Trilogie der Sommerfrische

Es entwickelt sich eine temperamentvolle, energiegeladene Inszenierung mit verfremdender Ansprache ans Publikum, mit slapstickartigen Einlagen und auch schönen stillen Momenten.
Gießener Anzeiger zu Trilogie der Sommerfrische

Frankfurter Rundschau

Die elfte und letzte große Premiere dieser Darmstädter Schauspielsaison ist ein vergnüglicher Rausschmeißer Richtung Sommerurlaub. Finanzierungssorgen und Prestigefragen treiben auch die besseren Kreise in Italiens Städten um. "Ist es so schlimm, einmal nicht aufs Land zu fahren?" will einer ernsthaft wissen. Was für eine Frage, im italienischen 18. Jahrhundert ebenso wie in einem Land, in dem Bundesbürger daheim die Rollläden herunterlassen und nur gelegentlich ins Sonnenstudio schlüpfen, um zu tarnen, dass sie nicht in der Adria herumschwimmen. Carlo Goldonis Trilogie der Sommerfrische, eigentlich drei Stücke, die 1761/62 entstanden, kann dank einer Bühnenfassung von Horst Hawemann an einem Abend absolviert werden.

In den Kammerspielen findet sich das Publikum zuerst einer Kofferwand gegenüber (zur Verfügung gestellt von mehr als 200 Darmstädtern), links und rechts davon sieht es aber schon schön italienisch aus, neben den Saloontüren, die im Folgenden schneidige Auf- und Abtritte ermöglichen, hängen Würste, Weinflaschen, Käsesorten (Ausstattung: Stefan Heyne). Dazwischen tut sich eine Art Piazza auf. Azzurro, den Song vom Sommer in der Stadt, singen da Andreas Manz und Hubert Schlemmer verdammt gut gelaunt. Pleitier Leonardo und sein stoischer Diener haben aber noch was vor sich, bis sie abreisen können. Ein Wirrwarr aus Liebe und verwandten Missverständnissen entwickelt sich, in dem es von beleidigten Leberwürsten, dummen Kühen, leichtsinnigen Beaus, ungezogenen Töchtern, topseriösen Geschäftsleuten wimmelt.

Regisseur Hermann Schein nutzt die klassische Konstellation für ein flirrendes Spässchen, das aus einer Kette von Kabinettstückchen besteht: Wie Christina Kühnreich, die rhetorisch ausgebuffte Königin des Abends, ihren schlappen, aber lieben Vater Till Sterzenbach tyrannisiert; wie hinter der umstürzenden Kofferwand die Küchenmannschaft des Ferienortes einige beliebte Männerchöre hören lässt; wie Kühnreich ihre Konkurrentin in Sachen Urlaubsgarderobe, Iris Melamed, herzt und striezt und umgekehrt; wie der fleißige reiche Onkel Aart Veder den ruinierten Leichtfuß Manz ins Leere laufen lässt; wie Martin Maria Eschenbach und Tino Lindenberg so feurige wie herzlose Liebhaber sind; wie man in den Ferien wütend Skat & Schafskopf spielt; wie Schlemmer szenenapplaustauglich O sole mio singt.

Hinter den Zuschauern geht rotgolden die Sonne unter, so ist das im Sommer. Und doch ist es folgerichtig, dass ausgerechnet in diesem Tohuwabohu die Vernunft den Sieg davonträgt und sich die Lage mittels allumfassender Pärchenbildung beruhigt. Dazu trägt nicht zuletzt die arbeitsmarktfreundliche Mobilität einiger junger Leute bei. Aber Schein hampelt trotz der flotten Kostümierung nicht darauf herum, dass die Trilogie auch ein Stück von heute ist.

Insgesamt lebt auch diese Inszenierung davon, dass es kaum etwas Schöneres gibt, als anderen Menschen bei missglückenden Problemlösungen zuzugucken - nicht nur wir gucken ja gemütlich im Dunkeln zu, sondern auf der Bühne belauern sich gleichfalls Giftnudeln und Gigolos freudig.

