Farbempfindliche Menschen sollten diese Inszenierung wohl besser meiden. Allerdings entgeht ihnen dann eine ganze Menge. So kunterbunt, quicklebendig und frech inszenierte Philipp Kochheim Gioacchino Rossinis Il barbiere di Siviglia im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt, dass die drastischen Typisierungen der ursprünglichen Beaumarchais-Komödie Le Barbier de Séville ou Le Précaution inutile genauso deutlich wurden wie diverse deftige Anklänge an die Commedia dell'Arte, gepaart mit einigen leichthändigen Anspielungen auf die aktuelle Medienwelt und viel Fantasie.
Unermüdlich schürt Figaro (Tito You) den Starkult um sich selbst, küsst und verteilt Autogrammkärtchen, lässt sich von seinen Fans feiern. Großspurig bläht sich ein wild gemusterter Mantel über einer schwarzen Lederkluft (Kostüme: José-Manuel Vázquez), und es ist völlig klar: Hier haben wir ein unmoralisches Element, das damit auch noch Erfolg hat, anders als die gröblich verlotterte Musikertruppe, mit der Graf Almaviva alias Lindoro (Andreas Wagner) seiner Liebsten Rosina ein Ständchen bringen will. Also beginnt die Männerkumpanei der beiden, dieweil Rosina (Susanne Sommer) im Puppenheim ihrer Wohnung sichtbar eingesperrt ist (Bühnenbild: Anja Jungheinrich).
Wie ein riesiger Kanarienvogel prangt das knallgelb angezogene und mit einer ebensolchen Frisur versehene Mündel von Don Bartolo im Käfig auf dem Sofa, umgeben von überdimensionalen Wohnungsbestandteilen, die auch schon mal an der Wand hängen oder auf beziehungsweise in einem Schrank angesiedelt sind, wie in einer Ausklapp-Puppenstube. Zum Ausgleich erscheint Almaviva ganz in Blau, einschließlich seiner Stiefel und seiner Haare, Don Bartolo (Andreas Daum) agiert in Schrillrosa, während Don Basilio (Dimitry Ivashchenko) ein zartes Lila zugeordnet ist. Weiß gekleidet ist die gar nicht so unschuldige Haushälterin Berta (Andrea Bogner), die gerne das ein oder andere Phallus-Symbol zum Einsatz bringt und es bei Bedarf auch mit Don Bartolo in seinem riesigen Bett treibt, in das am Ende des ersten Aktes alle einträchtig hüpfen.
Temporeich und überschießend skurril kommt die Inszenierung des vielfach dekorierten Nachwuchs-Regisseurs daher, den John Dew in dieser Spielzeit als Oberspielleiter nach Darmstadt holte. Und Kochheims Konzept funktioniert, weil sowohl die Sängerinnen und Sänger als auch das Orchester des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung von Timor Oliver Chadik seinem furiosen Tempo auch musikalisch bestens gewachsen sind. Rasante Parlando-Passagen, anspruchsvolle Arien und fein abgestimmte Ensemble-Einlagen, alles funktioniert vorbildlich, klingt traumhaft und scheint den Beteiligten bis ins Detail Vergnügen zu machen ...
An derbem Klamauk und an kräftigen Farben hat Philipp Kochheim nicht gespart in seiner Inszenierung von Rossinis Commedia "ll barbiere di Siviglia". Das Ensemble steckt in grellfarbenen Rokoko-Kostümen (José-Manuel Vázquez), nur der Frisör hat sich in ein engsitzendes schwarzes Lederwams gezwängt, tobt mit wehendem Bademantel über die Bühne und führt die bunten Figuren mit sardonischem Lächeln an kurzer Leine. Den schmucken blitzeblauen Almaviva ebenso wie die kanariengelbe Rosina, die zuhause ist in einem überdimensionalen Vogelkäfig. Ihr Vormund, der geckenhafte Don Bartolo, erscheint in einem grell-rosa Anzug, der Musiklehrer Don Basilio in vornehmem Lila. Anja Jungheinrich hat überdimensionale Möbel auf die Bühne gestellt. Basilio etwa ist zuhause in einem Dachstübchen in schwindelnder Höhe.
