Platée

Gesanglich herausragend Jeffrey Treganza in der Titelpartie, ein Tenor von enormer Elastizität und stimmlicher Verve.
Main-Echo zu Platée Platée

Frankfurter Allgemeine Zeitung

... Da sitzt eine im ritualisierten Frohsinn erstarrte Gesellschaft auf einer dieser unsäglichen Narrensitzungen herum und beschließt die folgende Handlung. Erst die entfesselte Fortsetzung entlarvt den Leerlauf des Prologs als ironische Brechung.

Mit diesen ist Dews Inszenierung regelrecht imprägniert, denn zu der aus dem halb hochgefahrenen Orchestergraben heraustanzenden Barockmusik serviert das Bühnenpersonal einem die komplette Opern- und Ballettgeschichte verrührenden Cocktail unter besonderer Berücksichtigung des mit Breakdance, Elvis, "Stomp" und "Starlight Express" üppig bedachten 20. Jahrhunderts. All dies funktioniert zwanglos als brilliante Verdopplung der Vorlage. Diese erreicht mit dem fortdauernden Auseinanderklaffen von musikalischem Stil und Handlungsebene bereits eine beträchtliche komische Fallhöhe, denn "Platée" jongliert wie kaum ein zweites Werk der Operngeschichte mit Form, Konvention und Stil. In enger Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Heinz Balthes und Kostümbildner José-Manuel Vazquéz ist es der Regie gelungen, dieses Spiel virtuos auf die Spitze zu treiben.

Bei ihrer aktuellen Darmstädter Neuauflage besticht Dews Inszenierung weiterhin durch Rasanz, überbordenden, dabei niemals zum Selbstzweck mutierenden Ideenreichtum. Raoul Grüneis motiviert das mit Verve musizierende Orchester des Staatstheaters zu Höchstleistungen und liefert dadurch Vorgaben, die auf der Bühne nicht ungehört bleiben. Bei aller bunten Überdrehtheit ist die Musik niemals Dekor. Das Spiel, welches bereits Rameau mit ihr getrieben hat, wird aufgenommen und phantasievoll weitergesponnen. Ein gutes Dutzend Verwandlungen durchlaufen die Mitglieder des hauseigenen Tanzensembles: Die Ballette putziger Schildkröten und quabelliger Frösche, rücksichtsloser Straßenkehrer und quengeliger Monsterbabys überzeugen mit schillernden Bewegungsmustern.

Über das Maß des beim Regietheater Üblichen hinaus gefordert sind auch die singenden Darsteller ... Die mit angenehm klar timbriertem Sopran ohnehin beeindruckende Thora Einarsdottir verblüfft mit ihrer Doppelrolle: Erst erotisch elektrisierender Amor im Prolog, spielt sie in der eigentlichen Oper die verhuschte Nymphendienerin La Clarine. Wunderbar auch der wie ein Amalgam aus Feuer und Luft umherfedernde Mercure von Jordi Molina und Dimitry Ivashchenkos aalglatter Jupiter. Sonderapplaus für die Platée des Jeffrey Treganza. Die Dauerbaustelle Staatstheater Darmstadt braucht sich auch zukünftig wohl keine Gedanken über Auslastungszahlen zu machen.

Fröhliches Nymphenversenken, Benedikt Stegemann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2005

Darmstädter Echo

... Die Titelgestalt ist bereits in der 1745 uraufgeführten Komposition für eine Männerstimme geschrieben, die mit schrägen, ungewohnten und ausdrucksstarken Intervallsprüngen daherkommt, was das manchmal Linkische und Unbeholfene dieses Mannes in Frauenkleidern noch verstärkt ...

... Jeffrey Treganza, dessen lange Beine ganz und gar nicht so männlich aussehen, reizt diesen parodistischen Part genüsslich aus. Als Tenor mit baritonaler Stimmfärbung verfügt dieser großartige Sänger über vielerlei Schattierungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Hinzu kommen eine breit gefächerte Darstellungskunst und eine Mimik, die geschickt die höfisch-barocken Gesten aufgreifen. Klar, dass er am Ende der gut zweieinhalb Stunden dauernden Premiere am Freitag im Staatstheater Darmstadt den meisten Beifall ... bekam.