Ein schlauer und lustiger Theaterabend, zeigt sich außerdem, wird nicht dadurch weniger schlau und lustig, dass er rein gar nichts zu bedeuten hat ...

Und ich bin allein hier in der Stadt, Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 23. Mai 2005

Frankfurter Allgemeine Zeitung

... Obwohl Goldonis "Sommerfrische" die Commedia dell'arte hinter sich läßt und den Protagonisten Charakter zugesteht, ist nicht gesagt, daß man sich dabei auch amüsieren muß. In Darmstadt sorgt dafür die straffe Textfassung Horst Hawemanns, in der kräftig, manchmal allzu kräftig gekalauert wird.

Auch Hermann Scheins Inszenierung neigt zum Überstrapazieren. Doch legt er nicht nur ein ordentliches Tempo vor, sondern läßt den Darstellern auch die Zeit, die düsteren Seiten der zum Spaß wild entschlossenen Gesellschaft auszuspielen - nicht alle Tränen sind Krokodilstränen. Das zeigt die Kofferwand (Ausstattung: Stefan Heyne), die bald von einem "Funiculi, Funicula" trällernden Männerchor in symbolträchtiges Chaos zerlegt wird. Überhaupt wird viel gesungen: Zu den Klischees, die genüßlich zitiert werden, gehören auch jene Schlager und Volkslieder, die bei Deutschen gemeinhin eine kaum zu bändigende Italien-Sehnsucht auslösen.

Gleich zu Beginn versucht sich Leonardo (Andreas Manz) mit seinem pfiffigen Diener Paolo (Hubert Schlemmer), der sich als das größte Sangestalent bei diesem ensembleinternen Song Contest erweist, an Adriano Celentanos "Azzurro". Da weiß Leonardo noch nicht, daß sich sein blauer Sommerhimmel bald verdüstern wird: Obwohl er nicht der einzige ist, dem das Wasser bis zum Halse steht, planen alle ihren Umzug aufs Land.

Nicht zu verreisen nämlich kann sich niemand leisten, auch Leonardo nicht, der Giacinta (Christina Kühnreich) zwar verehrt, aber vor allem heiraten muß, damit ihre Mitgift seine Pleite verhindert. Allein, auch Filippo (Till Sterzenbach), Giacintas Vater, lebt auf Pump. Hätte Guglielmo (Tino Lindenberg) das geahnt, vielleicht hätte er dann nicht um Leonardos Schwester Vittoria (Iris Melamed) angehalten, sondern gleich um Giacinta, die ihn zwar ebenfalls liebt, sich aber mehr Vorteile von der Ehe mit Leonardo verspricht. Den beiden Damen, die eine blond, die andere schwarz und beide äußerst selbstbewußt, bietet das ausreichend Gelegenheit zum Zickenkrieg, während die Herren sich umkreisen wie kampfbereite Hunde. Die anderen Teilnehmer der Landpartie machen. sich weniger Umstände: Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen, Schein hin oder her. So muß man die vier im Mittelpunkt geradezu bedauern für die Verrenkungen, die sie bis zu einem Happy-End anstellen. das für jeden einen kräftigen Haken bereithält.

Daß nichts, aber auch gar nichts echt ist an diesem Treiben, weiß nur einer: Fulgenzio (Harald Schneider), der als Mahner, aber auch Nutznießer der düpierten Spaßvögel und Turteltauben auftritt: Ihm bleiben das Schlußwort und ein schallendes, böses Gelächter. Die Zuschauer indes dürfen ausreichend kichern.

