Die Zeit und die Conways

Darmstadt bietet eindreiviertel Stunden Theater vom Feinsten - und ganz nebenbei die Begegnung mit einem Autor, dem man gern häufiger in den Spielplänen begegnen würde.
Allgemeine Zeitung zu Die Zeit und die Conways Die Zeit und die Conways

Mainzer Allgemeine Zeitung

... Kein Staubkörnchen, nirgends. Das 1937 geschriebene Stück des britischen Vielschreibers Priestley, der nach dem Krieg eine Zeitlang auch auf deutschen Bühnen Erfolge feierte, dann aber wieder in Vergessenheit geriet, ist eine ebenso amüsante wie intelligente Geschichte aus jener allgemein menschlichen Ecke, wo die Dialoge nicht so schnell Patina ansetzen...

Regisseur Peter Hailer versteht es mit wunderbarer Ruhe, aus einem fast beiläufig hingetupften Beginn eine lebenskluge, pointenreiche Betrachtung über die Unmöglichkeit einer zuverlässigen Lebensplanung herauszuwickeln.

Wie Christina Kühnreich die verdruckste Autorin Kay mit Elfriede-Jelinek-Frisur vom schmallippigen Zweifel zu tiefer Resignation führt; wie bei Leander Lichti aus dem charmant jungenhaften Robin ein aufgeblasener Nichtstuer wird; wie Margit Schulte-Tigges die Mrs. Conway zur weltfernen Nervensäge umkippen lässt; wie aber auch Hans Matthias Fuchs den Hausfreund Ernest Beevers vom tapsigen Bauernburschen in einen überheblichen Geschäftsmann verwandelt - das alles ist glänzend.

Darmstadt bietet eindreiviertel Stunden Theater vom Feinsten - und ganz nebenbei die Begegnung mit einem Autor, dem man gern häufiger in den Spielplänen begegnen würde.

Vom Party-Taumel in die Katastrophe, Allgemeine Zeitung, Jens Frederiksen, 9. März 2005

Frankfurter Allgemeine Zeitung

... Peter Hailer hat Priestleys Dreiakter "Die Zeit und die Conways" in den Kammerspielen eindringlich und temporeich inszeniert. Das vom Autor zu seinen "Time Plays" gezählte Stück ist weit mehr als die Verfallsgeschichte einer Familie. Orientiert an John William Dunnes Zeittheorie, vermischen sich Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit.

Im zweiten Akt wird ein Blick in die einst so optimistisch-visionär geschaute Zukunft gewährt, der dritte Akt verweist mit einem Tempus-Rückschritt in die Vergangenheit die Verfehlungen als schon damals angelegte. Das Zukünftige bestätigt sich als kausale Folge der psychologischen Verwicklungen im Vergangenen. Auf der regietechnisch stark beschränkten Bühne der Kammerspiele sind gerade die Zeitsprünge zwischen den Akten eine Herausforderung. Sie gelingen: Die Ebenen zerfließen, Zeitlosigkeit macht sich breit. Der Raum bleibt gleich, nur die Zeit ändert sich schlagartig - und mit ihr die Charakterzüge der vorher unbeschwerten, jetzt verbitterten oder hochmütigen Figuren.

Es ist ihr Bruder Alan, der biedere und korrekte Angestellte, der Kay tröstet und die Zeit verteidigt. Sie fahre von "einem Guckloch zum nächsten", nichts sei verloren, denn als Querschnittssumme sei vergangenes Glück ebenso präsent wie künftiges Unglück ... Das Stück lebt aber auch von seinen schrägen Typen, die auf der raumgreifenden Bühne der Kammerspiele bis in den letzten Winkel präsent sind: Die exaltierte Mrs. Conway, schön fies und zynisch dargestellt von Margit Schulte-Tigges, hat die Zügel fest in der Hand. Nur einer ist dominanter: Ernest Beevers (ein Machtzentrum: Hans Matthias Fuchs), bei Kays 21. noch als täppisch-linkischer Verehrer der schönen Hazel allseits verlacht, rächt sich 19 Jahre später für die erlittene Demütigung.

Machtvoll spielt der wirtschaftliche Emporkömmling und Ehemann der unglücklichen Hazel seine Trümpfe aus und lehnt es ab, "auch nur mit einem Penny" die Familie vom finanziellen Ruin zu bewahren. Und zwischen der begabten Kay (Christina Kühnreich) und der desillusionierten Madge (Iris Melamed), die angetreten war, die Welt zu verbessern, entspannt sich wie eh und je ein verbitterter Neid. Nur Robin (Leander Lichti) sieht alles ein wenig entspannter: "Mensch Mama, ich habe aber auch ganz schön Pech gehabt."