Überhaupt kam die Inszenierung des Regie führenden Intendanten bestens an. Die Zuschauer waren hingerissen von dieser fantasievollen Aufarbeitung des barocken Stoffes und applaudierten überschwänglich. Mit leichter Hand hat sich Dew dieser Oper angenommen und das Komische, Parodistische herausgearbeitet. Das fängt bereits mit dem Prolog an, der einer Prunksitzung eines Karnevalsordens gleicht ... Hier kommt der von André Weiss famos einstudierte Chor mit seinen Bajazzi und Clowns immer wieder zum Zuge.

... Andrea Bogner macht als La Folie stimmlich wie darstellerisch eine glänzende Figur. Überhaupt sind die Partien - es wird französisch gesungen (mit deutschen Übertiteln) - alle vorzüglich besetzt. Dimitry Ivashchenko wuchert als Jupiter mit seinem pfundigen Bass. Auch darstellerisch bleibt nichts zu wünschen übrig. Großartig, wie Katrin Gerstenberger als Juno ihre Stimme einsetzt, die an Wucht und Kraft enorm gewonnen hat. Jordi Molina zeigt sich als Mercure mit heller, perfekt sitzender, wenn auch schmaler Tenorstimme stets gewandt. Geradezu ausgewogen rund und volltönend serviert Werner Volker Meyer die Partie des Cithéron. Köstlich, wie Thora Einarsdottir als betulich-scheue Dienerin der Platée sich beim Aufbau des Liegestuhls verheddert.

Dew hat die idealen Leute um sich geschart, die seinem unterhaltsamen Konzept zuarbeiten, welches das Publikum bezaubern und zum Lachen bringen soll. Tatsächlich wird bei der Premiere viel gelacht und geschmunzelt wie selten in einer Oper. Da sind die farbenprächtigen Bühnenbilder von Heinz Balthes, der im ersten Bild einen paradiesischen Zaubergarten im Stile des naiven Malers Rousseau entwirft.

Hinzu kommen die bunten, fantasievollen wie faszinierenden Kostüme von José-Manuel Vázquez. Und wenn mal der Ablauf durchzuhängen droht, gibt's flugs ein paar Tanzeinlagen, die in der Choreografie von Mei-Hong Lin wieder für Bewegung sorgen. ... Die entsprechende Grundlage bietet Rameaus Musik, aus der das Orchester des Staatstheaters unter der Leitung von Raoul Grüneis die überraschenden, witzigen und illustrierenden Momente stilsicher herausholt. Beherzt kostet der Dirigent ... die dynamischen Wechsel und die harmonischen wie rhythmischen Finessen aus, die das Ohr selbst heute noch so wunderbar reizen ...

Wie närrisch darf´s denn sein?, Heinz Zietsch, Darmstädter Echo, 13. Juni 2005

Offenbach Post

... John Dew lässt den Dreiakter zu einem furiosen, kunterbunten Spektakel werden. Ob der Götterbote Merkur mit "Olympic Air" einfliegt oder geflügelte Wesen auf Roller-Blades durch das Bühnenbild von Heinz Balthes fegen, ob das Darmstädter Ballett (Choreographie: Mei-Hong Lin) in Gestalt speckiger Riesen-Babys oder als drolliges Sumpfgetier über die Bühne stakst: Stillstand gibt es nie, weil Dew das barocke "Ballet-boufon" zu einer Art heiteren Opern-Revue werden lässt. Selbst die allegorische Figur der Narrheit (Andrea Bogner) tritt hier wie ein Popstar auf.

Man darf sich also bestens unterhalten fühlen - auch durch die musikalische Seite dieser Premiere. Das Darmstädter Orchester agiert im erhöhten Orchestergraben des Kleinen Hauses unter der Leitung von Kapellmeister Raoul Grüneis technisch makellos und in Sachen Barockmusik sehr versiert. Und über manche vokale Ungenauigkeiten der Platée, die von einem Mann, nämlich dem Tenor Jeffrey Treganza, dargestellt wird, hört man gern hinweg, weil Treganza die gealterte Nymphe ungemein spielfreudig, herrlich tuntig unter blonder Perücke gibt.

Als angenehm geschmeidig-dunkel timbrierter Jupiter bietet daneben Dimitry Ivashchenko einen vokalen Pluspunkt des Abends, Thora Einarsdottir trottet, wie bereits in Wiesbaden, ihrer Herrin Platée als mausgraue Dienerin La Clarine hinreißend komisch hinterher. Das Publikum ist spürbar begeistert - schließlich muss man einfach nur, wie es John Dew gelingt, von leichter Hand gekonnt Komödie spielen lassen.

