In seiner höchst unterhaltsamen Inszenierung des "Herrn Puntila" läßt Henri Hohenemser den Klassenkampf fast vollständig hinter dem Volksstück verschwinden. Das heißt, er spielt strenggenommen den heiteren Bauernschwank "Die Sägemehlprinzessin" der finnischen Autorin Hella Wuolijoki, denn wie so oft bediente sich Brecht auch in dem 1940 im finnischen Exil entstandenen Stück einer Vorlage.
"Puntila" ... kommt ohne ... ideologischen Tortenguß aus. Zumal wenn ein Vollblutkomödiant wie Hans Matthias Fuchs sich der Figur annimmt. Denn die menschliche Tragödie eines Mannes, der sehr wohl weiß, daß er nüchtern ein Scheusal ist (aber auch sein muß, um nicht seinen ganzen Besitz zu verjubeln), der sich selbst aber haßt, wenn er nicht alkoholisiert ist, bleibt hinter all der Komik unübersehbar.
Tatsächlich erfüllt Hans Matthias Fuchs Brechts Anmerkungen, wie der Puntila gespielt werden solle, auf geradezu idealtypische Weise.: "Die Rolle darf keinen Augenblick ihres natürlichen Charmes entkleidet werden; es wird eine besondere Kunst nötig sein, die Betrunkenheitsszenen poetisch und zart, mit soviel Variation wie möglich und die Nüchternheitsszenen so ungrotesk und unbrutal wie möglich zu bringen."
Hans Matthias Fuchs besondere Kunst füllt die überbreite Cinemascope-Bühne im Übergangsquartier des Darmstädter Staatstheaters mit staunenswerter Präsenz. Gemeinsam mit einem bewußt kontrastierend nüchtern spielenden Matti (Hubert Schlemmer) trägt er das große Ensemble - viele davon freilich nur in karikaturhaften Nebenrollen - durch den Abend. Wenn dieser Puntila betrunken auf dem aus Tischen erbauten Berg sitzt und liebevoll über die finnische Landschaft blickt, nimmt man ihm jedes Wort ab und spürt die Zerrissenheit, die diesen Bär von Mann zum Schnaps greifen läßt. So war der Beifall des Premierenpublikums stark, das sich freilich auch bei Henri Hohenemser für diesen meist so erfrischenden Brecht-Abend bedankte, als wär´s ein Stück von Hella Wuolijoki.
In der Saison, die Hartz IV mit sich brachte, haben die Darmstädter unter ihrem neuen Intendanten John Dew als einziges Staats- und Stadttheater der näheren Umgebung Brecht-Premieren vorgesehen. Der Weill-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny folgte nun das "Volksstück" übers Arbeitgebersein nach Gutsherrenart, Herr Puntila und sein Knecht Matti, dessen erste Fassung 1940 in Zusammenarbeit mit der Finnin und Ideengeberin Hella Wuolijoki entstand.
Puntila wäre eine tolle Reklame für den sofortigen Gewerkschaftsbeitritt aller Arbeitnehmer, hätte sich in den 60 Jahren seither nicht gezeigt, dass die Gewerkschafter keine ernstlich bräveren Leut' sind als die anderen. Außerdem fehlt in Darmstadt die in dieser Hinsicht gemeinste Szene: Wie Herr Puntila im Suff Torfstecher anheuert, es ihnen aber nicht schriftlich gibt, und als er wieder nüchtern ist, hat es sich was mit Arbeitsvertrag.
Insgesamt aber präsentiert Henri Hohenemser den Puntila in den Kammerspielen so text- und stiltreu und zugleich kurzweilig und, ja: liebevoll, dass man sich einmal wieder in Ruhe ansehen kann, wie intelligent, witzig und, ja: elegant dieses Stück ist. Ein Bretterpodest in voller Breite des Raums hat Stelios Vasikaridis (Bühne und Kostüme) dafür zimmern lassen. In den Boden ist die viel benutzte Sauna eingelassen, aus sieben Türen können die 15 Schauspieler plus Statisterie von hinten auftreten oder auch aus einer davon hervorquellen. Vorerst gucken sieben Mattis hier heraus, denn Puntila hat gesoffen zwei Tage lang. Wenn er trinkt, wird er zum Menschen, ist er aber sternhagelnüchtern, sieht er eine Gabel statt ihrer zwei, ergo nur noch die halbe Welt. Das macht ihm zu schaffen.
