... Das Staatstheater Darmstadt hat seine neue Ersatzspielstätte für das Schauspiel, die Kammerspiele, am Samstag mit einer Uraufführung eröffnet: "König der Hirsche" von Stefan Moskov nach Motiven von Carlo Gozzi. Der Zugang zu den Kammerspielen ist noch provisorisch, aber die Bar im ersten Stock ist schon eröffnet.
Die Schauspieler versichern dem Zuschauer in Darmstadt während der Vorstellung immer wieder, dass sein Gefühl ihn nicht trüge: "Sie nehmen an einer seltsamen Vorstellung teil." Und sie trösten: "Wenn Sie etwas nicht verstehen, machen Sie sich keine Sorgen. Wir verstehen es auch nicht." Denn Stefan Moskov, der preisgekrönte bulgarische Regisseur ... hat eine Comedy-Show für die neugebauten Kammerspiele inszeniert, die mit Carlo Gozzis tragikomischem Zaubermärchen "König Hirsch" aus dem 17. Jahrhundert kaum noch etwas zu tun hat: Acht Schauspieler, verkleidet als Figuren der italienischen Commedia dell' arte, bemühen sich, das Publikum lachen zu machen. Mit allen Mitteln des körperlichen Einsatzes, vor allem der Pantomime: Gestik, Mimik, Zeitlupenbewegungen. Und des geistigen Einsatzes, so mit dem Erzählen von Witzen: "Zwei Kannibalen verzehren einen Clown. Sagt der eine Kannibale zum andern: Der schmeckt aber komisch."
Es beginnt mit einer witzigen Demonstration auf der Bühne: Schauspieler führen vor, wie sie Szenen verdichten, wie sie mit einem Klatschen an die Stirn Verblüffung oder Erschrecken dem Publikum augenfällig machen. Hubert Schlemmer, an dessen Talent für Komik sich die Zuschauer in Darmstadt dankbar erinnern, gelingt dies auch diesmal besonders gut.
Es geht über zu der pantomimischen Vorführung, wofür ein Stuhl alles gut sein kann, der mal als Busfahrer-Sitz, mal als Gondel, mal als Thron dienen kann. Und es mündet zuguterletzt in Stefan Moskovs szenische Paraphrasen zu dem Stück von Carlo Gozzi: Ein König (Matthias Fuchs) sucht eine Frau. Eine surreale Phantasie in Moskovs Manier: Der Minister (Hubert Schlemmer), der dafür seine Tochter dem König andienen möchte, erfindet sich erst eine Frau, dann eine Tochter. Doch der König heiratet eine andere.
Im Gedächtnis bleiben Karin Klein, die bei einer Casting-Show als Lucy III nervt sowie als Smeraldina dem Spiel ein wenig Pepp verleiht, und Phillip Hunscha, der als Zauberer Durandarte über die Bühne tänzelt: Mandra der Magier, verkleidet als gigantische Fledermaus.
... "König der Hirsche" ist eine muntere Aneinanderreihung grotesker Sketche, die miteinander so gut wie nichts zu tun haben und die ihr Eigenleben fröhlich entfalten. ... Zusammengehalten wird die Aufführung vor allem durch die aparten schwarz-weißen Kostüme, die die Kostümbildnerin Svila Velichkova für die Darsteller entworfen hat, den abwechslungsreichen Klangteppich, mit dem Antoni Donchev die Bühne musikalisch ausgelegt hat, sowie das Bewegungstraining, das Kamen Ivanchev Donev dem Ensemble hat angedeihen lassen. Zusammengehalten wird die Vorstellung natürlich auch durch die Bühne, die Leonard Mois-Kapon spartanisch gestaltet hat: bewegliche Wandschirme. Da sie aus Papier bestehen, können die Schauspieler leicht Symbole auf sie malen, sie anritzen, zerschneiden, zerreißen, die Köpfe, Hände und Füße durch sie stecken: Papiertheater.
Auf der Bühne gibt es nichts als Klamauk, Kasperletheater für Erwachsene, das aber mit großer künstlerischer Konsequenz. Ein wenig fühlt man sich an Mephistos Bemerkung im "Faust" erinnert: "Die Müh' ist klein, der Spaß ist groß." Die Adjektive müssten indes vertauscht werden.
Angela hat einen Vogel. Das haben viele, sie aber trägt ihren, einen weißen, mit langem Hals und Kulleraugen, die ihn an die Kindersendung "Siebenstein" erinnern lassen, auf dem Arm mit sich herum. So kann ihn jeder sehen. Zu sehen gibt es reichlich in der Uraufführung, mit der nun die neuen Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt eröffnet wurden und damit die erste Theatersaison unter dem neuen Intendanten John Dew und seinem Schauspieldirektor Martin Apelt. Man setzt auf Komödien, das hat der Jahres-Spielplan schon längst verraten. Für die Eröffnung gab es nun eine Vorform, die Commedia dell' arte, in moderner Fassung.
Den Erzfeind Goldonis, der am Beginn jener Komödientradition steht, die heute noch unser Theater prägt, hat sich Stefan Moskov, bekannter bulgarischer Theater- und Filmemacher, einst Assistent bei Giorgio Strehler, ausgesucht. In Carlo Gozzis Zaubermärchen "Der König der Hirsche" geht es nicht nur um die Kunst, die richtige Frau zu finden, es geht um falsche Freundschaft, Macht und die Kunst, sie recht zu nutzen. Davon bekommt man in Darmstadt allerdings nicht mehr viel mit. Denn Moskov, der zehn Jahre lang auch eine Comedy-Serie produziert hat, setzt ganz auf das Anekdotische, Witzige, Spielerische, um diese Leere zu füllen. Und auf Comedy. Es treten, neben den klassischen Commedia-Figuren, dem König und seinem falschen Freund, unter anderem Anspielungen auf die Comedy-Serie "Klimbim", die Fernsehfigur Dr. Stefan Frank, Bambi, und einige weitere medienbekannte Figuren auf. Natürlich darf auch eine Reflexion im Theater über das Theater nicht fehlen, wenn auch im Comedy-Stil: Was ist schon eine Tragödie, wenn sie sich im Komischen verbirgt?
