... Margit Schulte-Tigges spielt die zögernde, eitle, knausernde, gerissene Königin Elisabeth, unter der England aufblüht, in all ihrer Widersprüchlichkeit: eine Frau, die gelernt hat, Herrscherin zu sein, und ihre privaten Gefühle hintanzustellen. Sie trägt die rote Haarperücke wie eine Krone. Die geizige Haushälterin Elisabeth verachtet den Krieg, weil sie ihn, schlimmer als eine Sünde, für eine Vergeudung hält. Die machtbewusste Frau hat einen Mann fürs Herz: den jungen Lord Essex, den sie sich hält wie ein Haushündchen, und einen Mann für den Staat: Sir Cecil als ihren Vertrauten. Jo Kärn war selten so gut in Darmstadt wie in dieser Rolle: die Macht der stillen Beharrung.
Andreas Manz als Elisabeths Lieblingsfeind, Philipp II. von Spanien, der ihr einst einen Heiratsantrag machte und den sie jetzt Scheusal nennt, hat die fixe Idee, die Welt, insbesonders England, katholisch zu machen: hier ganz klar ein rasender religiöser Irrer, auch wenn man ihm in Darmstadt sein bei Bruckner äußerst melodramatisches Ende gnädig verkürzt hat. Der linke Arm einer Modellpuppe, den Manz ständig mit sich herumschleppt, soll wohl eine Reliquie darstellen. Tino Lindenberg ist Essex, "die Sonne Englands", der kriegslüsterne, strahlende Held, der sich und seine geistigen Fähigkeiten maßlos überschätzt, als er die Königin absetzen will: ein verwöhntes, kleines Kind, das den tödlichen Fehler begeht, Elisabeth, die er ungeschminkt erblickt, Mütterchen zu nennen, Schrulle, Hexe gar ...
Das alte fensterlose Ziegelgewölbe bröckelt, ein dunkles Labyrinth, das nach hinten endlos scheint; verteilt stehen Paletten von Goldbarren als fast einzige Möblierung (Bühne: Stefan Heyne). So schlecht, so gut geht es England, geht es Königin Elisabeth. Manchmal kommt die Sonne hinab in diesen Keller, von dem aus das Land regiert wird, der vielleicht das Land selbst ist. Die Sonne Englands. Der Graf von Essex. Ein junger Spund, so schön und charmant, dass das Volk von ihm schwärmt und auch die Königin. Denn die ist alt, trägt eine Perücke und musste aus politischem Kalkül ein Leben lang Jungfrau bleiben.
Das ist die erste bilderbuch-dialektische Personenkonstellation an diesem Abend im neuen Kammerspiel des Darmstädter Staatstheaters, es werden viele folgen: Denn Ferdinand Bruckners 1930 uraufgeführte Elisabeth von England ist als Historienstück fixiert auf Dialektik und als psychoanalytisch geprägte Charakterstudie fixiert auf Paarstrukturen. Elisabeth und Essex: eine Liebe voller Machtspiel und Berechnung; Elisabeth und Philipp von Spanien, die entfernten Feinde, und doch sind sie am Ende sich die beiden einzigen, ist ihre Feindschaft die Liebe ihres Lebens. Auch ideengeschichtlich schön dialektisch: Elisabeth steht für Vernunft und Frieden, Philipp ist fanatisch in seinem Katholizismus. Francis Bacon steht für einen neuen, rational-brutalen Politikstil gegen Cecile, den loyalen Staatsmann alter Garde. Und und und - die Polarisierungen ließen sich fortsetzen, selbst zwischen Elisabeth und Anne, ihrer Hofdame, noch ein dialektischer Hintergedanke.
Bruckners Stück, eine Verhandlung von Religion, Nation und Macht, wäre ein Papiertiger, würde der Autor seine Figuren nicht parallel dazu in Abhängigkeiten zwingen, würde er die historischen Persönlichkeiten - vor allem Elisabeth, Essex und bedingt auch Philipp - nicht als psychologisch motivierte Wesen deuten. Vor allem auf diese Lesart stützt sich über weite Strecken die Inszenierung von Hermann Schein und schafft es so, einen weitgehend interessanten und - trotz einer etwas albernen operettenhaften Auf- und Abgangsdramaturgie - ziemlich temporeichen Abend zu gewinnen. Margit Schulte Tigges ist eine Elisabeth, die zwischen geradezu kindlicher Naivität und kühler Macht, zwischen Trotz und Kalkül schwankt, sie hält den Abend zusammen und formt tatsächlich einen Menschen - auch wenn ihre Widersprüchlichkeit manchmal als abrupter Sprung von der Tragödie ins Boulevard erscheint ...
Einzig Bacon (Harald Schneider) - und auch das passt inhaltlich - kann in seinen fintenreichen Machtspielchen ein wirklicher Gegner werden. ... Doch die innenpolitische Querelen, all das Neu gegen Alt, Krieg-gegen-Frieden-Gerede, sind ja nur ein Teil von Elisabeths Problem: Auf der anderen Seite sitzt Philipp von Spanien (Andreas Manz) ein ältlicher, kranker religiöser Eiferer, der England missionieren möchte.
Dialektik-Tick, Florian Malzacher, Frankfurter Rundschau, 16.11.2004
In Darmstadt nun hat sich der Magdeburger Regisseur Hermann Schein des Brucknerschen Historiendramas angenommen, hat sich von Stefan Heyne ein aus Backstein-Bögen zusammengesetztes Labyrinth in das Provisorium der Kammerspiele bauen lassen und in diese zerbröselnden Katakomben der Macht ein ... spannendes Spiel der Leidenschaften und des ideologischen Kräftemessens gestellt. Eine Haupt- und Staatsaktion fast Schillerschen Zuschnitts. Im ersten Drittel jedenfalls, in dem die alternde Elisabeth um ihren Günstling, den jungen Grafen Essex kämpft und doch bald erkennen muss, dass der Bursche Rädelsführer einer Rebellion ist, die auf nichts als die Absetzung der Königin zielt, gelingt in dieser Inszenierung die Durchdringung von privaten und machtpolitischen Motiven exzellent. Wie die aus Mainz nach Darmstadt zurückgekehrte Margit Schulte-Tigges in der Rolle der Elisabeth ihren Liebhaber eben noch mädchenhaft umgarnt, um sich dann von einer Sekunde auf die andere ihrer politischen Verantwortung zu besinnen und schweren Herzens der Staatsräson ihren Lauf zu lassen - das ist schon bewegend mitanzusehen. Und ihr Gegenüber Tino Lindenberg als Essex schwankt mindestens genauso zwischen Hingabe und brüsker Abwehr. Doch auch der feine Unterschied zwischen beiden wird in Darmstadt schön herausgearbeitet: sie befindet sich in einem schmerzlichen Konflikt, er verliert sich nur in einer eitlen Kapriole.
Die Katakomben der Macht, Jens Frederiksen, Allgemeine Zeitung Mainz, 9. Nov. 2004