Äußerst zart, geradezu zerbrechlich lässt Raoul Grüneis, Erster Kapellmeister am Staatstheater Darmstadt, sehr hellhörig das Vorspiel zu Giuseppe Verdis Oper "La Traviata" spielen - als wär's ein Stück Kammermusik. Es sind die passenden Klänge für eine zerbrochene Seele ...
In der Darmstädter Inszenierung von Philipp Kochheim ist Verdis Titelheldin tablettensüchtig und malträtiert ihre Arme mit Schnitten bis die Wunden bluten. Das sind Symptome eines Borderline-Syndroms, unter dem Violetta leidet ... Kochheim lässt die Verdi-Oper somit in unserer Gegenwart spielen. Darin weiß er sich eins mit dem Komponisten, der sein Werk in einer möglichst zeitgemäßen Vergegenwärtigung aufgeführt wissen wollte.
Der Regisseur macht seine Sicht dem Publikum im Verlauf der mit Pause zweidreiviertel Stunden dauernden und in italienischer Sprache gesungenen (und mit deutschen Übertiteln versehenen) Aufführung plausibel. Die Zuschauer akzeptierten diese Deutung in der Premiere am vergangenen Freitag im Kleinen Haus des Staatstheaters und sparten am Ende nicht mit Beifall für Kochheim, die Bühnenbildnerin Malve Lippmann und José-Manuel Vázquez, der die Kostüme entworfen hat, sowie für den von André Weiss einstudierten Chor und die Solisten ... Die konsequente wie durchdachte Sicht Kochheims hat sich diesmal ausgezahlt ...
Ganz auf die Hauptfigur der Violetta hat Philipp Kochheim seine Inszenierung zugeschnitten. Für Anna Maria Kaufmann, die als Musical-Star in der Partie der Christine im "Phantom der Oper" berühmt wurde, war es jetzt wohl keine leichte Aufgabe, als Titelheldin einer Oper derart im Mittelpunkt zu stehen. Im ersten Akt merkte man die Anspannung ihrer Stimme an, die sich noch nicht frei entfalten konnte ... Ab dem zweiten Akt hatte sich die Sängerin schließlich frei gesungen, der Druck war seitdem weg, und ihr Sopran schwang sich jetzt zu lichteren, reineren Höhen auf. Großartig wie Anna Maria Kaufmann die Psychosen der Violetta stimmlich und darstellerisch versiert auszugestalten vermochte. Dafür erhielt sie begeisterten Beifall ...
Während Violetta eher die Kühle markierte, brachte Hector Sandoval als Alfredo Leidenschaft ins Spiel. Unterstützt wurde er dabei vom Orchester, das den Gegensatz von zarter Verhaltenheit und mächtiger Emphase eher dezent ausreizte. Faszinierend verstand der Tenor zu nuancieren und seine kraftvolle, wohldosierte wie ausgeglichene Stimme immer wieder zurückzunehmen. Mit imposanten Tönen gestaltete Hans Christoph Begemann die Partie des Vaters. Mit profundem Stimmmaterial stattete Hans-Joachim Porcher die Rolle des Doktor Grenvil aus, Werner Volker Meyer den Baron Douphol, quirlig und behend, mit einer leicht-luftigen Stimme Hyeon Kyoo Lee die Annina und Jordi Molina den Gastone, Alfredos Freund. Kaum mehr wiederzuerkennen, derart geschickt von der Maskenbildnerei verwandelt: Katrin Gerstenberger als Flora.
Ganz unsentimental, dem auch die eher feingliedrige als auftrumpfende Musik aus dem Orchestergraben entspricht, hat Philipp Kochheim eine Sicht von heute auf "La Traviata" gewagt und mit geschickter Personenführung und Eingliederung von Chor und Statisten einsichtig gemacht. Violetta ist ein Fall für den Psychiater, weshalb sie am Ende auch in der Psychiatrie landet.
In dieser Szene steckt das ganze Rätsel der Geschichte. Violetta Valéry ist verliebt, sie ist glücklich. Warum setzt sie den Vater ihres Geliebten nicht einfach vor die Tür, als der den Verzicht auf das Glück fordert? Dem alten Germont gelingt es, die Situation umzudrehen: Er sät den Zweifel an der Beständigkeit der Liebe, er appelliert an das Mitgefühl, er erschüttert auf raffinierte Weise Violettas ohnehin schwaches Selbstbewusstsein, er bringt in Philipp Kochheims Darmstädter Verdi-Inszenierung sogar noch die Tochter mit, für deren Glück Violetta das ihre opfern soll.