Die zukünftige Gegenwart der Vergangenheit, Rainer Schulze, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
7. März 2005

Darmstädter Echo

Eine Riester-Rente hätte der Familie Conway auch nicht geholfen. Die Wertpapiere sind futsch, das Haus ist nichts mehr wert. Das einzige, was Mrs. Conway noch besitzt, ist das Gefühl, etwas Besonderes zu sein ... Im mittleren der drei Akte von "Die Zeit und die Conways" zeigt John Bonyton Priestley eine Familie am Boden. Aber die finanzielle Pleite ist nur eine Metapher für den menschlichen Bankrott, den diese Figuren erleben...

Im vergangenen Glück liegt die Wurzel des Unglücks: Der englische Autor ließ 1937 die theatralische Zeitmaschine arbeiten, um dieses Lebensmodell von Ursache und Wirkung zu illustrieren. Zu Beginn sieht man Mutter und sechs Kinder beim unbeschwerten 21. Geburtstag der Tochter Kay. Von den Lebensplänen, die sie schmieden, ist 19 Jahre später im zweiten Akt nichts mehr übrig. Das Schlussbild blendet zurück, und in der Kenntnis der Katastrophe erkennt der Zuschauer die feinen Risse in der Harmonie. Er kann die kleinen Wunden deuten, weil er die großen Narben gesehen hat, die zurückgeblieben sind.

Am Ende des zweiten Aktes lässt Priestley den Sohn Alan die dramaturgische Perspektive seines Dramas forumlieren: Jeder Augenblick ist nur ein Querschnitt, jede Bestandsaufnahme des Gegenwärtigen ist nur ein Guckloch in die Gesamtheit des Lebens. Die Zeit frisst nicht das Leben auf, sondern arbeitet an seiner Vollendung. Mit dieser Idee spendet Alan seiner Schwester Kay Trost. Es ist ein schöner Augenblick in der Darmstädter Aufführung. Hier lässt der Regisseur Peter Hailer den Hauch von jener Sentimentalität zu, die dieser Betrachtung des Lebens gut ansteht. Der Mensch versucht, sich vom Augenblick zu lösen, um aus anderer Position seine Existenz zu verstehen. Alan ist der einzige Conway, dem das gelingt ... Der Schauspieler Martin Maria Eschenbach besitzt Gespür für die zarten Farben dieses Porträts.

Überhaupt gibt die charakterliche Mischung der großen Familie Conway dem Ensemble Gelegenheiten zur Entfaltung. Julia Glasewald spielt die affektierte Teenager-Lässigkeit der jungen Hazel aus; ein paar Bühnenminuten oder neunzehn Jahre später ist sie das in sich gekehrte Unglück einer Ehe, die sie stumm hat werden lassen. Iris Melamed zeigt als Madge, wie sich schwärmerische Sozialutopien zur aggressiven Beharrlichkeit verwandeln, Franziska Fuhrmann ist das Nesthäkchen Carol, dessen Träume besonders hoch fliegen und die besonders tief stürzen wird. Stärkste der Schwestern ist die Kay von Christina Kühnreich, die als Schriftstellerin die Echtheit des Lebens formulieren will und dann doch als Lohnschreiberin für verlogene Klatschspalten endet. Leander Lichti als Robin zeigt den Absturz des Sonnyboys, Illi Oehlmann ist das Mädchen, das zu seinem Opfer wird, obwohl sie doch bloß Liebe sucht. Und Margit Schulte-Tigges karikiert die Mutter, deren Zuneigung doch nur Selbstsucht ist oder auch pure Bosheit, wenn sie die zarte Liebe Madges zum befreundeten Rechtsanwalt Gerald (Tino Lindenberg) hintertreibt...

Kleine Wunden, große Narben, Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 7. März 2005

Frankfurter Rundschau

Das sind zwar Binsenweisheiten: dass das Glück sich selten fassen lässt und wenn man merkt, da ist der Moment, ist er schon wieder weg; dass Geld verflixt wichtig ist; dass die Familie viel Trost und Unbill bringt. Aber da es die meisten Menschen unmittelbar betrifft, sehen sie es sich gerne auf dem Theater an. Hier: Die Witwe Conway und ihre sechs wohlgeratenen Kinder, eine gut situierte Familie in einer englischen Kleinstadt, feiern fidel den 21. Geburtstag einer der jüngeren Töchter. 19 Jahre später sind die Finanzen der Mutter zerrüttet, die Träume der Kinder geplatzt.

Die klugen psychologischen Details, mit denen John Boynton Priestley 1937 seine Theaterfamilie schilderte, sind noch heute beklemmend. Der Patina, die Die Zeit und die Conways an anderer Stelle angesetzt hat, versucht das Darmstädter Staatstheater mit starken Kürzungen und einer Verdichtung aufs Zwischenmenschliche beizukommen ...

