Darmstadts neue Tanzchefin bevorzugt die Klarheit einiger weniger Symbole: Wenn Bernarda Alba die Sexualität ihrer Töchter einzuschnüren versucht, tut sie das stellvertretend mit deren langen Haaren. Und ein grasgrünes Kleid unter all den schwarzen steht für das Leben, das die jungen Frauen nicht leben dürfen. Wenn es, im Streit der Schwestern, durch eines der schießschartenartigen Fenster nach draußen geworfen wird, ist das Signal eindeutig: Ein Happyend wird es nicht geben. So schließt das Stück mit dem Wort, mit dem es beginnt: "Silencio!", Ruhe, brüllt Gefängnisaufseherin Bernarda.
Die in ihrer Spießbürgerlichkeit erstarrte Mutter lässt Mei Hong Lin von einem Mann darstellen: Julio Viera ist eine versteinerte Bedrohung, grob, kantig, kräftig. Weit weniger gut funktioniert der Einsatz eines Tänzers als senile aber muntere Großmutter: Rafael Valdevieso ist zwar stark geschminkt, sieht aber trotzdem sehr jung aus ...
Undurchschaubare Mittlerin zwischen den Welten ist An-Chi Tsao als Magd. Überhaupt hat Mei Hong Lin ein starkes Ensemble versammelt, die Töchter anrührend, die Männer-Riege ausdrucksstark. Choreografiert hat sie für sie in ebenfalls klaren Linien, im Vokabular des Modern Dance vor allem, den sie kaum mit Schnörkeln versieht. Stimmungen, Seelenlagen finden darin einen Ausdruck, der freilich Standard ist bei dieser Art von Tanztheater. Dem Gängigen fügt die Choreografin hier nichts hinzu, doch geht sie mit dem Bekannten blitzsauber um.
"Das Haus der Bernarda Alba" wird zum Grabmal der jungen Frauen. Am Samstag feierte das Tanzstück, für das Federico Garcia Lorcas 1936 geschriebenes Drama die literarische Vorlage bot, am Staatstheater Darmstadt seine Uraufführung als Tanztheater. In zwölf Szenen spannt Mei Hong Lin in ihrer Inszenierung einen Bogen zwischen Gehorsam und Aufbegehren, Buße und Rebellion. Am Ende siegt die Tyrannei .
Keine andere Musik könnte die Sehnsüchte und Wünsche der Töchter leidenschaftlicher zum Ausdruck bringen als der Flamenco. Mit keiner anderen Musik jedoch ließe sich der Machtanspruch der Mutter expressiver verdeutlichen als durch diese urandalusischen Gesänge und Melodien. Choreographin Mei Hong Lin hat für ihr Tanzstück eine vierköpfige Gruppe von Flamenco-Musikern um den Komponisten und Gitarristen Michio Woirgardt gewonnen, die der Aufführung Authentizität verleiht. Bernarda Alba wird von Julio Viera verkörpert, der mit seinen zu strengen Zöpfen gedrehten Haaren und dem langen schwarzen Kleid die tyrannische Mutter überzeugend darstellt. Als einziger Tänzer trägt Viera Schuhe, das Aufstapfen im Rhythmus des Flamenco unterstreicht den Herrschaftsanspruch auch akustisch. Physische Präsenz symbolisiert die Macht. Wenn Bernarda Alba ihre Töchter an den Haaren packt und ihnen den Kopf nach ihren Vorstellungen zurechtrückt, dann wird der Tanz zum Akt der Gewalt und Domestizierung. Das Gegenstück zur herrischen Mutter ist die altersschwachsinnige Großmutter, dargestellt von Denis Puzanov. Maria Josefas Tanz ist frivol und verlockend, kokett hebt sie ihr weißes Nachthemd. In ihrer Gegenwart erleben die Mädchen Momente einer unbeschwerten Anarchie.
Großartig sind die Sehnsüchte der jungen Frauen inszeniert. Lustvolle Träume, in denen sie ihre Wünsche nach Liebe ausleben. Doch die Strafe folgt auf dem Fuß. Bernarda Alba lässt ihre Töchter Buße tun, sie winden sich mit Putzlappen in der Hand wie Würmer auf dem Boden. Die Unreinheit soll getilgt werden.
