Parabel Parzival

Die Spaßmacher der Tafelrunde
Darmstädter Echo zu Parabel Parzival Parabel Parzival

Frankfurter Rundschau

... Camelot ist, wen wundert's, heruntergekommen. Mordred nutzt die Klinge seines Schwerts, um sich eine Line reinzuziehen. Artus ist nicht wie in den alten oder auch neueren Mären zeugungsunfähig oder hat eine unheilbare Wunde, sondern liegt einfach im 33tägigen Heilschlaf, aus dem er allerdings als Frosch mit auf das Maß heutiger Politiker verbreiterten Maul erwacht. Merlin - bei Dorst noch ein Spieler, mit dessen Strippenzieherei auch die großen Utopien scheiterten - ist ein Waldschrat, von dem niemand mehr etwas wissen will. In dieser Welt lohnt sich kein Streben und kein Suchen. Dass ein selbstgefälliger Parzival hier nie erfahren wird, was Mitleid, Erbarmen oder auch nur Weltschmerz sind, ist zwingend. In Werles Parabel kennt er nur noch Zahnweh.

Die alte Erlösungsgeschichte kippt in eine banale, sinnleere Welt, in der man noch Erfahrungen machen aber keine Entwicklung erleben kann. Zwischen Umgangsprache, fast vergessenen Worten wie "Kampfer" oder "Schanker" und metaphorischen Sprüchen Merlins ("Überall glauben die Menschen ihre Geschlechtsteile wiederzuerkennen, nur unter Sternbildern tauchen sie nicht auf") erzählt Werle von einer Welt, in der Minne, Liebe und alle Formen der Anteilnahme verschwunden sind. Eine schöne Figur hat er dazuerfunden: Courmane, vom eigenen Vater vergewaltigt, ist eine Seelenverwandte Parzivals, der sie dann ebenfalls vergewaltigt: eine Fremde, eine Vaterlose, eine Bleichwäscherin, eine Kassandra, eine multiple Person, von der Kundry glaubt, dass sie die Erlösung bringen wird. Da verwickelt sich das Drama, Merlin prophezeit ihr, dass die Geschichte sie vergessen wird, und der Kern dieser modernen Mittelalter-Fabel wird sichtbar: Abscheu vor dem Prinzip "Mann".

... Der Bühnenbildner Klaus Noack hat sich für einen dreigeteilten, von den Zuschauern weit entfernten Gazevorhang entschieden, der das Spiel zu einem filmartigen Triptychon macht und ihm etwas Monumentales gibt ...

Die Mittelalter-Moderne, Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau, 4. April 2005

Darmstädter Echo

... Simon Werle wirft in "Parabel Parzival" einen Blick aus dem Fenster unserer Erfahrung auf den Mythos Parzival. Der Text interpretiert die Überlieferungen von Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach neu, bricht den Alltag an König Artus' Tafelrunde mit moderner Sprache und über das Mittelalter weit hinausweisenden Gedanken, löst Szenen aus der Geschichte heraus und zeigt in ihnen vor allem den Weg der Gewalt, den Parzival beschreitet - erst ahnungslos, dann einigermaßen zielstrebig. Von Erlösung ist in diesem Drama keine Spur; Parzival sieht in der Gralsburg die blutende Wunde des Amfortas, aber er findet die Mitleidsformel nicht. Obwohl er reichlich dazu Zeit hätte, denn Werle verlängert die Geschichte in unsere Gegenwart hinein ...

Weil die Bühne aufwendig umgebaut werden muss, sind Prolog und Epilog durch Pausen voneinander getrennt, was dem Abend ein ungewöhnliche Abfolge und trotz beherzter Kürzungen des Textes eine Dauer von zweidreiviertel Stunden beschert ... So wortreich Werles Text ist, so sehr verlangt er auch nach einer einfallsreichen Ausdeutung. Richter besitzt immerhin den Mut zur Straffung, er schält geschickt die Geschichten heraus, die in dem Stück stecken. Er entwirft mit einem großen Ensemble kräftige Figuren, auch wenn sie sich nicht sonderlich entwickeln, und zumal am Hof von König Artus spielt er sehr schön mit parodistischem Witz. Vom ritterlichen Stolz ist es nur ein kurzer Weg zu infantilen Machtspielen.