In der zweiten Premiere von "La Traviata" am Sonntag sang Tito You die Partien des alten Germont, man spürte die dramatische Wende, die diese Szene für die ganze Oper bedeutet, und es war überraschend selbstverständlich, dass Germont siegen würde. Der koreanische Bariton besitzt eine dramatische Überzeugungskraft in seiner starken, glänzenden, kalkuliert eingesetzten Stimme, die an der inneren Dringlichkeit des Anliegens keinen Zweifel zulässt ...
Der Jubel des Publikums war dem Sänger sicher. Noch größer war er für Mary Anne Kruger, die sich an diesem Abend als Violetta vorstellte. Mag sein, dass ihr in den Koloraturen der großen Arie am Ende des ersten Aktes noch die Leichtigkeit fehlte und gerade der strahlende Abschluss etwas angestrengt klang. Aber Kruger erwies sich als kluge und einfühlsame Gestalterin ihrer Rolle mit einem in allen Lagen ebenmäßig wohlklingenden Sopran, der schöne Schattierungen beherrscht und selbst im zarten Piano noch intensiv klingen kann: gute Voraussetzungen für die Interpretation der psychischen Krankheit, die der Regisseur in dem Stück sieht ...
Die bisweilen sehr langsamen Tempi, die Raoul Grüneis wählte, forderten ihr Talent heraus, weite Spannungsbögen zu schlagen. Derlei grüblerische Ausleuchtung war dem Dirigenten jedenfalls wichtiger als dramatische Impulse, die im flächigen Klang zu oft untergingen. Xavier Moreno als Alfredo entsprach dem Niveau der anderen Hauptpartien: Der Sänger besitzt einen klangschönen Tenor und außerdem den Mut, im Interesse einer leidenschaftlichen Darbietung auch mal eine stilistische Sorglosigkeit in Kauf zu nehmen. Zur Rolle dieses impulsiven Liebhabers passt das nicht schlecht.
... Man erblickt gleich am Anfang eine Lounge im Retro-Design der Seventies. Space-Look mit den einschlägigen anthropomorphen Öffnungen, Halbrundungen, niedrigen Sitzumläufen. Bühnenbildnerin Malve Lippmann hat das bilderbuchreif realisiert. Gleich könnten Alex und seine Droogs aus Clockwork Orange von Stanley Kubrick hereintänzeln und den gesamten sauberen Designer-Schnickschnack kurz und klein schlagen. Im Pulk halbseidener Damen und Herren bewegt sich die tablettenschluckende Violetta, die sich zum "croce e delizia al cor" - dem "Schmerz und Wonne des Herzens" - blutige Schnitte mit der Rasierklinge an beiden Unterarmen zufügt.
Diese Violetta hat nicht die elterliche Fuchtel und die pfeifende Lunge zum Feind, sondern sich selbst mit ihrer Unfähigkeit, Liebe und Anerkennung, Glück und Abenteuer in die Balance zu bringen ...
Sieht man von den Spitzentönen ab, hat Kaufmanns Stimme aber in der oberen Mittellage Volumen und Geschmeidigkeit. Hector Sandoval als Alfredo Germont ... verfügt über einen schmelzenden Ton, mit dem die Legato-Partien sehr gut gemeistert werden ... Wie aus einem Guss, stimmlich und darstellerisch, der Vater Alfredos, Giorgio Germont, den Hans Christoph Begemann singt ...
Stimmlich solide Hans-Joachim Porcher als Doktor Grenvil sowie Hyeon Kyoo Lee und Jordi Molina als Annina und Gaston. Regisseur Kochheim hat die beiden Vertrauten Violettas und Alfredos als das seit Mozarts Opern bekannte leichthändige Pendant zum hohen, unglücklichen Paar exponiert. Das Schlussbild zeigt dann die fast leere Bühne mit weißbekitteltem Personal und vielen Kartons: eine Mischung aus Sanatorium und ausgeräumter Wohnung. Hier hält sich mitten unter den Umzugskartons vollends unbehaust in einer Art Kampfdress die langsam ihrem Körper entschwindende Violetta auf (Kostüme José-Maunel Vázquez). Am Ende stirbt sie nicht wirklich: allein dreht sich die Untote und Überlebendige wie im Delirium ... Der Chor, am Anfang etwas schwer in den Klangfluss hineinkommend, wurde im Verlauf des Abends zusehends beweglicher. Das Orchester unter seinem Ersten Kapellmeister Raoul Grüneis war schnell auf der Höhe des von ihm gewohnten Klangs.
