... Ein paar Kriminelle gründen eine Stadt. Sie knüpfen ein Netz, um Menschen mit Geld zu fangen. Sie versprechen das Paradies und handeln mit dem Glück. Und weil das Glück nur käuflich zu erwerben ist, speit diese Gesellschaft die Ausgepressten aus. Das Angebot, alles zu dürfen, ist doch bloß eine Beschönigung für das nackte Recht des Stärkeren. Ansonsten zeigt dieses Mahagonny das satirisch verzerrte Spiegelbild einer aktuellen Gesellschaft. Ständig wird am Handy herumgefummelt und mit dem Laptop hantiert, die Menschen werden vermessen und in Schönheitsoperationen perfektioniert, man schnupft Kokain und wedelt mit der Kreditkarte, man vergnügt sich beim Spiel, tanzende Teenager abzuknallen, der Fitnesswahn trabt über die Bühne, und vor allem in der ersten Hälfte der zweieinhalbstündigen Aufführung ist mehr los, als man erfassen kann. Einerseits missachtet dieses Arrangement alle notwendige Ökonomie der szenischen Wirkung, andererseits persifliert es die Reizüberflutung der Medienwelt. Der Zuschauer muss mit dem Auge zappen zwischen den Ereignissen.
Unter der Leitung von Raoul Grüneis entwickelt das Orchester, das ziemlich tief sitzt im Graben des Kleinen Hauses, eine ebenso klangsinnliche wie rhythmisch akzentuierte Wiedergabe dieser Partitur ... Vor allem die großen Ensemble-Finales und die eindringlichen Chorszenen (Einstudierung: André Weiss) verfehlen ihre kalkulierte dramatische Wirkung nicht.
Die Zeichnung der großen Rollen hingegen ist angemessen scharf: Elisabeth Hornung stattet den Managertyp ihrer Leokadja Begbick mit markanter Stimme aus. Unter ihren Gehilfen ist Jeffrey Treganza als Fatty der Mann fürs Grobe, Hans-Joachim Porcher als Dreieinigkeitsmoses liefert eine abgründige Studie des sanft-intellektuellen Gewaltmenschen. Jims Gefährten sind Jordi Molina Davila, Werner Volker Meyer und Andreas Daum scharf umrissene Charaktere. Jim selbst ist der unangepasste Glückssucher, dem Kor-Jan Dusseljee eine vor allem in hohen Lagen strahlend starke Tenorstimme mitgibt und auch das Talent, sie in der expressiven Abschiedsarie vor der Hinrichtung geschickt zu schattieren.
Das Ensemble folgt Kochheim engagiert auf dem Weg der satirischen Zeitrevue, die sich allmählich ins Dunkle wendet. Diese Oper ist eben nicht der Ort für differenzierte politische Debatten, sondern für kräftige Bilder. Und die gelingen Kochheim, je mehr sich seine Satire ins Dunkle wendet. Wenn der Hurrikan droht, bringt Jim ganz einfach und grundlos ein Kind um, als wolle er Brechts Botschaft illustrieren, dass der Mensch ja keinen Hurrikan braucht, weil er sich selbst genug Schaden zufügen kann ... und plötzlich hat dieser bunte Abend seinen bitteren Ernst gefunden, wenn er den Menschen auf seiner eigenen Schlachtbank zeigt.
? Wir sind alle Gefangene der Konsumsucht, rücksichtsloser Gier und Lust. So behauptet es Regisseur Philipp Kochheim ... im Staatstheater Darmstadt und siedelt Brechts verkommene "Netzestadt" Mahagonny im Innern eines Computers an- oder vielmehr im World Wide Web. Die Wände bestehen aus den grünen Gittern und Punkten einer Matrix. Dem gleichnamigen Kinofilm entsprungen scheinen die Gangster Fatty und Dreieinigkeitsmoses in schwarzen Mänteln, die ihrer Anführerin Leokadja Begbick mit Cyberbrille und -handschuh ein virtuell reales Mahagonny erschaffen, ein dekadentes "Männerparadies"...
Im Kontrast dazu lässt Bühnenbildner Thomas Gruber griechische Tempelsäulen aufsteigen, die mit Büchern bestückt sind: Bildungssäulen der Menschheit-auch ein Computer wird aus Informationen programmiert. Jim Mahoney kann in Mahagonny aber keine Bildung, geschweige denn Gesetze brauchen. Der schmierige James- Cagney-Verschnitt, dem Gastsänger Kor-Jan Dusseljee allem Gangster-Gehabe zum Trotz seidenweich heldentenorale Töne entlockt, will Spaß. Also verbrennt er die Bücher und tritt mit dem Motto "Du darfst alles, solange du Geld hast" die Wahl an ...
Begbick, die Kostümbildner Bernhard Hülfenhaus mal in Männeranzüge oder in schulterfreie Abendkleider und riesige Hüte steckt, beherrscht Mahagonny als gewiefte Mannfrau ebenso wie ihre Stimme, unterwirft sich Jims Ideen zunächst, um ihm am Ende als Richterin doch noch den Garaus zu machen, setzt ihren Mezzosopran dabei mit scharf vibrierender Höhe, schmeichlerisch runder Mittellage und mannsartigem Brustton der Vernichtung ein. Denn Jim ist prompt in die Grube gefallen, die er sich mit seinem Wahlslogan selbst gegraben hat: Weil er "Whisky und Storestange" nicht mehr bezahlen kann, wird er zum Tode verurteilt ...
Unterhalten wird man an diesem Abend aber trotzdem-auch dank des Orchesters des Staatstheaters, das seinen engagierten Dirigenten Raoul Grüneis mit präzisen Streicherläufen, fast immer sauber intonierten Holz- und Blechbläserakkorden und schwülem Saxophonsäuseln entlohnt.
