Der Grund ist ein "vorläufiger Regulierungsplan". Aber schöne Worte bemänteln hässliche Vorgänge nicht. Professor Boulanger muss gehen. Mit 55 wird er ausgemustert aus dem Lehrbetrieb. Am nächsten Morgen wird er nicht mehr an die Uni gehen, sondern daheim sitzen bei einer Frau, die er hasst. So jedenfalls erzählt er es den Zuhörern seiner letzten Vorlesung, die zufällige Zeugen einer Abrechnung werden. Man kann sich die Gesichter der Studenten vorstellen, wenn ihr Dozent dermaßen aus der Rolle fällt.
Das Darmstädter Staatstheater hat für diesen Monolog des belgischen Autors Pascal Vrebos einigermaßen authentische Hörsaalatmosphäre zu bieten. Im Raum, in dem normalerweise der Chor probt, steigen die Stufen steil an, und auch die Wände sind so vergammelt, dass man die Hochschulmisere zu sehen meint. Unten, wo sonst wahrscheinlich der Flügel steht, hat die Ausstatterin Ruth Spemann einen Tisch auf einen Podest gestellt. Dazu ein Stuhl und eine Tafel, mehr braucht ein Physikprofessor nicht, um die Gedankenwelt durcheinander zu bringen. Das beginnt mit dem Schwadronieren über den Zufluss von Anti-Energie zu Anti-Materie und verästelt sich dann in die Physik des Privaten, und zwischendurch versteigt sich dieser Mann in seinen verschlungenen Gedankenpfaden zu der Erkenntnis, dass Gott ein Verbrecher an der Menschheit ist. Da wäre es dann, das Meisterverbrechen, das dem Stück seinen Titel gibt ...
... man kann sich derlei Enthüllungsdramen auch bitterer denken und vor allem pointierter in der Formulierung. Das würde zwar nicht zu dem mittelmäßigen Physiker passen, wohl aber zu dem Schauspieler Till Sterzenbach. Und dessen Darstellung macht die neunzig Minuten sehenswert. Barbara Hoffmanns Regie führt dieses große Solo mit Geschick an der Grenze zwischen Tragödie und Komödie entlang, lässt den Professor durch den Hörsaal turnen, versetzt die Zuschauer in die Rolle des studentischen Publikums, bindet die Videoprojektion seiner Ideen (Peter Vogel) ein, die sich auch mal zum ziemlich kitschigen Bild einer besseren Welt aufschwingen.
Hier fallen Masken, damit neue Maskeraden möglich werden: Sterzenbach bringt die Tragik dieser Figur leichtfüßig auf den Punkt ... Im Geiste getrieben von hämischen Kollegen und auf Fehler lauernden Studenten plaudert er sich in den Untergang. Der Mensch stammt vom Traum ab, weiß Professor Boulanger: Seine Träume sind die Entschädigung für die verpassten Chancen eines Lebens. So lässt Sterzenbach die Figur schillern zwischen dünnhäutigem Lehrbeamten und traurigem Clown: Das Publikum war von dieser Vorlesung hingerissen.