Der Inhalt des Melodramas ist seit Alexandre Dumas (»Die Kameliendame«) hinlänglich bekannt und von Giuseppe Verdi meisterhaft vertont worden. Neu ist heutzutage nur noch, auf welche mehr oder weniger einleuchtende Art und Weise das Rührstück »La Traviata« auf der modernen Opernbühne interpretiert wird. Im Staatstheater Darmstadt hatte Philipp Kochheim die Idee, der ursprünglich schwindsüchtigen Edelprostituierten Violetta den Status einer Tablettenabhängigen zu verpassen und die Handlung in modernes Partyambiente zu verlegen.
In dieser von Malve Lippmann geschickt arrangierten und raffiniert ausgeleuchteten modern-nüchternen Atmosphäre schluckt die psychisch kranke Heldin Unmengen von Pillen und schneidet sich mit einem Messer in die Arme, umgeben von einer dauerfröhlichen, heuchlerischen Gesellschaft ...
Recht glaubhaft vermittelte Anna Maria Kaufmann (den) Leidensweg der Titelheldin. Ihr anfangs noch etwas unsicherer Sopran entfaltete sich in ihrer großen Liebesarie im ersten Akt und den Duetten immer eindrucksvoller, ihr Singen strömte höchste Freude ebenso anrührend aus wie Verzweiflung und Verwirrtheit. In ihrer Schlussarie gelang es ihr aber nicht, die fahle Todesstimmung und das Erlöschen ihrer Kraft stimmlich zu transportieren.
Einen leidenschaftlichen Alfredo Germont mit frischem Stimmglanz und strahlenden Höhen, alles außerordentlich nuanciert eingesetzt, lieferte der mexikanische Tenor Hector Sandoval. Er verdeutlichte den weg vom schüchternen, ungelenken Liebhaber zum enttäuscht-arroganten Macho samt später Einsicht auch darstellerisch überzeugend. Hans Christoph Begemann mimte mit warmem profunden Bariton den Vater Germont. In weiteren Rollen überzeugten Katrin Gerstenberger als Flora, Hyeon Kyoo Lee als Annina, Jordi Molina als Gastone, Werner Volker Meyer als Baron Douphol und Hans Joachim Porcher als Doktor Grenvil.
Ganz im Sinne des Regisseurs führte Raoul Grüneis das glänzend disponierte Orchester des Staatstheaters unsentimental und eher filigran als wuchtig.
... Die "Traviata" im Darmstädter Staatstheater ist wieder ganz "Halbweltdame mit Herz" - und das im Hier und Jetzt eines mit weißen Wandelementen und gepolsterten Bänken ausgestatteten Salons (Bühnenbild: Malve Lippmann). In elegante Hosenkostüme, Seiden- und Glitzerjacken gekleidet (Kostüme: José Manuel Vázquez), liebt, lebt und leidet Anna Maria Kaufmann in Giuseppe Verdis Oper "La traviata" als schwerkranke Edelprostituierte Violetta Valéry für den jungen Alfredo - und seinen Vater, der die skandalöse Beziehung des Sohnes beenden will, damit Alfredos Schwester heiraten kann. Das alles tut Anna Maria Kaufmann mit voll vibrierendem ... Sopran. Ihre Violetta opfert sich, kehrt zurück in die Pariser Halbwelt - und stirbt nicht.
Denn in der Darmstädter Inszenierung des Regisseurs Philipp Kochheim ist die vom rechten Weg abgekommene "Traviata" nicht an Schwindsucht erkrankt, sondern am Borderline- oder Grenzgänger-Syndrom - einer psychischen Krankheit, die laut Programmheft zu "Selbstverstümmelung und Selbstmord führen kann". Typisch für Borderline-Kranke sei, dass sie die Menschen von sich weisen, die sie am meisten lieben. In Darmstadt ritzt sich die Violetta zwar ab und zu die Arme auf, lässt sich aber problemlos von ihrem Alfredo küssen und umfassen, den der Mexikaner Hector Sandoval mit warmer Tenorstimme trotz Intonationsunsicherheiten leidenschaftlich singt und spielt.