Überhaupt ist Kochheims Inszenierung eine sportive Veranstaltung, in der viel geklettert wird. Figaro rollert über die Bühne, Rosina joggt, und kaum haben sich alle mit ihrer Antrittsarie vorgestellt, wird pantomimisch um die Wette kopuliert. Wer glaubt Tito You, strahlender Bariton in der Rolle des Frisörs hätte sein Pulver mit dem furiosen Auftakt bereits verschossen, der sieht sich getäuscht. Der agile Sänger behält in all dem Getümmel nicht nur die Übersicht, sondern auch stimmlich die Oberhand. Fein und etwas blass dagegen klingt Andreas Wagner, eben so wie man es von dem zögerlichen Almaviva nicht anders erwartet. Seriös und sonor agiert sein Diener Fiorello (Bruce Hunter). Dimitri Ivashchenkos Don Basilio ist von ähnlich kräftiger Statur.
Frech und kokett singt und spielt Andrea Bogner die Köchin, Susanne Sommer ist eine zickige Rosina ... Dem zwielichtigen Don Bartolo gibt Andreas Daum eine gehörige Portion Biss und Stimme, ein eingebildeter «Dottore», der durchaus nicht freiwillig den Anspruch auf sein Mündel fahren lässt.
Beaumarchais hat es geschrieben, Rossini hat es in feine Musik gepackt und auch Philipp Kochheim führt seinen «Dottore» auf dieses Ende hin. Bis dahin unterhalten in Darmstadt prächtige Stimme und eine vor Ideen nur so sprühende Regie ...
Federico Fellini zitiert in seinem Film "8 1/2" als Begleitmusik aus der Ouvertüre zu Rossinis Oper "Il barbiere di Siviglia" (Der Barbier von Sevilla). Zwei Welten lässt er darin aufeinanderprallen: die reale und die Fantasiewelt des Kinos. Vielleicht hat sich der Regisseur Philipp Kochheim, seit dieser Spielzeit Oberspielleiter der Oper am Staatstheater Darmstadt und nach eigenem Bekunden Cineast, daran erinnert, als er sich daranmachte, diese Rossini-Oper im Staatstheater Darmstadt zu erarbeiten. Denn auch in seiner Inszenierung begegnen einander zwei verschiedene Welten: Die Gegenwart trifft auf die Rokokozeit, und das Rokoko wird mit den Augen oder durch die Brille der Gegenwart gesehen. Das ist der Grundgedanke von Kochheims Inszenierung, die am Freitagabend im Kleinen Haus Premiere hatte.
Ein schöner Einfall, der gut zu Rossinis 1816 in Rom zur Karnevalszeit uraufgeführter Oper passt. Schließlich unternimmt der Komponist in seinem Werk einen Blick zurück in die Zeit des Rokoko, basiert es doch auf der 1775 veröffentlichten gleichnamigen Komödie von Beumarchais, die ein gewisser Cesare Sterbini für Rossini zum Libretto umgeformt hat. Graf Almaviva ist bei Kochheim ein Mann von heute, der in die Welt des Rokoko eindringt. Wenn er der von ihm bewunderten Rosina erstmals begegnet, reagiert diese wie eine Puppe. Almaviva muss sich erst als Rokoko-Galan verkleiden, um die Geliebte zum Leben zu erwecken. So ganz von gestern ist diese längst vergangene Epoche bei Kochheim nicht. Neuzeit und 18. Jahrhundert mischen sich im fantasievollen, bunten Bühnenbild von Anja Jungheinrich überaus stilvoll, ebenso in den Kostümen von José-Manuel Vázquez, der ein prachtvolles Kostümfest veranstaltet.