Happy-End mit Haken, Eva-Maria Magel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Mai 2005

Darmstädter Echo

... Filippos Tochter Giacinta schwankt zwischen zwei Männern, die sich um sie bewerben: Dem einen hat sie sich verlobt, in den andern verliebt sie sich während der Ferien. Die Schauspielerin Christina Kühnreich spielt mit Verve die unschlüssige Blondine als zickige Quietschmaus, die gerne das Sagen hat. Andreas Manz ist ihr ständig klammer Verlobter Leonardo, der sich mit der Mitgift zur Blondine gerne sanieren würde, Tino Lindenberg ist der andere Bewerber Guglielmo, der sich zum Schluss mit der Schwester Leonardos begnügen muss, Vittoria (Iris Melamed), der es genügt, ihren Herzensmann zum Mann zu bekommen, auch wenn sie weiß, dass er eine andere liebt. Hier lauert schon ein guter Schuss Tschechow-Thematik im Goldoni-Stück: das Gefühl, dem man nicht folgt, das verpasste Leben, Paare, die ihrer Heirat nicht froh werden dürften.

Dann sind da noch Giacintas Tante, gespielt von Sonja Mustoff, die sich als Witwe ihren neuen Mann mit ihrer Mitgift kauft, Rosina, gespielt von Britta Hübel, die sich ihren Tognino (Leander Lichti) angelt, und Rosinas Tante Costanza, gespielt von Maika Troscheit, die Trost bei Filippo sucht, der keinem und keiner nein sagen kann: Till Sterzenbach. Bei dieser Landpartie machen wenige eine gute Partie fürs Leben, die meisten gucken in die Röhre: Das Happy-End kommt hier zum schlimmen Schluss.

Alle sind auf Spaß aus? Zwei gibt es, die dem sorglosen Treiben mit unverhohlenem Missbehagen zusehen: Da ist zum einen Fulgenzio (Harald Schneider), die verkörperte Stimme der Vernunft, des Anstands und der guten Sitten - eine graue Maus ohne Saft und Kraft. Und der reiche Onkel des Verschwenders Leonardo, Bernardo, der reich nicht dadurch wurde, dass er Verschwendern half: Aart Veder brilliert mit seinem Auftritt, in dem er seinen Neffen Leonardo als Bittsteller so ironisch wie rigoros abblitzen lässt.

Hubert Schlemmer verkörpert als einziger den Part der Diener, dies aber unübersehbar und unüberhörbar: Er spielt das komische Talent, das er besitzt, zur Freude der Zuschauer voll aus, macht aus dem Servieren der Getränke eine Kabarettnummer und schmettert so schmalzig wie selbstbewusst "O sole mio" ins entzückte Parkett. Überhaupt bemüht sich das Ensemble, dem deutschen Publikum auf der Bühne mit allen italienischen Klischees aufzuwarten, von sentimentalen Schlagern der Vergangenheit wie "Azzurro", "Felicita" und "Funiculi, funicula" bis zu den Chianti-Flaschen neben den Trattoria-Eingängen auf der Bühne links und rechts. Der Extrachor des Staatstheaters präsentiert sich, zehn Mann stark, als Italienisch singende Köche: Urlaubers Herz, was willst du mehr?

Das Bühnenbild von Stefan Heyne, Podeste neben der tragenden Säule, mit der diese Ersatzbühne auskommen muss, symbolisiert nicht schlecht den Fortgang der Geschichte. Die zweihundert Urlaubskoffer, braun, schwarz, weiß, rot, die säuberlich im Hintergrund gestapelt der Verladung harren, verkörpern die angestaute Vorfreude, die sich bei der Ankunft in den Ferien abrupt entlädt: Die Koffer poltern auf den Boden, den zweiten Akt begleitet das Gepäckchaos, das die Bühnenarbeiter während der späteren Pause flink beseitigen. Laternen stehen danach für die Moll-Stimmung nach dem Urlaub ...

