Emperor Jones

Unaussprechlich Schreckliches geschieht dem gestürzten Kaiser in dieser Nacht an diesem Ort, an dem auch Napoleon einst ein Zimmer nahm.
Frankfurter Rundschau zu Emperor Jones

Frankfurter Rundschau

Das erste Stockwerk der "Goldenen Krone" in Darmstadt überzeugt sofort durch einen milden Modergeruch, einen routinierten Thekenservice und ein von innen beleuchtetes, außerordentlich großes Reklamebierglas. Und ist doch nun Schauplatz der Geschichte eines Menschen, der unbedingt weg will. Das ist die, wenn sie glaückt, stets lässig wirkende Transferleistung der Kunst: dass der Saal, in dem oben noch die Diskokugeln flackern und das Publikum in jeweils zwei Reihen einander gegenübersitzt, zu einem Dschungel wird, und die zarte, schicke Schauspielerin Gabriele Drechsel ohne Umschweife zum schwarzen Inselkaiser Jones. Eugene O'Neills Einakter The Emperor Jones, 1920 ein früher Erfolg des knapp über Dreißigjährigen, ist also nicht nur seines außerhausigen Unterschlupfes wegen ein origineller Abend. Auch Regisseur Jens Poth stellt, nach Bernhards Holzfällen und Schwabs Präsidentinnen, zum dritten Mal am Staatstheater Darmstadt unter Beweis, wie zwanglos und gescheit er Stücke über die Bühne bringen kann, die auf ihre Weise jeweils unhandlich sind.

Svea Kossack (Ausstattung) zeigt das Wohnzimmer des Kaisers zur Linken (ein Sessel, eine Zimmerpflanze), zwischen dem Publikum ein leeres langes Rechteck (der Wald) und zur Rechten einen Arbeitstisch, an dem das Regieteam (in einer Hawai-Sibirien-Kombination, Blumenkette, Ohrenmütze) gemeinsam mit den Darstellern beleuchten, Musik und Geräusche machen, kochen und mit einer Videokamera einen Totenkopf ins Bild oder aus dem Bild rücken kann. Das wirkt ganz selbstverständlich, ebenso wie der Budenzauber, den Klaus Ziemann veranstaltet, die Schauspieler und ihre Rollen vorstellt in Kirmesmanier. Vielleicht macht das die "Goldene Krone", die schon viel gesehen hat seit dem Richtfest.

Dann geht es flugs zur Sache. Drechsel, Jones' grammatisch gewagtes Deutsch einfach elegant vortragend, lässt staunen, indem sie zugleich wie eine Zwanziger-Jahre-Schöne und ein Ex-Sträfling und Kurzzeit-Emporkömmling zu erscheinen weiß. Dem Inselkaiser ist diese Zwiespältigkeit zu eigen, O'Neill schildert sie, konnte aber kaum darauf kommen, dass Jones im Körper einer weißen Frau gut aufgehoben sein würde. Ihre Umgebung reagiert darauf, neben Ziemann als Lem auch Gerd K. Wölfle als Smithers. Dass Lem ein Schwarzer ist und Smithers ein Weißer, spielt hier keine Rolle, wohl aber, dass sie Männer sind.

Der Verfall des eben noch so Frohgemuten während des Fluchtversuchs durch den Dschungel geschieht mit der Zügigkeit des Einakters und 80-Minüters. Das Publikum wird gern grünblau angeleuchtet als Gespensterschar und damit zu Komplizen von Julia Glasewald und Illi Oehlmann, die Jones piesacken mit seiner demütigenden Vergangenheit und stellvertretend für O'Neills üppigeres Alb-Personal. Poth folgt dem Text, folgt der psychologischen Aufladung, Drechsel ist bald nicht mehr schön, bald nicht mehr androgyn, bald eine Frau mit wirrem Haar und einem Unterhemd, auf dem "Nigger" steht. Unaussprechlich Schreckliches geschieht dem gestürzten Kaiser in dieser Nacht an diesem Ort, an dem auch Napoleon einst ein Zimmer nahm.