Die Bühne der Kammerspiele, die von Inszenierung zu Inszenierung mehr ihre beneidenswerte Flexibilität zeigt, hat diesmal Hank Irwin Kittel als hinten angeeckte Scheibe gebaut und mit einem roten Teppich versehen. Bücher und Pokale stehen an der Wand, Bildungsbürgerattitüde und frühere Meriten prägen die Conways, die soeben die Geburtstagsparty mit einer Scharade krönen. Das Verkleidungsspiel setzt sich in den Kostümen von Lydia Kirchleitner fort, die keinen Aufschluss über das Jahrzehnt geben ... Im Zentrum: Margit Schulte-Tigges als erst auf den zweiten Blick gefährlich dumme und egoistische Mutter Conway, und Christina Kühnreich als Geburtstagskind Kay und heikle Schriftstellerin in spe. "Man fühlt plötzlich, dass das nicht echt ist", sagt Kay über ihre wiederkehrenden Partygefühle, und Hailer führt vor, wie wahr das ist. Aber auch der Perspektive des Glücks gibt er Platz: Hinten etwa hört man die kluge Madge, Iris Melamed, engagiert diskutieren, wie es nur Menschen tun, die die Möglichkeit der Liebe vor der Nase haben.

Keine Pause unterbricht den 100-Minuten-Abend, die Jahre vergehen im Dämmerlicht und während eines raschen Umfrisierens. Die finanzielle Pleite, hervorgerufen von der Rezession, aber auch von Leichtsinnsbruder Robin, Leander Lichti, und die emotionale Bankrotterklärung werden ohne Umschweife vorgeführt. Eiskalt, jedoch leider nicht unrealistisch eiskalt verhält sich nun der eben noch so schüchterne Schwager, Hans Matthias Fuchs, der aus der schönen Hazel in kürzester Zeit ein verschrecktes Ding gemacht hat ...

Der Moment, als sie glücklich gewesen sein könnten, Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 7. März 2005

Frankfurter Neue Presse

Familienidylle und Familienhölle: Beide Extreme liegen in dem 1937 uraufgeführten Stück «Die Zeit und die Conways» des britischen Autors Priestley eng beieinander. Der Dreiakter von Hoffnung und Zerfall einer Familie ist bei uns seit der deutschen Erstaufführung 1949 in Kiel nicht mehr oft inszeniert worden. Regisseur Peter Hailer hat ihn aus der Raritätenkiste geholt, den Text stark gekürzt und mit sparsamen Mitteln auf der Bühne in Szene gesetzt.

... Die Darsteller agieren auf einer roten Schräge wie auf einem Präsentierteller (Bühnenbild: Hank Irwin Kittel). Dort müssen sie sich in ihrer Ausdrucksweise den changierenden Zeitebenen anpassen und ihre wechselnden Sympathien und Antipathien untereinander verdeutlichen - eine Herausforderung, die das spielfreudige Ensemble bravourös bewältigt. Allen voran Martin Maria Eschenbach, der das Porträt des langweiligen Angestellten Alan sensibel nachzeichnet. Als schwarzes Schaf der Familie ist er am Ende der einzige, der nichts zu verlieren hat, weil es für ihn niemals etwas zu gewinnen gab.

Margit Schulte-Tigges ist die eitle, oberflächliche Mutter, deren Zuneigung sich als pure Selbstsucht erweist. Leander Lichti mimt den Sonnyboy Robin, der doch nur ein egoistischer Hallodri ist, wie Illi Oehlmann als sein Opfer erkennen muss. Christina Kühnreich spielt Kay, die eine berühmte Schriftstellerin werden will und daran verbittert, dass sie als Klatsch-Schreiberin endet. Franziska Fuhrmann hat als Nesthäkchen Carol den Kopf voller Träume, die sich nicht erfüllen werden, weil sie an einer schweren Krankheit stirbt. Iris Melamend ist Madge, die daran versauert, dass sie als «Weltverbesserin» und an Anwalt-Freund Gerald - Tino Lichtenberg - scheitert. Und Julia Glasewald wandelt sich als Hazel vom umschwärmten Teenager zur unglücklichen Ehefrau. Den einzigen Gewinner spielt Hans Matthias Fuchs: Anfangs lachen die Conways über den Sonderling Beevers. Doch er bringt es zu etwas und kann sich später an der Familie rächen ...

Der Verfall einer Familie, Claudia Arthen, Frankfurter Neue Presse, 10. März 2005
Ihr Kontakt für den Pressebereich
Tel: 06151 2811303
Kontaktformular