... Aus Gründen der Statik steht mitten auf der Bühne der neuen Darmstädter Kammerspiele ein Pfeiler ... In Peter Hailers Inszenierung von "Maß für Maß" wird sie zum Symbol aus Beton: eine Stütze der Macht. Bühnenbildner Dirk Becker hat noch einen zweiten Pfeiler quer in den Raum gelegt. Die Statik des Theaters gefährdet das nicht, aber es versinnbildlicht, wie sehr die Statik des Staates in Gefahr ist. Am Ende wird die gestürzte Stütze zum Sünderbänkchen. Es gibt viel zu büßen in dieser Komödie ...
Vor der Pause, wenn "Maß für Maß" eher ein philosophisches Thesenstück über Macht und Moral ist, kommt die Darmstädter Aufführung mit ihren eng verzahnten Dialogen erstaunlich flott daher. Nach der Pause, wenn der Herzog seine Intrige spinnt, die Komödie der Irrungen abschnurren müsste, lässt sich die Sache vergleichsweise zäh an.
Am Herzog liegt das nicht. Der bewährte Till Sterzenbach gibt einen aufgekratzten Vincentio. Sein kahler Schädel wirkt streng, doch der dandyhafte Aufzug mit Weste und Westernhut verrät ihn als Freund des leichten Lebens, der einen Statthalter braucht, um den Saustall Wien auszumisten ... Unter der Mönchskutte ist dieser Herzog Zuschauer und Regisseur seines eigenen Staats-Theaters. Seine politische Führungsschwäche nimmt Peter Hailer ihm nicht übel, schließlich betrachtet Vincentio Machtspiele offenbar als schöne Kunst ... Lord Angelo, sein Statthalter, versteht die auf Zeit verliehene Macht als Probe für die Karriere. Martin Maria Eschenbach, neu in Darmstadt, ist ein Azubi der Autorität. Die Rolle des Generalstaatsanwalts wider Freudenhäuser und vorehelichen Geschlechtsverkehr gefällt ihm besonders gut. Prinzipien hat der selbstgerechte Schnösel, aber keine Lebenserfahrung. Den Staat kennt er so wenig wie sich selbst. Und so verführt ihn die Macht zum Missbrauch. Am Ende verdrückt er ein Tränchen: ein Lehrjunge der Autokratie, der seine erste Prüfung verhauen hat.
... Für Farben und Temperamente sorgen die burlesken Figuren wie Aart Veder als Zuhälter Pompejus, dem jedes Wort zur Doppeldeutigkeit wird. Oder, allen voran, Andreas Manz als Lucio: ein Schwätzer, der verleumdet, wie es ihm gefällt, sich dabei um Kopf und Kragen redet und doch wohl auch immer ein wenig Wahrheit spricht. ... So vornehm sich die Regie mit plakativen Interpretationen zurückhält und den Schauspielern den Vortritt lässt, so klar schält sich am Ende doch Shakespeares skeptisches Menschenbild heraus. Die Dreifachhochzeit, die Vincentio dekretiert, ist eine böse Parodie auf den üblichen Komödienschluss. In jenem Wien, wo Sex ohne Trauschein einen Mann in die Todeszelle und eine Frau ins Bordell führen kann, wird die Ehe nach des Herzogs Gnaden zur sexuellen Disziplinarmaßnahme: lebenslängliche Treue, das ist wahrscheinlich die Höchststrafe. Und mit Sicherheit das Gegenteil von Liebe.
...Ein ganz schön verlottertes Phantasie-Wien, das Shakespeare sich da ausgedacht hat: Hurerei und Kuppelei, wohin man schaut, Mörder, die ihrem Urteil entkommen, und ein Herzog, der anscheinend beide Augen zudrückt. Dieses pralle Straßenleben allerdings läuft in den neuen Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt hauptsächlich hinter den Kulissen ab: Für Peter Hailers Inszenierung von Maß für Maß hat Bühnenbildner Dirk Becker die Wände des Bühnenraums, der diesmal quer bespielt wird, mit hellem Holz ausgekleidet. Elegant wirkt das, kühl und nüchtern.
So ähnlich geht es dann auch zu in der tragischen Komödie, in der Shakespeare, ins Deutsche übertragen von Frank Günther, gewichtige Fragen von Macht und Machtmißbrauch abhandelt. Till Sterzenbach gibt den Herzog, der sich, als Mönch verkleidet, unters Volk mischt und als seinen Stellvertreter den Moralterroristen Angelo (Martin Maria Eschenbach) samt dessen rechter Hand Escalus (Uwe Zerwer) wählt - wohlwissend, daß dieser mit unbarmherziger Härte jene Gesetze anwenden wird, die der Herzog sich seit langem durchzusetzen gescheut hat. Dem kühlen Herzog Sterzenbachs mag man solche Laxheit in der Amtsausführung kaum abnehmen, so sicher hält er selbst dann, als sie ihm zu entgleiten drohen, die Fäden der Intrige in der Hand.
... Ansonsten geht es, bei aller Betriebsamkeit, auf der Bühne gemessen und sehr ernst zu. Zumal zu guter Letzt, wenn alles sich in Wohlgefallen auflösen soll, schließlich steht ja "Komödie" über dem Text. Wenn Angelo allerdings vom Herzog die Strafe zuteil wird, die einst von ihm verschmähte Mariana heiraten zu müssen, bleibt einem das Lachen im Halse stecken ...
... "Maß für Maß" gehört zu den großen, aber auch schwierigen Stücken Shakespeares, eine dunkle Komödie, relativ selten gespielt, doch gerade heute durchaus am Platze. Geht es darin doch um Gebrauch und Missbrauch von Macht, wie auch um wahre oder nur scheinbare Moral. Der Herzog Vincentio hat sein Land heruntergewirtschaftet, durch zu große Milde, zu wenig Strenge; er setzt als Regenten seinen Stellvertreter Angelo ein, der alles in Ordnung bringen soll, der darin bis zum Unrecht geht, den er aber heimlich überwacht, das Schlimmste verhindert ...
... "Maß für Maß" ist ein böses Stück. Menschen tun einander physische und seelische Gewalt an, das mühsam herbeigeführte gute Ende verdankt sich dem späten Eingreifen des Fürsten, der sich verkleidet unter die Menge gemischt hat ... Dessen Kritiker könnte das an den lieben Gottes erinnern. Auch ist nicht jeder davon begeistert, dass eine verschmähte Verlobte ihren Ex übers Ohr haut ... und der Ex ist noch dazu ein Lump im Gewande des Puritaners. Eben noch wollte er einer Schönen seine Liebe aufzwingen und ihren Bruder à la Tosca hinrichten lassen.
Peter Hailer ... nimmt den vergleichsweise selten gespielten Shakespeare im neuen Kammerspiel des Staatstheaters nicht zu schwer. Er setzt auf Diskretion, und er will weder Musik noch Klimbims ...