Die Kaiserin muss sterben, Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 3. Juni 2005

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ladies and gentlemen! We proudly present: Natürlich kann man nach so einem Beginn nicht einfach einen Einakter  namens "Kaiser Jones" spielen. Es muß schon "Emperor Jones" heißen, und das ist ja auch der Originaltitel. Das MTV-orientierte Update allerdings gilt einem Stück, das immerhin schon seine 85 Jahre auf dem Buckel hat und irgendwie amerikanischer Expressionismus von Eugene O´Neill sein soll. Macht nichts. Wenn man das Ganze mit ein bißchen frischer Musik versieht, die ein DJ im Club zur "Goldenen Krone" einspielt, und die Darsteller wie Boxkämpfer einführt, wird´s schon, genauso irgendwie, aktueller werden.

Nicht ohne Witz, wie Regisseur Jens Poth seine Schauspieler so einlaufen läßt vor den "Ladies and gentlemen"-Zuschauern: als die "kleinen gestaltlosen Ängste" Julia Glasewald und Illi Oehlmann, als Jones´ vermeintlichen Freund Smithers Gerd K. Wölfle, als des Emeperors Widersacher Lem Klaus Ziemann und schließlich "as our emperor or emperess Jones" Gabriele Drechsel. Weiter passiert allerdings nichts mehr mit dieser ostentativen Wir-spielen-hier-Theater-Attitüde, die Poth beim Besuch einer Off-Staatstheater-Bühne gefallen haben muß, wie sie das ehemalige Kronen-Gasthaus, für diesen Abend Spielstätte des Staatstheaters Darmstadt, ja auch sein will. Sie bleibt folgenlos, genau wie die Verwandlung des Kaisers in eine Kaiserin. Am unendlich langsamen Anfang darf Gabriele Drechsel zwar die Domina statt des zum ausgefuchsten Tyrannengeneral gewandelten schwarzen Underdogs mimen. Ansonsten reicht die Frauenrolle nur für eine schöne Optik und ein paar Anspielungen auf familiäre Gewalt und sexuelle Ausbeutung ...

Frau Kaiser im Boxring, Eva-Maria Magel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Juni 2005

Darmstädter Echo

Brutus Jones, Schaffner, Mörder und Zuchthäusler auf der Flucht, hat es weit gebracht: bis zum Karibik-Kaiser abergläubischer Eingeborener. Doch die Untertanen begehren auf, Jones hetzt durch den Urwald und begegnet den Gespenstern seines afroamerikanischen Unterbewusstseins. So hat es Eugene O'Neill 1920 in seinem Stück "Emperor Jones" skizziert. In Darmstadt zeigt das Staatstheater nun im Konzertsaal der "Goldenen Krone" diesen selten gespielten expressionistischen Einakter.

Es ist ein anderer Jones, der dort durch den Dschungel irrt - nicht der bullige Schwarze in seiner Operettenuniform, sondern eine Frau: Gabriele Drechsel spielt keine Travestie, ihr Brutus ist betont feminin, trägt die Pistole am Strumpfband über den schwarzen Stiefeln. Kaiserin Jones ist eine Mischung aus Emma Peel und Catwoman, Lara Croft und Josephine Baker.

Regisseur Jens Poth hat versucht, den amerikanische Rassenkonflikt von gestern in ein Geschlechtergleichnis von heute zu übersetzen. Die Frau als Neger der Gesellschaft ...

... Ausstatterin Svea Kossack lässt den Saal in seiner ganzen Länge bespielen. Das Publikum sitzt an den Wänden. Auf dem Bühnenpodest liegt der Palast mit Ledersessel-Thron und Topfpflanzen-Dschungel, wo der schmierige Händler Smithers (Gerd K. Wölfle) auf das Ende des Kaisers wartet. An der Rückwand ist das Mischpult für Klangeffekte. Häuptling Lem (Klaus Ziemann) knistert dort mit Alufolie vor einer Videokamera, um die Magie des Waldes zu beschwören.

In der Mitte des Saales, wo sonst Konzertbesucher im rauchgeschwängerten Halbdunkel stehen, tritt Jones unter den drei Diskokugelsternen im Nachtblau auf die Lichtungen, wo seine Furcht Gestalt annimmt. In Darmstadt ist es nicht die Angst des Schwarzen, wieder in einen vorzivilisatorischen Zustand zurückzufallen, es ist die Angst der starken Frau, wieder unmündig zu sein ...

Expedition in die Angst, Stefan Benz, Darmstädter Echo, 3. Juni 2005
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