Noch im letzten Akt klammert sich Violetta schutzsuchend an seine Beine, als er doch noch zu ihr kommt - in die Psychiatrie. Dort darf Violetta, ganz kämpferisch, schwarze Springerstiefel, Military-Hose und Trägerhemd tragen, um sich dann aber in einem der herumliegenden Pappkartons ängstlich zu verschanzen und am Ende mit weitgeöffneten Armen, "O gioia" hauchend, dem "neuen Leben" entgegenzutänzeln. Das wird vermutlich in dieser Abteilung enden. Irgendwann. Der verzweifelte Alfredo und sein bereuender Vater aber, den Hans Christoph Begemann mit klangschönem Bariton zuvor rein intoniert hatte, wurden vom Pflegepersonal längst aus dem Zimmer gezogen ...
Dabei hat Kochheims Inszenierung bis dahin gut funktioniert - von den Halbwelt-Partys mit blonden "Boxenludern" und Koks schnüffelnden "Grandseigneurs" über die lustige Szene, in der Alfredo seinem verkaterten Freund Gastone früh am Morgen die hohen Töne durch die Ohren jagt, während der im Bademantel eigentlich sein Frühstück mit Ei genießen will, bis hin zum Selbstmordversuch von Alfredos verschüchterter Schwester, die der Vater als wandelndes schlechtes Gewissen in Alfredos Liebesnest mitgeschleppt hat, um ihn zurückzugewinnen.
Kochheim hätte einfach dem Orchester des Staatstheaters unter Dirigent Raoul Grüneis folgen sollen, das die Wohl- und Wehklänge in Verdis Arien, Cabaletten und Duetten mit ausgewogener Streichergruppe und sauber intonierenden Holzbläsern ebenso feinfühlig begleitet wie der vollmundig singende Chor. Er hätte nur hinhören müssen.
Ob in Paris oder bei uns: In Mitteleuropa muss man an Tuberkulose einfach nicht mehr sterben. Auch könnte hier kein Vater seinem Sohn eine Hochzeit mit Blick auf die Familienehre und die Schmach fürs bürgerliche Töchterlein verbieten, nur weil der Filius eine ehemalige Prostituierte ehelichen will. Die würde heutzutage im Zweifel vom Lohn sogar noch brav ihre Steuern gezahlt haben. Verdis "La Traviata" - eigentlich also ein richtig unaktuelles Stück. Und trotzdem Publikums-Renner, der jetzt einmal wieder, nämlich im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt, Premiere hatte.
Vielleicht ist "Traviata" ja deshalb so populär, weil die Geschichte, zumindest oberflächlich betrachtet, ergreift: Wahre Liebe, ihrer Kurtisanen-Biografie und seinem ehrliebenden Vaters zum Trotz, bahnt sich ihren Weg. Doch so einfach ist es eben nicht. Schon bei Verdi und im Libretto Francesco Piaves liegt manches quer. Der Chor als Stimme des Volkes ergreift im Konfliktfall Partei für Violetta, deren potenzieller Schwiegervater sogar Verständnis und Gefühle zeigt. Und eigentlich haben sie sich doch gar nicht recht verliebt, Violetta und Alfredo: In den ersten beiden der drei Akte gönnt Verdi ihnen nicht einmal ein echtes Liebes-Duett, woran Regisseur Philipp Kochheim in seinem Programmheft-Text zu Recht erinnert.
Kochheim sieht seine Violetta als Kameliendame von heute, weil auch schon Verdi seine Oper ans zeitgenössische Publikum adressiert wissen wollte. Statt sich nur zu prostituieren, treibt diese Traviata es hinter der Toilettentür wohl gerne auch einmal gleichgeschlechtlich. Schluckt massenweise Pillen, schneidet immer wieder an ihren Pulsadern herum, Kennzeichen des "Borderline"-Syndroms, das der Regisseur bei seiner aktuellen Violetta ausgemacht haben will. Das mag etwas weit hergeholt sein, doch stimmen die Bilder jedenfalls auf der Bühne. Das Öffentliche spielt sich in einer Bar im dezenten Retro-Look, das Private in einer wohl geordneten Yuppie-Wohnung samt großzügiger Badezimmer-Einheit ab (Bühne: Malve Lippmann). Hier führt Kochheim im zweiten Bild auch Alfredos Schwester als stumme Figur ein, auf dass sie sich im Designer-Bad mit blutigerem Erfolg als Violetta die Pulsadern öffnet.