Nicht der "König der Hirsche" steht im Mittelpunkt von Moskovs Bearbeitung, die auf Improvisation beruht, sondern eine Assoziationskette, in der beinahe jeder Gag erlaubt ist. Moskov, der auch gleich seine Mitarbeiter mit nach Darmstadt gebracht hat, kann auf deren Kenntnisse vertrauen: Der Bühnenbildner Leonhard Mois-Kapon läßt im weißen Bühnenraum Welten aus weißem Papier entstehen, aus denen sich Arme, Köpfe, Beine recken. Die paar Requisiten malen die Schauspieler flugs auf, die Kostümbildnerin Svila Velichkova in weiße Phantasiekostüme gesteckt hat, mit einigen bunten Akzenten. Und der Komponist Antoni Donchev hat eine Bühnenmusik komponiert und arrangiert, die mit bekannten Themen jongliert und ab und an erstklassigen Jazz liefert. An Aktion und Anregung mangelt es also wahrlich nicht auf der Bühne, zumal der Körpertrainer Kamen Inchav Donev äußerst intensiv mit dem Ensemble gearbeitet haben muß: Es beherrscht die abgehackten Bewegungen der Commedia-Figuren und manches Tänzchen ebenso wie die etwas platte Komik heutiger Fernsehsendungen. So fliegen die Szenen in knapp anderthalb Stunden dahin, zum Gaudium des Publikums.
Dann wird es doch ein bißchen ernst: Um den König zu retten, muß Angelas weißer Vogel sein Leben aushauchen. Und Angela, die geliebte Gattin des Königs, verschwindet gleich mit. Ihre Seele, scheint es, saß im Körper des Vogels. Am Ende bleiben auf der Bühne zwei alte, dröge Witzfiguren: Der König und sein falscher Freund. Das kommt davon, wenn man den Komödienvogel zu fest im Würgegriff hat. Begeisterter Applaus.
Wie jeder Bunker liegen die Darmstädter Kammerspiele, die neue Spielstätte der Riesenbaustelle Staatstheater, gut versteckt im Berg. Kalkulieren Sie zehn Minuten für die Suche ein! Es lohnt sich: So massiv bekommt man selten vor Augen geführt, dass Theater auch mit Hoch- und Tiefbau, mit Sattelschlepper und Schwertransport zu tun haben kann. Auf der Bühne geht es dafür dann luftig, manchmal sogar richtig lustig zu. Ein Kind muss gemacht werden, gut, Papierstellwand her, Paar dahinter postiert und ordentlich gestöhnt. Aber es ist dann nicht die althergebrachte Methode der Zeugung, sondern - Stellwand weg - der Zeichenstift, der das Baby - auf einer anderen Papierwand - erzeugt hat. Durch das Papier steckt eine Schauspielerin ihren Kopf, das Baby lebt, aber im nächsten Moment muss es schon eine junge Frau sein, neue Papierstellwand her, auf der die primären Geschlechtsmerkmale abgebildet sind. Kopf durch, Arme durch, Hand vors Geschlecht.
Es hat Tempo, Witz und die guten alten Illusionsmittel des Theaters, die sich immer sofort selbst überführen, was der bulgarische Regisseur Stefan Moskov da auf die Bühne strichelt. Ein wenig Stummfilm, ein bisschen commedia dell'arte, ein Schuss Rokoko, und der Geist der Kapriole und der Zauberei, die hier recht munter gemischt werden - da ist alles weiss und jeder doppelte Boden sofort erkennbar, mal spielt die Aufführung das beliebte Spiel, Technisches (Fernseher, Kaffemaschine etc.) allein durch das Spiel darzustellen, auch die Kostüme sind aus Papier und der Frack ist daraufgezeichnet. So floppt das lustig hierhin und dorthin. Etwas langweilig wird es, als Moskov die Geschichte von Carlo Gozzis König Hirsch, die er sich überflüssiger Weise als Vorlage genommen hat, erzählen will.
Es ist Zauberei ohne Trick, da liegt das kleine Geheimnis, die älteste Behauptung des Theaters: alles ist Täuschung, dafür aber wahr. Natürlich ist es einfach, wenn man im Zweidimensionalen spielt, die Ausbrüche und Durchbrüche in die dritte Dimension wie Magie erscheinen zu lassen. Dadurch funktioniert jeder doppelte Boden wie von selbst. Aber etwas platt wird es dadurch auch. So kann man hier zwei alte Weisheiten, Papier ist geduldig und Papier ist lebendig, beim munteren Wettstreit beobachte. Ätzend oder beißend, zeitgenössisch oder aktuell ist das dagegen nie. Das Spiel genügt sich - gerade in seinen besten Momenten - selbst.
Über das Ensemble, in dem einige neue Schauspieler sind, kann man in einer solchen Vorstellung keine weitreichenden Erkenntnisse gewinnen. Sie haben die vielen Rollen mit Hingabe und hinreichender Präzision erfüllt. Auf jeden Fall ist es mutig und sympathisch, mit einer solchen Aufführung die neue Intendanz im Schauspiel einzuläuten. Was will man damit zeigen? Unbekümmertheit, reines Theater mit den durchsichtigsten Theatermitteln als Programm, Liebe zum traditionellen Theater, vielleicht auch dass man sich damit begnügen will, dass das Theater um sich selbst kreist - noch sind der Möglichkeiten viele.