... Der Regisseur Hub setzt die Einfälle des Autors Hub pfiffig in Szene und beschäftigt das Ensemble zwei Stunden zwanzig Minuten lang mit viel Spielwitz - Hub weiß, worauf es ankommt, er ist auch Schauspieler. Es war gewiss kein Fehler des Autors, den ersten Abend mit Alice selbst zu gestalten. Schließlich gibt es da diesen kniffligen Kunstgriff, die Figuren singen zu lassen, wenn sie lügen. Hub liefert dazu eine patente Gebrauchsanweisung. Gelogen wird in diesem Schlafzimmer so viel, dass man sich die Komödie auch als Musical denken könnte. Aber eine Show hatte der Autor nicht im Sinn, sondern einen augenzwinkernden Verfremdungseffekt. Michael Erhards Musik aus dem Off ist minimalistisch zurückgenommen, das Licht leuchtet rosafarben. Im Lied sind sie alle ganz ehrliche Aufschneider und Heuchler.
Theater soll auch ein Vergnügen sein, hatte der neue Darmstädter Schauspieldirektor Martin Apelt versprochen, und sie machen Ernst mit dem Spaß: viel Beifall nach der Premiere am Sonntag ... Die Regie dosiert Irrwitz und Klamauk geschickt, was ... für einen flotten Ablauf sorgt.
... Maika Troscheit gibt die Titelrolle herrlich jämmerlich, erregt zugleich Heiterkeit und Mitleid. Schwiegermama Edith ist die böse Königin: Hildburg Schmidt spielt diese Frau mit vernichtender Arroganz als Generalfeldmarschallin und Oberkommandierende ihres Sohnes: jeder Auftritt ein Einmarsch, jeder Satz eine Breitseite. Wie eine fiese Stiefschwester kommt Inga-Britt (Gabriele Drechsel) daher. Die Journalistin, die von den Freuden ihrer Ananas-Ingwer-Diät singt, hat Alice den Mann ausgespannt. Alle wissen das - außer Alice.
Der rettende Ritter trägt an diesem Abend erst schwarze Sturmmaske, dann Schupo-Uniform: Polizist Fred steigt undercover als Einbrecher über den Balkon, erweist sich aber beim Überfall als Pistolenkavalier. Andreas Manz entblößt eine sanfte Seele unter lauter harten Herzen. Bürgermeister Eduard ist mit seinen Sex-Eskapaden, seiner Ausländerhetze und seinen Parolen zur inneren Sicherheit an Politprominenz von Ronald Schill bis Bill Clinton angelehnt ... Uwe Zerwer verleiht dem Gatten so viel Niedertracht, dass wir uns über seine Torturen hämisch freuen können. Der Wachtmeister Dimpfelmoser heißt in diesem Stück Relling, ist Polizeipräsident und ein burlesker Büttel. Gerd K. Woelfle kommt als Dussel vom Dienst mächtig in Fahrt ...
Komplettiert wird das Ensemble von Volker Muthmann als Manager des Bürgermeisters: Der genervte Paulmann ist ein Regisseur, der Politik als Inszenierung von Inkompetenz versteht. Im Märchen wäre dies ein Fall für einen Zauberer. Und das wäre dann auch eine Erklärung dafür, warum Alice am Ende wie verwandelt ist, plötzlich die Regie übernimmt und aus ihrem Wunderland nach Mexiko flieht ...
... Ulrich Hubs Das Schlafzimmer von Alice ist eine Politsatire, mehr aber noch die Parodie einer Boulevardkomödie. Ersteres bedeutet, dass die Geschichte selbst von einem Bürgermeister, seiner Korruptheit und Promiskuität handelt. Im Laufe der gut zweistündigen Geschichte, die an und nach Silvester im Schlafzimmer seiner Frau spielt (unauffällig schick ausgestattet von Martin Kukulies), wird aus gewissen Gründen seine Entführung sowie seine Ermordung vorgetäuscht. Im Wahlkampf hat der Bürgermeister unter anderem vorgeschlagen, illegal Eingewanderte in Hasenkostüme zu stecken und Jägern zu Übungszwecken zur Verfügung zu stellen. Das Programmheft gibt die Quelle dafür an, einen Lega-Nord-Politiker, woran erneut zu erkennen ist, dass die Politik dank ihrer Realdarsteller die ärgste Satire selbst schreibt. Und für das Stück ist am Hasenspiel nicht die Infamie sondern vor allem das Kostüm wichtig, in dem späterhin der Polizeipräsident der Stadt seinen Auftritt haben wird ...