Der Keim zur Auflehnung gegen die Mutter ist zwar gelegt, aber Neid und Eifersucht sorgen auch für Zwist unter den Töchtern. Nur der Ältesten Angustias (Birgit Scheefe) will die Mutter eine Heirat und damit die Flucht aus dem Käfig ermöglichen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Adela (Deni Gostl), die jüngste Tochter, sich ausgerechnet in den zukünftigen Mann ihrer Schwester verliebt. Mei Hong Lin will in Darmstadt in dieser Spielzeit mit einer neuen Compagnie Weltliteratur als Tanztheater inszenieren. "Das Haus der Bernarda Alba" bot dazu einen mit viel Beifall bedachten Auftakt.
Grün ist die Hoffnung, und grün sind ein paar vorwitzige Pinselstriche auf einer Wand im makellos weißen "Haus der Bernarda Alba". Die neue Darmstädter Tanztheaterchefin Mei Hong Lin hat bei ihrem Debut die Messlatte hoch angesetzt: Mit der Wahl von Federico García Lorcas Tragödie als Vorlage für ein abendfüllendes Tanzstück stellt sie sich dem großen Thema gesellschaftlicher Zwang kontra persönliche Freiheit ... Es ist weniger die dramatische Handlung als die innere Qual um verordnete Entsagung und die Sehnsucht nach erotischer Erfüllung, die Mei Hong Lin in getanzte Bilder gefasst hat ... Ein Gegenbild von ekstatischer Lebensfreude entfaltet die wahnsinnige Mutter Bernardas - auch das eine furiose Männerrolle - die von ihrer Tochter zwangsweise weggesperrt wird. Die Einzige, die zwischen der Phantasie-Welt der Töchter und der Mutter zu vermitteln versucht, ist die Magd La Poncia, die mit eilfertigen Trippelschritten und Demutshaltungen (aus dem chinesischen Tanz) dennoch die eigene Ohnmacht deutlich offen legt.
... Mit dem neuen Darmstädter Intendanten John Dew und seiner neuen Tanztheaterchefin Mei Hong Lin wurde die Autonomie der Sparte Tanz wieder aufgehoben und der Tanz administrativ der Oper und vorstellungstechnisch dem Opernabonnement eingegliedert. Statt der vielen Gäste, die Birgitta Trommler engagierte, gibt es nun ein reguläres sechzehnköpfiges Ensemble, das gemeinsam trainiert und den Tanz in Darmstadt als seine gemeinsame Sache begreift. Das macht sich auch bei der ersten Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters bemerkbar ... In zwölf Bildern erzählt die aus Taiwan stammende Choreografin die Geschichte von Bernarda Alba, die nach dem Tod ihres Mannes ihrem Haus und ihren fünf Töchtern jahrelange Trauer auferlegt, was ihnen jegliche Lust am Leben verbietet. Mit aufrechtem Gang steigt in der Premiere Julio Viera die Treppe am rechten Bühnenrand hinauf, die Hände züchtig und streng unterhalb des Bauches gefaltet, und verbannt mit einem barschen "Silencio" das Leben aus dem Haus ... Hohe schmale Fenster ragen wie Zinnen in den Himmel, während unten Gitter den Blick nach draußen verhindern. Zu Beginn liegt ein weißes Tuch über dem blau gekachelten Boden, das auch alle Möbel zudeckt. Verhärmt und nervös zupfen die fünf Töchter an dem Tuch herum, bevor sie es aufrollen und im Schrank an der Bühnenrückwand verstauen. Die Szenen werden unterlegt von Flamencomusik mit Softrockanklängen, die Michio Woirgardt eigens für das Stück komponiert hat. Woirgardts Quartett fängt den Schmerz und die Unterdrückung des Lebens musikalisch gut ein ... Es endet dann auch, wie es angefangen hat. Mit dem untreuen Bräutigam der ältesten Tochter wird endgültig die Hoffnung aus dem Haus vertrieben. Das weiße Tuch wird wieder hervorgeholt und über den Boden gerollt. Hoch oben auf den Zinnen brüllt Bernarda Alba ein zweites "Silencio".