Ein wahrlich göttlicher Opern-Spaß, Axel Zibulski, Offenbach-Post, 15. Juni 2005

Frankfurter Rundschau

... Geradezu als Cuisinier erwies [Dew] sich  mit Jean-Phillippe Rameaus Ballettoper Platée, einer Koproduktion mit dem Staatstheater Wiesbaden (und dort bereits präsentiert), die nun im Darmstädter Kleinen Haus Premiere hatte und für eine Publikumsgaudi sorgte. Da fühlte man sich schon bei dem als Kappensitzung aufgezogenen Prolog "unter Göttern" göttlich amüsiert, was sich in den drei folgenden Akten fortsetzte - auch dank überwiegend belustigend-drolliger Tanzeinlagen (Choreographie: Mei Hong Lin). Optisch (Bild: Heinz Balthes) stets gepflegte Opulenz. Buffonesk gelenkt auch die Personenregie mit dem ganovenhaft - kläglichen Jupiter von Dimitry Ivashchenko und der Titelpartie, drall-deftig und urkomisch, wenn auch nicht ohne Anflüge von Charme und tuntiger Eleganz, verkörpert von dem Bariton Jeffrey Treganza - ein darstellerisches Kabinettstückchen.

Das dieser Fall von "amour fou" (vergleichbar dem Shakespeare`schen Sommernachtstraum - Handlungsstrang der in den Esel verliebten Titania) auch ins Tragische hinreicht, davon war, bis zum planen Spott-Finale, kein Stäubchen merklich. Die Musik Rameaus (mit karikaturistisch portamentierten Seufzermotiven von Raoul Grüneis und den Kollektiven prächtig lebendig gemacht) in ihrer generösen Vieldeutigkeit hätte das unschwer zugelassen.

Darmstädter Kappensitzung, Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau, 13. Juni 2005

Main Echo

... Eine Landschaft wie aus Disney- und Phantasialand zusammengedacht regt die Einbildungskraft des Zuschauers an. Grünes Licht und ein fahl illuminierter Mond in der Schwebe erinnern an den Garten Eden, der von stilisierten Blumen und Pflanzen überwuchert ist. Tummelplatz für die nun einsetzende Geschichte, die über allerlei Irrungen und Wirrungen  im zweiten Akt im finalen dritten natürlich zum Happy End führt.

Doch bis es soweit ist, erleben wir von der neuen Ballettchefin Mei Hong Lin hinreißend choreographierte Tanzszenen, in denen sich als grüne Frösche, Schildkröten, Bienen und Käfer verkleidete Chormitglieder und Statisten tummeln; sogar veritable Inlineskater in roten Roben und mit Engelsflügel bestückt machen da in Darmstadt Oper. Transvestiten und Hofnarren in entsprechender Kostümierung komplettieren die Chose. Hier hat die Werkstatt des Hauses sich wirklich selbst übertroffen. An Breughel und Bosch optisch gemahnende Fantasiefiguren kommen gleich im Dutzend zum Einsatz.

Zum Gelingen dieser Oper, eine Koproduktion mit dem Wiesbadener Staatstheater, trägt auch maßgeblich das Orchester des Hauses bei: Raoul Grüneis am Dirigentenpult deutet die Partitur Rameaus leicht, federnd, mit viefältigen Farbschattierungen und subtilen Klangimpulsen. Für das seriöse klangliche Fundament des virtuosen Bühnenspaßes sorgt der Dirigent mit großem Engagement. Dass man nicht unbedingt ein Spezialensemble  mit historischem Spezialinstrument braucht, um das Werk zum Leben zu erwecken, beweist der routinierte Darmstädter Klangkörper. Dynamische und agogische Kontraste und filigrane Verzierungen auf engem Raum verlangen Präzisionsarbeit, die auch vom Chor geleistet wird und den Abend zu einem akustischen Erlebnis werden lässt.

Gesanglich herausragend Jeffrey Treganza in der Titelpartie, ein Tenor von enormer Elastizität und stimmlicher Verve. Werner Volker Meyer, den Citheron differenziert singend, Dimitry Ivashchenko als Satyr, Jordi Molina als Merkur und Sebastian Bollacher in der Partie des Momus halten mühelos das hohe Niveau. Auch die kleineren Partien waren bei der Premiere glänzend besetzt.

Gekränkte Kröte, Joachim Schreiner, Main-Echo, 15. Juni 2005

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