Hingegen wird Violetta am Ende weiterleben, wohin auch immer die Umzugskisten verbracht werden, die im Schluss-Akt auf der Bühne übriggeblieben sind. Alfredo klammert sich an ihre Füße, bevor sie im Kampfanzug (Kostüme: José-Manuel Vazquez) tanzt, ohne keuchendes Hüsteln und mit ausgestreckten Armen kreisend bis zum Fall des Vorhangs. Starke Bilder. Schade, dass ein Großteil des Publikums sie mit "Buh"-Rufen für die Regie quittiert.
In der A-Premiere hatte Anna Maria Kaufmann die Titelpartie übernommen; mit Ensemblemitglied Mary Anne Kruger erlebt man in der zweiten Vorstellung freilich alles andere als eine Sekundärbesetzung. Ihre Violetta strahlt in den Koloraturen, ist auch ansonsten mit lyrischer Stärke geführt, agiert mit nie nachlassender szenischer Kraft. Mit Xavier Moreno steht ihr ein sauber artikulierender Alfredo von kultiviertem tenoralen Schmelz zur Seite, während Vater Germont mit dem jungen, aber so balsamisch wie ausgereift klingenden Bariton Tito You kaum älter besetzt sein dürfte als der Sohn. Darmstadts Chor singt, das Orchester begleitet unter der Leitung von Raoul Grüneis einfühlsam, geschmeidig, exakt.
Verdi wollte seine «Traviata» als «zeitgenössische Oper» verstanden wissen, als Musikwerk, in dem dargestellte Zeit und Rezeptionszeit zusammenfallen sollen. Philipp Kochheim erweist sich in diesem Zusammenhang als gewissenhafter Regisseur. Er verzichtet auf das Plüschambiente der Pariser Halbwelt und platziert die Handlung in eine Art Hotel-Lounge im coolen Retro-Look der 70er und 80er (Bühnenbild: Malve Lippmann). Dort feiert die Pariser Society mit den durchgeknallten, auffallend pink gekleideten Hilton-Schwestern (Kostüme: José-Manuel Vázquez) ein rauschendes Fest; man gibt sich ungehemmt Sex und Alkohol hin.
... Bei Kochheim ist Verdis Titelheldin tablettensüchtig, sie malträtiert ihre Arme mit Schnitten, bis die Wunden bluten, und wechselt ihre Launen zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Borderline-Syndrom mit starkem Hang zur Selbstverstümmelung lautet die Diagnose des 35-jährigen Regisseurs, der gerne mit frechen Inszenierungen auffällt. Er zeichnet das Psychogramm einer Leidenden, einer Frau, die unter der tiefen Angst leidet, allein gelassen zu werden, während Verdi die Wandlung Violettas von einer käuflich zu einer wahrhaft Liebenden im Sinn hatte. Man könnte Kochheims Sichtweise durchgehen lassen, wären da nicht die um 1850 entstandene Musik im besten Belcanto-Stil und das Libretto, in dem Violetta an ihrer Lungenerkrankung stirbt.
Die Violetta ist eine Glanzrolle für jede Sopranistin, und Kochheim hat sie ganz auf Anna-Maria Kaufmann zugeschnitten. Doch die durch TV- und Musical-Auftritte bekannte Sopranistin zeigt sich zunächst erstaunlich gehemmt. So lassen die Koloraturbeweglichkeit ihrer Stimme und die Spitzentöne im ersten Akt zu wünschen übrig. Allerdings vermag sie Kochheims Grenzgängerin und ihr ständiges Schwanken zwischen Apathie und Ekstase darstellerisch und im zweiten und dritten Akt auch stimmlich ausdrucksstark zu meistern.
Hector Sandoval verkörpert das Ideal des jungen Liebhabers Alfredo mit viel Schmelz, strahlender Höhe und lyrischen Pianotönen, und Bariton Hans Christoph Begemann singt die Partie des Vaters klangvoll aus. Sehr schön gelingt ihm die große Arie am Ende des zweiten Aktes - was die Phrasierung und das noble Espressivo angehen.
Dirigent Raoul Grüneis eröffnet die Oper mit einem hauchzarten Vorspiel und entfaltet auch im weiteren Verlauf die pastellartige Farbigkeit von Verdis Musik mit zurückhaltender Eleganz. Das sind genau die richtigen Klänge für eine zerrissene Seele. Kochheims Violetta endet in der Psychiatrie.