Mamma mia, was für eine Landpartie, Jürgen Diesner, Darmstädter Echo, 23. Mai 2005

Gießener Anzeiger

Der Koffer als Symbol für Reise, Abschied und Ankommen - in den Darmstädter Kammerspielen ist er knapp dreihundert Mal als Bühnenwand aufgeschichtet, wird später umgestoßen, sodass das quicke Ensemble über die Berge von Koffern stolpern, klettern und fallen wird. An den Seiten zwei Attrappen italienischer Fassaden mit Weinflaschen, Käse und Wurst, durch die Schwingtüren eilen die Darsteller. Stefan Heyne hat mit seiner Ausstattung eine lebendige italienische Atmosphäre geschaffen, in der die sehnsuchts-schwangeren Italienschlager ganz natürlich und akzentfrei über die deutschen Lippen kommen. Als die Kofferwand aufgelöst ist, erscheint ein Chor weiß bemützter italienischer Köche und schmettert ebenfalls die Musik von damals. Doch diese vielen Köche verderben nicht den theatralischen Brei, weil Regisseur Hermann Schein nicht nur auf Scherz, sondern auch auf Ironie und tiefere Bedeutung setzt ...
 
Es entwickelt sich eine temperamentvolle, energiegeladene Inszenierung, mit verfremdender Ansprache ans Publikum, mit slapstickartigen Einlagen und auch schönen stillen Momenten. Der tänzerisch angelegte und Karten spielende Filippo (Till Sterzenbach) und der behände Diener mehrerer Herren Paolo (Hubert Schlemmer) treiben die Komödie mit schöner Körpersprache an, verbinden Steigreifposse mit Charakterkomödie. Christina Kühnreich als selbstbewusste Giancinta zeigt mit einer Stimme, die Glas schneiden könnte, wie sie die Männerwelt einschätzt.
Zum offenen Anfang sitzt Moralapostel Fulgenzio (Harald Schneider), der den Sommerfrischlern deutlich die Leviten liest, Zigarre schmauchend im Hintergrund. Dieses Bild wird zum Schluß wieder aufgenommen. Er trällert ein Liedchen und bricht in ein sardonisches Lachen aus, das das Happy Ending der verehelichten Paare hinterfragt. Denn glücklich wird wohl keiner hinausgehen. Lediglich das Publikum, das begeistert (mit "Zugabe"-Rufen) die gute Unterhaltung auf hohem Niveau beklaschte.

300 Koffer vollgestopft mit gut verpackter Komödiantik, Peter Merck, Gießener Anzeiger, 24. Mai 2005

Mainzer Allgemeine Zeitung

... Alles so schön bunt hier, so schön übersichtlich. Und das gilt auch für Handlungsgang und Personal. Wir befinden uns in Livorno, es ist Hochsommer, und alle Welt hockt in den Startlöchern, um aufzubrechen in die Ferien. Allen voran Leonardo, der von seiner Schwester Vittoria begleitet wird und der ein Auge auf die schöne Giacinta hat. Die wiederum hat einen jungen Schönling in der Hinterhand, der seinerseits nach jedem Rock schielt. Keiner hat Geld - aber alle sind versessen aufs leichte Leben. Endlich auf dem Land angekommen, mischt sich auch noch Tante Sabina samt tumbem, aber vitalem Bauernburschen unters vergnügungssüchtige Völkchen - und das Liebeskarussell dreht sich immer schneller. Bis am Ende fast jeder zielgenau bei demjenigen landet, dem er zu Beginn hat entfliehen wollen.

In Darmstadt bedeutet das viel Stolpern, Aus-der-Haut-Fahren, Durch-Pendeltüren-Fallen. Es wird mit wechselndem Talent das italienische Schnulzengut von "Azzuro" bis "O Sole Mio" durchprobiert, mokant die Augenbraue gehoben und Genervtheit gemimt.

Christina Kühnreich als Skandinavien-blonde Giacinta stellt dabei noch die amüsanteste Figur auf die Bühne, kann im selben Atemzug samtweiche Verführerin und herrische Wohnzimmer-Regentin sein und weiß auch das geheuchelte Entzücken in all seinen Nuancen piekfein auszuloten ...

Atemloser Kampf mit der Pendeltür, Mainzer Allgemeine Zeitung, Jens Frederiksen, 26.  Mai 2005

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