Hans Matthias Fuchs ist aber kein Erzkomödiant, und das trifft sich gut. Sein Patriarch Puntila bietet nach Bedarf Bauernschläue, aber vor allem ist er verhängnisvoll sympathisch und auch ohne Alkohol kein Schuft - denn die Verhältnisse, die sind so -, sondern lediglich im wahrsten Sinne des Wortes nüchtern. Noch nüchterner ist Hubert Schlemmer, der einen glatten, kühlen Chauffeur Matti vorstellt. Dessen rhetorische und klassentheoretische Überlegenheit, die rasch zur Schlaumeierei werden kann, macht ihn zum Agitator von morgen. Schlemmer zeigt das ohne Aufhebens, aber auch ohne Milde. Die Szene, in der er Puntilas Tochter Eva, die dezent überspannte, unbefangene Iris Melamed, auf ihre Ehetauglichkeit "examiniert", changiert zwischen Scherz, Pädagogik und Scheußlichkeit. Der Auftritt von Puntilas vier Verlobten, die sich ein Späßchen erlauben und womöglich einen Imbiss nebst Kaffee ergattern wollen, gestaltet sich ebenso lustig wie rührend. So soll es sein.
Die Gesangsnummern von Margit Schulte-Tigges, die zwischen den Szenen Paul Dessaus Puntilalied plärrt, machen die Aufführung auch zu einem Lehrstück über das epische Theater. Eigentlich versteht sich alles von selbst. Ein Abend von sanft gemütvoller Schärfe.
... mit dem Quartett der Bräute zeigt das Darmstädter Ensemble auch eine starke Seite. Britta Hübels Telefonistin hat an bestechendem Charme, was Christina Kühnreichs Schmuggler-Emma an herausfordernder Frechheit mitbringt, im leeren Blick des Kuhmädchens lässt Julia Glasewald die Hoffnung auf ein besseres Leben sich spiegeln und zugleich ihre Vergeblichkeit, und bei Nadja Juretzka ahnt man, welche uneingestandene Lust sich hinter dem gezierten Auftreten verbirgt.
... Fuchs ... spielt den Puntila nicht als gespaltene Persönlichkeit, sondern aus einem Guss. Die Merkmale des Alkohols zeigt er nur dezent. Da ist kein Lallen und kein Wanken. Dieser Mann verträgt etwas. Warum also sollte der Alkohol den Kern seines Wesens angreifen? Wenn dieser Puntila melancholisch vor der Flasche sitzt, ist er trunken nicht vom Schnaps, sondern vom Träumen. In ihm steckt eine kindliche Sehnsucht nach Zuneigung, die der Alltag als Gutsbesitzer nicht zulässt. Es ist eine sehr geschickt kalkulierte Gestaltung dieser Rolle, die Fuchs hier der schnellen komödiantischen Wirkung vorzieht: In der Jovialität des Suff-Puntila steckt ein Stück Berechnung, hingegen hat auch der polternde Patriarch der wenigen nüchternen Augenblicke noch den traurigen Blick, der in eine andere Welt schaut.
Weil Puntila hier also sein eigener Gegner ist, hat es Matti schwer, zumal die Rolle des Chauffeurs als proletarischer Besserwisser ja in Brechts Modell von Herr und Knecht politisch korrekt, aber auch nicht unbedingt sympathisch ist. Hubert Schlemmer hat deshalb auch die besten Szenen, wenn nicht Puntila sein Gegenüber ist, sondern dessen Tochter Eva, der Iris Melamed scharfes Charakterprofil gibt. Um sie herum tummeln sich gelungene Karikaturen - Klaus Ziemann und Till Sterzenbach als zynische Juristen, Aart Veder als schrulliger Probst, Harald Schneider als selbstverliebter Einfaltspinsel von Attaché, mit dem Eva verheiratet werden soll.
Und Margit Schulte-Tigges als Köchin Laina singt zwischen den Szenen, mit dem Akkordeon begleitet von Michael Erhard, die Strophen des von Paul Dessau vertonten Puntila-Liedes. ...