... Die Geschichte der "Netzestadt" Mahagonny, in der alles erlaubt ist und alles aufgeboten wird, damit der Holzfäller Jimmy Mahoney und seine Kumpane ihre Barschaft verschleudern, in der mit dem Spaß aber radikal Schluss ist, wenn den Kunden das Geld ausgeht - diese Geschichte voller zigarrenrauchender Machos und geldgieriger Halbweltdamen wird in Darmstadt bevölkert von Holzfällern in börsengeeigneten Nadelstreifen-Anzügen und von Hurenvolk, das je nach Rang innerhalb der Halbwelt-Hierarchie in Hollywood-Flitter oder in Sexshop-Peinlichkeiten aufmarschiert.
Und mitten im Trubel sind auch der Jogger von nebenan, der "Man in Black" von der Kinoleinwand und der Allerwelts-Clown mit den Boxhandschuhen unterwegs, während im Hintergrund ein Chirurgen-Team unter Schnüren und Ösen eine Schönheits-OP zum vertraglich vereinbarten Ende zu bringen versucht. Es gibt ein schön swingendes "Wie man sich bettet, so liegt man" und einen strahlenden, mit stampfenden Pauken und Trompeten versetzten Schlusschoral, zu dem der zum Tode verurteilte Jimmy Mahoney lässig wie ein auf seinen nächsten Einsatz wartender Entertainer an der Rampe posiert, während das übrige Stückpersonal an den Bühnenrändern nochmals das Gestenrepertoire der abgelaufenen Szenen ins Gedächtnis zurück bringt. Die Musik freilich klingt noch endlos lange nach - und so hätte man die Songs gerade in dieser Darmstädter Version furchtbar gern auf Platte oder CD.
Eine fast sterile Kühle strahlt die Bühne aus. Millimeterpapier-Muster an den Wänden, kaltes Licht und anfangs ein kühner Aufriss der "Netzestadt" Mahagonny. Bertolt Brecht und Kurt Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" hatte jetzt am Staatstheater Darmstadt Premiere ... Doch wie die Parabel von der Stadt, in der alles erlaubt ist, wenn man nur Geld hat, heute aufführen?
Als aktuelles Stück, natürlich, daran lässt auch die Regie von Philipp Kochheim ... keinen Zweifel. So fehlt in der modernen Stadt natürlich der Computer im Bühnenbild von Thomas Gruber nicht. Völlerei erfolgt zeitgemäß mit einem Fast-Food-Gelage. Dabei verlegt Kochheim sein Mahagonny mehr ins Heute als ins Hier, es bleibt in Amerika, wo sogar ein Plakat für "vier weitere Jahre" George Bush wirbt, kontrapunktiert von einem Kamera schwenkenden Michael-Moore-Double. Selbstredend trägt man als Häftling Guantánamo-Orange: Damit punktet die Regie im alten Europa natürlich ... In der zweiten Hälfte wird das Geschehen auf der Bühne dichter. Und die Übertitelungsanlage spricht unmittelbar das Publikum an und erklärt, dass man uns die Darstellung der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl nicht ersparen könne. Hübsche, weil werkdienliche Idee ...
Durchweg überzeugen kann bei der Premiere ... das Darmstädter Orchester, über dessen Wandlungsfähigkeit sich staunen lässt. Hörte man es zuletzt bei der Premiere von Monteverdis "L´Orfeo" noch als exzellentes Alte-Musik-Ensemble, so schlüpft es nun unter der Leitung von Raoul Grüneis ebenso leicht in die Rolle des federnden, süffigen Weill-Protagonisten. Mit Elisabeth Hornung ist eine spröde Witwe Begbick nahe der Hosenrolle, mit Anja Vincken eine kühle Jenny Hill zu erleben. Und Kor-Jan Dusseljee als Jim Mahoney, vor allem aber Hans-Joachim Porcher als Dreieinigkeitsmoses gelingt es tadellos, den Duktus zwischen Sprechen, Singen und Sprechgesang treffend zu variieren.
... Famos ist die Akustik der normalerweise dem Sprechtheater vorbehaltenen Spielstätte, und das Kernige des Abends war mit den ersten Takten der von Raoul Grüneis dirigierten Musik offenkundig. Mit exzellenten, homogenen Artikulationen brillierte das Orchester des Staatstheaters und bot teilweise regelrecht veristischen Elan. Genauso prägnant erging man sich in nüchterner Trockenheit und punktgenauer rhythmischer Akkuratesse, wo ironisch und kritisch gemeinte Brechungen des operalen Glanzstoffs angesagt waren.
In ihr vermochten die Vokalisten, allen voran Kor-Jan Dusseljee als Hauptfigur Jim Mahoney, die operale Energie hemmungslos auszuspielen. Einen exzellenten, für jede Puccini- und Verdiaufgabe prädestinierten mühelosen Tenor bringt der Sänger mit und ist im Ensemble seiner Kollegen der strahlende Kern des Ganzen. Dreieinigkeitsmoses Hans-Joachim Porcher oder der Fatty von Jeffrey Treganza waren ebenso wie die Mahagonny-Wirtin Begbick von Elisabeth Hornung und die Jenny Hill von Anja Vincken qualifizierte Partner, und erst recht war es der Chor des Hauses, der den Tutti-Szenen durchschlagende Kraft verlieh.
Ob Mahagonny noch zeitgemäß sei, hatte sich das Team um Regisseur Philipp Kochbein gefragt und die "Netzestadt Mahagonny", wie sie bei Brecht heißt, als hellsichtige Vision einer weltweiten Webtechnik gesehen, die 75 Jahre nach der Uraufführung der Oper elektronisch die Menschen bestrickt.