griff. Der kleine, kompakte Mann mit einer robusten, nicht ganz so musikalischen Stimme verkörpert so recht den äußerlich und materiell zwar eingeschränkten, dafür aber charakterlich um so festeren Landmann. Man freundet sich mit diesem Typen in den dreieinhalb Stunden richtig an. [...]
in der schmissigen Hochzeitsszene treten die Einwohner einmal aus ihrem Schatten und wagen ein wildes Tänzchen, unterstützt vom einfallsreich musizierenden Staatsorchester Darmstadt unter der Leitung von Bartholomew Berzonsky. Das Musical enthält ausgedehnte Sprechpassagen, aber auch viele hübsche Andeutungen von Urwüchsigkeit und Kraft der slawischen Volksmusik.
Neben Monte Jaffe konnten noch weitere Darsteller stimmlich und schauspielerisch überzeugen. Eine hervorragende Wahl hatte man mit Anja Vincken als Tevje-Tochter Zeidel und Lucian Krasznec als Schneider Mottel getroffen. Der herzige Schneider an seiner luxuriösen Nähmaschine passte zu der prallen Milchmannstochter einfach viel besser als der behäbige Fleischer Lazar (Malte Godglück). Zum Schluss noch ein Verweis auf den Untertitel des Musicals «Fiddler on the Roof». Auf dem Dach des grauen Tevje-Hauses saß mit Isabel Aguilera eine richtig gute Fiedlerin, die bereits zu Beginn des Musicals die angemessene Melancholie verbreitete.

Geld und Gut verderben nur den Charakter. Die Darmstädter «Anatevka»-Inszenierung von John Dew zeigte: Ein Musical kann auch in einem Staatstheater salonfähig sein - Frankfurter Neue Presse, 16. Juni 2010 von Matthias Gerhart
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