Ina Annett Keppel hat für ihre Inszenierung ... die Tonart des Textes getroffen: ein Stück in Moll ... Abgesehen von einem Rosenkranzgebet fügt Keppel dem Text nichts hinzu – ihm ist nichts hinzuzufügen. Ihr gelingt eine szenische Bebilderung, die von Rhythmisierung, Tempowechsel und Betonung lebt, auf mediale Effekthascherei verzichtet und sich auf den kraftvollen Text konzentriert ... // Frankfurter Allgemeine Zeitung zu Lenz
Gäbe es eine Partitur zu Büchners Lenz, sie läse sich etwa so. Lenz' Wanderung durch die winterlichen Vogesen beginnt im Piano. Nüchtern rezitieren zwei Schauspieler links und rechts der Bühne den Text. Dann ein Crescendo, laut und gewaltig: „Wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf und der Sonnenschein sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog.“ Schließlich schneller, als wären die Silben Sechzehntelnoten: „Riss es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen.“ Auf dem Höhepunkt ein leichtes Ritardando: „Er wühlte sich in das All hinein.“ Büchners sprachgewaltiges Psychogramm laut zu hören ist Nahrung für die Seele. Ina Annett Keppel hat für ihre Inszenierung seiner Erzählung an den Kammerspielen des Staatstheaters, Darmstadt die Tonart des Textes getroffen: ein Stück in Moll.
… Keppel wählt für ihre szenische Collage einen doppelten Lenz. Ton in Ton sind Julia Glasewald und Hubert Schlemmer gekleidet, braune Hosen, helle Hemden. Und, ganz wichtig, Wanderschuhe. Denn der Dichter rennt durchs Gebirge, um sich seiner Halluzinationen zu entledigen. Lenz und Lenz sprechen den Text, lösen einander ab, wiederholen einzelne Sätze flüsternd wie einen Refrain. Ein polyphones Durcheinander, das Lenz' gebrochenes Ich widerspiegelt.
Fast eine Stunde bewegen Lenz und Lenz sich in einem Raum, schwarz wie die Black Box des Bewusstseins. Zu den Requisiten zählen zwei kleine schwarze Zelte. Lenz, dem die Welt zu eng wird, verkriecht sich in diesen winzigen Behausungen. Die inneren Stimmen, die ihn plagen, tönen als liturgischer Gesang: „Leiden sei all' mein Gewinst, Leiden sei mein Gottesdienst.“ Abgesehen von einem Rosenkranzgebet fügt Keppel dem Text nichts hinzu – ihm ist nichts hinzuzufügen. Ihr gelingt eine szenische Bebilderung, die von Rhythmisierung, Tempowechsel und Betonung lebt, auf mediale Effekthascherei verzichtet und sich auf den kraftvollen Text konzentriert. Der endet damit, dass Oberlin den gebrochenen .Lenz nach einem Selbstmordversuch nach Straßburg schickt. „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin." Apathisch spricht Julia Glasewald diese Worte, mit starrem Blick, als wäre das Publikum transparent.
… Der Bruch ist freilich schon da, als der arme Lenz zu Oberlin ins Steintal kommt. Unangenehm, dass man nicht auf dem Kopf gehen kann. Noch bewahren die zwei Figuren (Julia Glasewald, Hubert Schlemmer), beide in brauner Jacke und weißem Hemd, aber erzählerische Distanz, tragen Büchners Wahnsinns-Text vor, als handele es sich um eine Lesung. Zwischendurch Sprünge in die Rolle, mal er als Lenz, sie als Oberlin, dann sie als Lenz, wie er sich in einem ersten Anfall in den Brunnen stürzt, hier ein ganz flaches, vielleicht tablettgroßes Wasserbassin.
Doch zu den natürlichen Stimmen der Erzähler gesellen sich schon bald Mikrofon-Stimmen aus dem Off. Die fremden und die eigenen Stimmen stehen erst in Kontrast, dann überlappen sie sich, bis sie übereinstimmen. Als die beiden Protagonisten beginnen, in Headsets zu sprechen, wird klar: Die eigene, natürliche, und die fremde Mikrofonstimme waren von Anfang an eins. Es gibt kein Draußen mehr, das zu Lenz spricht. Die Stimmen sind im Kopf. Die Protagonisten nehmen die Headsets ab, Lenz hat sich ergeben. "So lebte er hin". Dunkel.
… Der Wahnsinn, das sind hier die Stimmen. Gestisch nimmt sich die Aufführung der jungen Regisseurin Ina Annett Keppel dagegen zurück. Immer nur für Momente schlüpfen die Schauspieler in die Rolle des Lenz, verzichten weitgehend darauf, den Wahnsinn, der ja tonal längst offenbar ist, zu spielen.