Hinter den Türen, man hört es am fernen Gelächter, wogt noch ein anderes Leben - ein beschwingteres vielleicht, ein unübersichtlicheres bestimmt. Die Bühne selber nämlich ist karg wie der Dramentext, für den sie zusammengezimmert wurde: ein schlichtes, endlos breites Bretterpodest mit einem halben Dutzend Türen in der fensterlosen Rückwand. Keine unwirtliche, aber eine uneingerichtete, sorgsam gegen alle Unwägbarkeiten abgeschirmte Welt. Hierher verlegt Henri Hohenemser seine Darmstädter Inszenierung von Brechts finnischer Moritat "Herr Puntila und sein Knecht Matti" - diese gegen allen Wildwuchs des Lebens resistente Lehr-Fabel über den bösen Gutsbesitzer, der nur im Suff menschlich sein kann, und über dessen Chauffeur, den das unausgesetzte Hü und Hott seiner Herrschaft zunehmend anödet und der deshalb am Ende mit einer sozialistischen Träne im Knopfloch das Weite sucht.
... dann branden Musik und Stimmengewirr aus dem Off heran, die Türen springen auf und . . . ins Rampenlicht wogt kalkweiß geschminktes Volk, streckt neugierig die Nase vor, tummelt sich, verschwindet, lässt aber zumeist jemanden zurück - einen Geck mit Weste und aufgemaltem Schnauzer, der als Attaché im Stück gebraucht wird, oder eine ungelenke Bleiche, die von Puntila flugs als Apothekerin hofiert wird.
Nach jeder Szene schleicht sich zudem ein Akkordeonspieler mit grüner Melone nach vorn, und Margit Schulte-Tigges, die zugleich die Küchenmagd spielt, schmettert dazu betörend schön eine Strophe aus dem "Puntila-Lied". Und plötzlich ist die Aufführung so wunderbar im Fluss, dass man ihr über jede Schwelle und Unebenheit hinweg folgt - bis zum Hatelma-Berg, den Puntila und Matti aus Fußboden-Bohlen, Tisch und Stuhl errichten und von dessen Klippen uns die letzten gesellschaftskritischen Botschaften des guten alten Brecht erreichen ...
... Brecht ist ein so genialer Autor, dass jeder Regisseur, wenn er nur will, den Konflikt Herr gegen Knecht zur Komödie umformen könnte. So zeigt der Gutsbesitzer nur Güte und Menschlichkeit, wenn er betrunken ist. Glücklicherweise ist er selten nüchtern - dann aber um so abstoßender. Der Knecht aber soll - nach des Autors eigenen Aussagen im »Arbeitsjournal« - »schwejksche Züge« tragen, soll sich also immer wieder naiv stellen und gerade dadurch die Taten und Pläne seines Herrn - wenn er wirklich einmal nüchtern ist - ad absurdum führen. Der Stückeschreiber wollte freilich sein Werk nicht als Lustspiel missbraucht sehen, es sollte ein Lehrstück bleiben.
Das Darmstädter Leitungsteam mit dem Regisseur Henri Hohenemser und den Dramaturgen Martin Apelt und Astrid Biesemeier schenkte dem Publikum nun einen »Puntila und sein Knecht Matti«, wie es ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte: Hubert Schlemmer war als Matti ein todernster Knecht und Chauffeur. Man hatte bei ihm von Anfang an das Gefühl: Er ist der Klügere, aber er weiß. dass er nichts ändern kann; er hat den Puntila zeitweilig sogar in der Hand: selbst Schwiegersohn des Großbauern könnte er werden; aber er spürt: Die Verhältnisse sind mächtiger, es wird ja doch alles so bleiben, wie es ist. So wird sein Herr fast zur schwachen Figur, trotz körperlicher Überlegenheit und materieller Macht. Der Knecht beweist dem Herrn, dass die Geber der Arbeit dessen Knechte und Mägde sind - und nicht der Herr, den man Arbeitgeber nennt. Hans Matthias Fuchs hätte sicher das Zeug gehabt, einen glanzvolleren Puntila darzustellen, aber er ordnete sich bewusst dem ungewohnten Regiekonzept unter, und so wurde diese werkgetreue Interpretation zu einer großartigen Leistung.