Dann betritt die Titelgestalt, der Barbier Figaro die Bühne ... Ein eitler Star, ein Supermann ist dieser Figaro, der sofort Bilder von sich ins Publikum wirft, Porträts von sich als Opernheld aufstellt und sein Auftrittslied abliefert. Tito You gestaltet diesen Part, dass es eine wahre Augen- und Ohrenfreude ist. Er zeigt, wer hier im Grunde die Fäden in der Hand hat. Einen derart gut ausbalancierten, nuancenreichen und stimmgewaltigen Bariton hat man in Darmstadt schon lange nicht mehr gehört. Auf Anhieb hat er die Herzen des Publikums erobert und bekommt am Ende der zweidreiviertel Stunden dauernden auf Italienisch gesungenen Aufführung (mit deutscher Übertitelung) zu Recht den meisten Beifall.
... Doch zum Glück gibt's die Sänger, unter denen die Männerstimmen die meisten Vorteile verbuchen können. Angefangen bei einem grandiosen Tito You, der alle aussticht, einem gewieft wie glänzend singenden (abgesehen von ein paar Abschleifungen gegen Ende) und agierenden Andreas Wagner, der als Almaviva seine bisher beste Partie abliefert, über die sehr ausgewogen und rund klingenden Stimmen von Andreas Daum als Don Bartolo und Dimitry Ivashchenko als Don Basilio bis hin zu Bruce Hunter als Fiorello.
Andrea Bogner zeichnet mit bestechend klarer und gewandter Stimme die Rolle der Haushälterin Berta nach - buchstäblich ein Feger vom Dienst ...
Kann man in einer Zeit, die der genialen Einzigartigkeit von Kompositionen huldigt, so schamlos mit eigenen und fremden Versatzstücken arbeiten? Der Idee des Schöpferischen Valet sagen und sich vor Vollendung des 40. Lebensjahres als Komponist in den Vorvorruhestand begeben? Gioacchino Rossini konnte es, und Philipp Kochheim hat sich für seine Neuinszenierung von Rossinis "Il barbiere di Siviglia" eine vergleichbare Un-Verschämtheit zu eigen gemacht. Figaro läßt er für dessen Auftrittsarie in einer Edelrikscha von zwei indianisch-südseeinsulanischen Gestalten mit bodenlangen meeresgrottengrünen Haaren auf die Bühne chauffieren. Dort angekommen, zieht der Barbier in eigener Sache alle denkbaren Publicity-Register und kassiert nach Vertragsabschluß mit dem Grafen Almaviva ordentlich ab: Goldbarren, die Mona-Lisa, ein geschlachtetes Schwein. Im Gegenzug soll er die Käfighaltung der kanarienvogelgelb gewandeten und schönen Rosina (Susanne Sommer) beenden helfen.
Die Gegensätze sind grotesk, die Farben zu schrill, die Requisiten maßlos überdimensioniert - beispielsweise der Füller, den Figaro für Rosina zwecks Verfertigung eines Billets vom Bühnenhimmel beordert. Das rammbockgroße Utensil dient beiden schließlich als Schaukel. Um jeden Eindruck von Authentizität zu vermeiden, wird die Handlung einmal sogar wegen vorgeblicher Nichteinhaltung einer Regieanweisung unterbrochen.
... Das Orchester des Staatstheaters unter Timor Oliver Chadik musiziert mit Verve und bildet das sorgsam studierte Rückgrat der locker assoziierenden Bühnenaktion.
Der Bariton Tito You agiert die narzißtischen Exzesse Figaros nicht einfach lustvoll aus; er besitzt zugleich das Material, um die halsbrecherische vokale Umsetzung souverän zu bewältigen. Andreas Wagner als Almaviva steht (ungeachtet gelegentlich schwächelnder Melismen) mit jugendlich timbriertem Liebhabertenor und aggressiver Handlungsenergie nicht nach. Don Bartolo, Dritter im Männerbunde profiliert sich als ernstzunehmender Kontrahent. Durch seine Aktivitäten mit der nymphomanen Haushälterin Berta (suggestiv: Andrea Bogner) recht viril wirkend, scheitert er mit seinen Ambitionen, das Mündel Rosina zu heiraten, an seiner bornierten Selbstzufriedenheit ...