Das ist schon komisch, wenn die Tafelrunde im Wettstreit darüber entbrennt, wie König Artus aus dem von Merlin verordneten Tiefschlaf zu wecken sei. Martin Maria Eschenbach beispielsweise singt als Ither von Kukumerland laut und forsch und falsch, und dass er daraufhin von Parzival aufgespießt wird, erscheint vor allem als Akt musikalischer Nächstenliebe. Als Gurnemanz wacht Gerd K. Wölfle über die Satzung - die Tafelrunde, ahnt man, könnte der mittelalterliche Vorläufer einer Behörde sein. Und Volker Muthmann als Parzival stapft anmutig und mit jugendlicher Ahnungslosigkeit bis in die Gegenwart.

Ob Tino Lindenberg als Mordred, Hans Matthias Fuchs als Clamadé, Hubert Schlemmer als Kaye oder Leander Lichti als Lanzelot: Die Ritterbande erscheint als Truppe von Komikern, König Artus (Harald Schneider) babbelt auch mal hessisch, und das große Ensemble prägt einen vielfarbigen Reigen der Charaktere aus. Illi Oehlmann beherrscht als Königin Ginevra schrille Töne, die Kundry ist bei Maika Troscheit eine Amazone, die sich souverän der Männergesellschaft entgegenstellt, Aart Veders Merlin ist ein Zauberer, der seiner Listen müde erscheint, und als Ritter-Veteran Gawain lässt Klaus Ziemann markige Töne hören. So entsteht hinter dem Schleiervorhang eine ganze Weile bunte Kurzweil, von Michael Erhards Musik sehr hübsch mit Mittelalter-Sound umhüllt ...

Die Spaßmacher der Tafelrunde, Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 4. April 2005

Mainzer Allgemeine Zeitung

... Der Titelheld von Wolfram von Eschenbachs Versepos, einem der meistgelesenen Werke des Mittelalters, ist mit der Artus-Welt direkt verbunden. Sie ist eine der Stationen seines Lebenswegs, der ihn mit vielen Hindernissen und Fehlschlägen vom ahnungslosen Knaben über die Zugehörigkeit zur Artusrunde zuletzt in die geheimnisvolle Gralswelt führt, die religiöse Überhöhung des Rittertums ...

Genau diese Entwicklung aber ist es, die Simon Werle, der heutige Autor, seinem Helden verwehrt. Sein Parzival verharrt im Status quo, bleibt letztlich für immer der gewaltsame Knabe, als der er angetreten ist, weil in der brutalen Welt des Heute, weil inmitten der Grausamkeit des 21. Jahrhunderts eine Erlösung unmöglich sei.

Es fängt alles ganz richtig an. Die Mutter Herzeloyde will ihrem Sohn das Schicksal seines im Kriegszug vor Bagdad (!) gefallenen Vaters ersparen, ihn der Welt und den Rittern fernhalten, lässt zuletzt aber den Hinausdrängenden als tumben Toren ziehen, dem schon nichts passieren werde. Erste Irritationen für den Zuschauer: die allzu simplen Fragen, die allzu kurzen Hosen des jungen Mannes, seine dem Sommernachtstraum entliehenen Eselsohren, und dass die leidende Mutter sich hier erhängt.

... einzelne Darstellungen schälen sich heraus, Sonja Mustoff als Herzeloyde und mystisch trauernde Sigune, Maika Troscheit als einbusig herrische Gralsbotin Kundry, Britta Hübel als weiße Courmane, wie gesagt, auch Aart Veder als geisternder Merlin, Andreas Manz als bebrillter Trevrizent, und natürlich Volker Muthmann, ein wie elektrisiert expressiver Parzival.

... Der als Übersetzer doch in Einfühlung geübte Simon Werle opfert seine Vorlage seiner modernen Idee, zerkleinert das Werk in lauter Partikel, macht daraus ein Kaleidoskop, das ... bei der geringsten Berührung ein immer anderes buntes Bild zaubert...

Keine Erlösung im 21. Jahrhundert, Bruno Russ, Allgemeine Zeitung Mainz, 4. April 2005


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