Zweiteres bedeutet, dass sich der Ablauf über weite Strecken an einer Boulevardkomödie orientiert - es geht zu wie im Taubenschlag, man stopft Ohnmächtige ins Bad, versteckt sich unter der Bettdecke, setzt sich auf den Kaktus ...
... Der Autor und Schauspieler [Ulrich Hub] hat mit "Das Schlafzimmer von Alice" eine boulevardeske Komödie geschrieben, die er nun selbst am Staatstheater Darmstadt inszenierte. Den Ort dieses Verwirrspiels um Macht und Mißbrauch, Wahrheit und Lüge taucht Bühnenbildner Martin Kukulies in ein pastelliges Türkis. Ein Bonbon-Zimmer, bestückt mit Kakteengärtchen und goldig-ockerfarbener Seidenbettwäsche, an der Wand thront ein schinkenfarbenes Kunstobjekt.
Auch Autor Hub scheut sich nicht, die Klischeekeule weit ausholend zu schwingen: Natürlich will der Bürgermeister seine dicker gewordene Ehefrau verlassen, natürlich wegen Inga-Britt, der erfolgreichen, Ananas-Diät haltenden Journalistin. Und natürlich will sich der Polizeipräsident auf die frei werdende Ehegattenstelle bei Alice bewerben und sich somit ins gemachte Nest setzen. Aber alles kommt anders als gedacht. Denn ein Einbrecher, der sich auf den ersten Blick in Alice verliebt, bringt sämtliche Lügengebäude zum Einsturz. Die Partygesellschaft muß sich einiger Mühen unterziehen, um sich aus dem Schlamassel herauszuwinden. Was unter anderem dazu führt, daß der Polizeipräsident als Hase verkleidet mit der Pistole auf den geknebelten Bürgermeister zielt. Ein Schuß fällt ...
Der Bürgermeister will Asylanten in Hasenkostüme stecken, damit Jäger Schießübungen auf sie machen können. Außerdem hat er das Geld für neue Polizeiuniformen veruntreut. Seine Geliebte Inga-Britt ist eine rasende Reporterin, die für eine neue Nachricht alles tut, seine Mutter eine wahre Giftspritze, der Polizeipräsident ein rechter Dummkopf und seine Frau Alice ein braves Trampeltier. Dieses Trampeltier jedoch hat einen handfesten Verstand und erweist sich als gescheiter als all die aufgetakelte Entourage, von der sie verachtet wird und die eine Silvesterparty in ihrem Haus veranstaltet. Sie rettet ihren Mann, der zu einem Häufchen Elend verkommen ist, und haut mit ihm ab nach Mexiko.
Das ist in Kürze der Inhalt des Schauspiels mit Musik »Das Schlafzimmer von Alice«, das in der Inszenierung des Autors Ulrich Hub am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt wurde und das, wie der Titel vermuten lässt, durchgängig in jenem Gemach (Bühne und Kostüme Martin Kukulies) spielt. Hier sucht der Polizist Fred (Andreas Manz), getarnt mit Wollmütze und ausgestattet mit Pistole, nach dem veruntreuten Geld und verliebt sich in Alice (Maika Troscheit), hier bangt Bürgermeister Eduard, auch menschlich ein Schwein (Uwe Zerwer), um sein Leben, und hier läuft Alice zu großer Form auf. Sie setzt ihren Mann außer Gefecht und versteckt ihn im Badezimmer, sie schluckt die Bosheiten von Schwiegermutter Edith (Hildburg Schmidt) und die Anzüglichkeiten von Inga-Britt (Gabriele Drechsel), und sie übernimmt, als alles den Bach runterzugehen droht, Polizeipräsident Relling (Gerd K. Woelfle) im Hasenkostüm als Rächer der Asylanten auch keine echte Hilfe ist und selbst der agile PR-Manager Paulmann (Volker Muthmann) nicht mehr weiter weiß, das Kommando und schafft ihren - nach vermeintlicher Entführung den Medien samt Inga-Britt als tot präsentierten Mann - aus dem Haus, luchst dem Polizisten das unterschlagene Geld ab und entschwindet.
Dazwischen wird geballert, getanzt, gesungen und schräge Musik (Michael Erhard) gemacht. Es gibt eine Menge hübscher Ideen wie die »Ananas-Polonaise« und immer wieder neue Überraschungen. Stets taucht wer zur Unzeit auf - stets entsteht daraus neues Ungemach. Manchmal gibt es auch Längen und am Schluss bekommt der Autor nicht so recht die Kurve. Dass dieser Schluss verbittert ist eine andere Sache. Aber dass Korruption sich lohnt, ist schließlich nichts Neues mehr.