Im Januar 1778 sind Sturm und Drang erlahmt, Angst und Wahn machen sich breit im zerrütteten Gemüt des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792). Die Wanderung des offenbar paranoiden Autors zu einem Pfarrer in die winterlichen Vogesen ist durch Aufzeichnungen belegt und durch Büchners bruchstückhafte Erzählung literarisch verewigt. Im Darmstädter Staatstheater haben Julia Glasewald und Hubert Schlemmer die Wanderschuhe geschnürt. Es geht in der Inszenierung von Ina Annett Keppel auf zu einem Nachtspaziergang durch die nasskalte, karge Seelenlandschaft der Novelle Lenz.
Mal chorisch, mal in Wechselrede, mit Wiederholungen und auch mit Off-Passagen vom Band gliedert die Regisseurin das Fragment als „szenische Collage“, so dass Glasewald und Schlemmer kaum 50 Minuten brauchen, um den Spuren von Lenz zu folgen – kräftiger Beifall und einige Bravos bei der Premiere am Freitag in den Kammerspielen …
Ina Annett Keppel hat zwei Iglu-Zelte und sechs Kronleuchter auf der Bühne verteilt und bahnt ihren Schauspielern dazwischen einen Weg durch den Text …
Mit der wieder aufflammenden Saalbeleuchtung setzt bei allen Beteiligten eine Erleichterung ein: Für die Schauspieler bedeutet sie überbordender Applaus, für die Regisseurin die Gewissheit einer stimmigen und zugleich in Bann ziehenden Inszenierung, für die Zuschauer die Rückkehr in die Geborgenheit der Alltagswelt.
Georg Büchners Novelle Lenz in Ina Annett Keppels Inszenierung am Kammerspiel des Staatstheaters Darmstadt ist kein unbekümmerter Versuch einer Jung-Regisseurin, das Porträt des Dichters Jacob Michael Reinhold Lenz (1751 bis 1792) zeitgemäß der Verlorenheit des Menschen in der Spaß- und Mediengesellschaft anzupassen: Es ist der Ausdruck von Respekt vor der literarischen Vorlage und dem damit bewiesenen Einfühlungsvermögen in die Seele eines verlorenen Menschen …
Indem Ina Annett Keppel die beiden Schauspieler Julia Glasewald und Hubert Schlemmer als Erzähler und szenische Rollen-Spieler führt, macht sie sich diese Entstehungsgeschichte der Büchner-Schrift zu eigen – und geht damit ein Wagnis ein: Schließlich muss sie auch den eigentlichen Erzählstoff – Lenz´ Schicksal – und das Seelenbild des Porträtierten verdeutlichen.
Dafür wiederum reichen wenige Kunstgriffe: Stimmen aus dem Off für die reine Spielhandlung, der geschickte Einsatz der Beleuchtung als Sinnbild für das Hin und Her zwischen Seelendüsternis und. Geisteshelle, das Einbeziehen der Zuschauertribüne als Sinnbild der geografischen(und menschlichen)Abgründe in Oberlins von der damals modernen Welt abgeschiedenen Heimat …
Es sind die Augen-Blicke und die Hand-Streiche, deren Erflehen auf berührende Weise all die Gottverlassenheit Lenz´ sichtbar macht. Hier nicht dass eigene Schau-Spiel, sondern das all zu menschliche Gefühl auf selbstverständliche Weise zu zeigen – und durchzuhalten–, ist die eigentliche Kunst Glasewalds und Schlemmers…
Wie holt ein Regisseur, eine Regisseurin den legendären Text über einen legendären Sturm-und-Drang-Schriftsteller auf der Bühne ein? Ohne sich nennenswert einschüchtern zu lassen. 48 Minuten Spielzeit, anvertraut dem Duo Julia Glasewald und Hubert Schlemmer, sind nicht die Welt und unterspielen das lastende Gewicht. Und doch entfalten sie diese Welt.
… Keppels in dramatisches Licht getauchte Bühne spielt auf den Tag, Nacht- und Wetterwechsel beim „Weg durchs Gebirg“ an. Sechs Stehleuchter auf dem Boden werfen schroffe Schatten, werden zu Stadt- und Weihnachtslichtern im Nichts, stehen als Fragmente eines ruinierten Geistes im Raum, der freilich zum Zeugen eines letzten Trostes mutiert: einer Sprache von intensiv mattem Glanz, die sich in knappen Satzfolgen und geschwungenen Episoden dem zerrütteten Ich des Dichters anschmiegt. Die Erzählstimme ist auf beide Geschlechter in vage „historischen“ Kostümen à la Schiller-Hemd verteilt; personalisiert wird nicht. Die mädchenhafte Glasewald und der selten so sensibel erlebte Schlemmer teilen sich mit einer Fülle variabler Sprechweisen den Text auf, der sich dramaturgisch in dynamische Chorpassagen, dialogisch anmutende Satzteile, pures Erzählen oder obstinates Repetieren aufteilt. Das Spiel ist mal Entdeckungsreise durch die fragmentierte Seelenlandschaft, mal Andeutung von Situativem (sanftes Miteinander, herbe Trennung), dann wieder singen sie ein Kirchenlied („Leiden sei mein Gottesdienst“) oder rennen Lenz’ irre Schuldgefühle zur obersten Zuschauerreihe hin aus und brüllen den Schmerz des Zerrissenen ins Weite …