Dass die Spannung bis zum Ende anhielt, ist auch allen anderen Mitwirkenden zu verdanken. besonders aber der dritten Hauptperson, der Eva, der Tochter und Erbin. Auch sie musste ihr angeborenes Temperament zügeln, um der Rolle einer im klösterlichen belgischen Internat Erzogenen mit all ihren Hemmungen gerecht zu werden. Wenn ihr Widerspruchsgeist oder ihre weibliche Natur sich für kurze Augenblicke dann doch durchsetzte, wurde sie um so sympathischer.
Nicht nur durch sie, sondern durch ein ganzes Aufgebot von Frauen macht Brecht die Unterdrückung des Weibes im feudalistischen Gesellschaftssystem deutlich: durch die Schmugglerin, die Telefonistin, das Apothekerfräulein, die Köchin. das Kuhmädchen. das Dienstmädchen. Die Oberschicht wird vertreten durch die Pröbstin, den Probst, den Richter und den Advokaten. Selbst Harald Schneider als Attaché nutzt nicht die Möglichkeiten als hohlköpfiger und steifer Diplomat Lachstürme auszulösen, er bleibt so, wie die Regie es diesmal wünscht und Brecht schon ehedem forderte: einfach lächerlich.
... Für die stilgerechte Bühne und die Kostüme hatte Stelios Vasikaridis gesorgt, für die getreue Wiedergabe der Moritatenmusik Michael Erhard. Das Premierenpublikum verfolgte mit großer Aufmerksamkeit diese Interpretation ganz im Sinne Brechts. Der begeisterte Beifall galt besonders dem Regisseur und den drei beachtlichen Hauptdarstellern.
Die Neuinszenierung im Darmstädter Staatstheater ... aktualisiert nicht gewaltsam, gibt sich nicht klassenkämpferisch, aber hält doch das Bewusstsein wach, dass es sich um eine Parabel handelt, deren Beispiel man noch immer übertragen kann; überlasst es also dem Zuschauer, sich noch etwas hinzuzudenken, was man heutzutage immer begrüßt. So auch lässt sie im Sinne Brechts das Vergnügen die Botschaft transportieren. Doch manchmal fragt man sich, ob nicht auch die Botschaft dazu dient, das Vergnügen zu transportieren. Denn selten hat man diesen Text so freudvoll erfahren wie diesmal: seinen Witz, die Schlagfertigkeit, die Sinnlichkeit, die Seitenhiebe, die Bosheit, die Nachdenklichkeit, die stillen Gedanken, die Poesie.
Das alles beginnt, wie bekannt, mit jener Umkehrung, nach welcher der reiche Gutsbesitzer Puntila in seinem normalen Zustand, das heißt betrunken, ein guter Mensch ist, der alle Welt umarmen möchte, aber in seinen Anfällen sinnloser Nüchternheit zu einem Leuteschinder und Ausbeuter wird. Machtmensch und Mitmensch. Ein Hauptthema Brechts, die zwingende Einheit von Gut und Böse. Hier: eine Paraderolle, schon immer. Der Vollblutkerl mit den zwei Gesichtern. Bei Hans Matthias Fuchs liegen sie aber so weit nicht auseinander. Im einen Falle träumt und schwadroniert er, im andern poltert er herum. Es fehlt ihm etwas von der Faszination der Spaltung. Doch sympathisch, wie wenig er den Suff herauskehrt. Und am überzeugendsten in der frohen Selbsttäuschung, in der weit entrückten Schwärmerei. Ihm zur Seite, oder gegenüber: Matti, der Chauffeur, der Knecht. Er soll, nach dem dialektischen Prinzip, der wahre Überlegene sein. Hubert Schlemmer belässt es dafür ganz bei stummer Renitenz, dem Aufbegehren durch Gehorsam.
Hinter den beiden eine weißliche Wand mit vielen Türen, aus denen die Personen, wie aus dem Buch heraus, auf die Bühne quellen. Dem Bild von Stelios Vasikaridis haftet absichtliche Distanz an, aber Regisseur Henri Hohenemser entfaltet gerade daraus reichliches Leben. Schade fast, wenn der Knecht dem Herrn den Rücken kehrt - und Schluss ist.