Pressestimmen Die heilige Johanna der Schlachthöfe

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[...] Einem Scheiterhaufen gleicht die allegorische Bühne Stefan Heynes im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt erst gegen Ende der konsequent und spröde, anregend, ernsthaft und kurzweilig umgesetzten Inszenierung. Zunächst steht ein riesiger geometrischer Zylinder auf der Drehbühne, der am Boden in bleigraue Arbeiterspinde mit je einem Stuhl ausfranst und ständig rotieren wird. Zur Welt der „Unteren“ gemäß der Diktion Brechts wird dieser bodenverhaftete Teil des Bühnen-Hauptelements erst; als der obere Teil gen Bühnenhimmel entschwindet und ein weiterer Zylinder aus leichtem, durchscheinendem Stoff darunter erscheint. In friesartigen Ringen übereinander sind ihm ornamentale Bilder von Fleisch- und Wurstauslagen aufgedruckt.
Wenn dieser Blutring sich öfter hebt, wird eine Zwei-Mann-Combo (Schlagzeug, Akkordeon, Spirale) sichtbar – vor allem aber die Spielfläche für die „Oberen“, die bei Schein geschäftsmäßige Anzüge nebst Laptop auftragen. Dies ist der Olymp der Fleischkönige, die Verdrängungskämpfe austragen wie griechische Götter und sich wenig kümmern, wenn ihre Spekulationen und Entlassungen drunten im Volk einschlagen wie Zeus' Blitze. Bevor Johanna, rotlodernd im Schnee, oben den Kampf aufgibt, mutiert die Szene (unten ergänzt um Stühle für den Heilsarmee-Tempel und Mikrofongalgen für epische Adressen) in Rotlicht und Trockeneis zum gigantischen Kochkessel, in dem wie bei Sinclair der eine oder andere tuberkulöse Prolet verschwindet, um der Volksernährung zu dienen.
Viel zum artistischen Reiz trägt die Musik bei, die schon der als Heilsarmistin Martha auftretenden Maika Troscheit einen Marsch mit schrägen Anklängen an Laurie Anderson und Meredith-Monk gönnt. Michael Erhard (Leiter Musik) färbt Scheins „Johanna“ mit etwas zwischen keltisch-provençalischer Volksmusik und punkigem Cajun-Sound ein und öffnet das Stück damit beziehungsreich. Während das gut aufgelegte Ensemble, zumal die „Fleischkönige“, rollenbedingt ein wenig verschwimmt, ragen Manz als Mauler und Hoffmann als Titelheldin wie Moll- und Dur-Ton aus dem szenischen Konzert heraus. Über allem stehen die geglückte Inszenierung und das prächtige Bühnenbild.

Druntere und Drübere. Brechts "Heilige Johanna" am Staatstheater Darmstadt - Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Juni 2010 von Marcus Hladek

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Anne Hoffmann gibt ihre Johanna nicht als naiv verhuschte Betschwester. Eine lebensfrohe Überzeugungstäterin auf High-Heels, die auch den Attac-Vorstand oder jeden Werbefilm einer Landeskirche aufwerten würde. Die Entdeckung des Abends, inmitten eines glänzenden Ensembles. Wie Fleischkönig Mauler, den Andreas Manz mit Spurenelementen gesellschaftlicher Empathie spielt, von ihr bearbeitet wird, macht das Ganze so modern wie aussagekräftig. Kein Opfer, keine Verführte ist diese Johanna, vielmehr eine, die irrt, weil sie vertrauen will - selbstbestimmt noch im Scheitern, bevor sie schließlich in einem inneren Wirbel aus Schuld und Versagen versinkt.

In einer Zeit, in der Finanzmärkte längst zu Tatorten mutiert sind, muss man Brecht wahrscheinlich so wie in Darmstadt inszenieren. "Gibt es hier nicht Leute, die etwas unternehmen?", ruft Johanna gegen Ende verzweifelt ins Parkett. Niemand fühlt sich angesprochen. Das Lehrtheater ist in der Gegenwart angekommen.

Moderne Lehren. Darmstadt: "Die heilige Johanna" - Die Welt, 22. Juni 2010 von Martin Eich

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[...] Harald Schneider, Tom Wild und Klaus Ziemann geben mustergültige Karikaturen der entseelten Managerkaste ab, und Matthias Kleinert als Slift, Maulers rechte Hand, zeigt sehr hübsch den Zynismus, der das erpresserische Geschäft noch weitertreibt, wenn der Chef doch längst von der Angst vor der eigenen Gier gepackt worden ist.  
Zur Tragödie von Shakespeare-Format – und zum Parallelstück von Edward Bonds „Männergesellschaft", die in diesem Jahr in Darmstadt ebenfalls zu sehen war – wächst dieses Drama aber erst durch die Zerrissenheit Maulers selbst. Zwischen Wahn und Berechnung porträtiert Andreas Manz den Fleischkönig, der kein Blut sehen kann, was gerne auch metaphorisch verstanden werden darf. Mal ist er gehetzt von der Sucht nach dem guten Geschäft, dann wieder erschrocken über die eigene Courage. In der Kapitalisten-Kumpanei ein Außenseiter, wird er vom Strom der von ihm entfesselten Geschäfte selbst fortgerissen. Stefan Heynes Bühnenbild ist ein starkes Symbol für das vernichtende Mahlwerk gieriger Geschäftemacherei: ein rotierender Riesenzylinder, der Menschen verschlingt und auswirft. Schein zeigt, was der Kapitalismus mit den Menschen macht - nicht nur mit den Opfern, für die stellvertretend die Witwe Luckerniddle steht, deren Mann in den Sudkessel gestürzt und zu Speck verarbeitet wurde; Sonja Mustoff spielt in diesem Moritaten-Lehrstück mit Würde die Frau, die das Andenken an ihren Mann hergibt für einen Teller warmer Suppe.
Anne Hoffmann tritt an als geschmeidige Predigerin der Nächstenliebe [...] An dieser Figur statuiert Brecht sein Exempel, das die Nutzlosigkeit des Mitleids lehren soll. Johanna lernt, dass Not die hässlichen Seiten des Charakters hervorkehrt, und Anne Hoffmann lässt spüren, dass auch die Heilsarmistin selbst nicht gewappnet ist gegen diese Mechanik des Unglücks. Ihre stärkste Szene hat sie, wenn sie sich zur Anführerin der Entrechteten träumt: Da ist sie mit ihren glühenden, seherischen Versen ganz nahe bei Schillers Johanna. Packend gestaltet Anne Hoffmann den Wendepunkt des Dramas. [...]
István Vincze und Gerd K. Wölfle vertreten mit dem Megaphon des wackere Arbeitertum, Hubert Schlemmer spielt angemessen glatt den berechnenden Heilsarmisten Snyder. [...] Dass der Schlund des Kapitalismus auch jene verschlingt, die sich auf der Siegerseite wähnen, ist eine angemessen finstere Pointe für dieses Drama. Die Verdammten dieser Erde sind nicht nur unter den Proletariern zu finden.

Im Fleischwolf des Kapitalismus. Hermann Schein inszeniert "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" am Staatstheater Darmstadt - Darmstädter Echo, 21. Juni 2010 von Johannes Breckner
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