Kleists Prinz Friedrich braucht Bilder, die sich fein ausbalanciert in genau der Sphäre zwischen Traum und Wirklichkeit bewegen. Richter und sein Ensemble schaffen sie. Sie treffen den Ton einer Geschichte punktgenau, die gerne Wirklichkeit wäre, aber in letzter Konsequenz doch nur kühne Utopie ist … // Main-Echo zu Prinz Friedrich von Homburg
… Der Regisseur misstraut dem Preußen-Pathos in Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ gründlich, und es wäre ja auch eine Verkleinerung, den Text darauf zu reduzieren. Die unberechenbare Wirkungsweise des Traumes, mit der Kleist sein Drama eröffnet, wird in den zweieinhalb Stunden dieser Aufführung kaum verlassen. Mit der Leichtigkeit des Träumers bewegt sich Volker Muthmann als Prinz durch diese Geschichte, ein zarter Feldherr, der mit seinen Offizieren lieber Schabernack spielt als Krieg, der sich die Liebe zur ahnungslosen Natalie aber mit gehöriger Brutalität erobert. Später wird die Natalie von Iris Melamed aus der Opferrolle hinauswachsen und mit soldatischer Zackigkeit für den Geliebten kämpfen, der die Liebe um der Gnade willen doch gerade verraten hat.
Es ist ein träumerischer Tanz auf dem Boden von Gewalt: Klaus Noacks Ausstattung macht die Bühne des Kleinen Hauses zum Schlachtfeld der Jahrhunderte, übersät mit Leichenteilen und Kampfesresten. Die Eiche, unter der Kleist seinen Prinzen träumen ließ, ist entwurzelt, im Hintergrund sieht man den Kurfürstenhof als Kulissenbühne. Im letzten Akt, wenn der Prinz im Park die vermeintliche Hinrichtung erwartet, richtet Noack einen albtraumhaften Hexenspuk an, zu dem Michael Erhards Bühnenmusik geheimnisvoll raunt.
… So unternimmt Richters Inszenierung, für die es nach der Premiere am Samstag kräftigen Beifall und einige Bravos gab, den Versuch, die Bedeutungstiefe des Stückes ironisch zu unterspielen und zugleich den finsteren Untergrund dieser auf Gewalt gründenden Geschichte im Blick zu behalten …
… In Darmstadt rasseln nun die Säbel ganz enorm, und die Uniformen sind nicht gerade von 1675 (wie die Schlacht von Fehrbellin), aber irgendwie aus dem 19. Jahrhundert (wie Heinrich von Kleists Schauspiel). Dazu trägt man Koteletten und sieht überhaupt aus wie einem Roman von E.T.A. Hoffmann entsprungen.
… Ausstatter Klaus Noack zeigt eine Art Schützengraben, neben Schutt liegen ein Totenschädel und ein unangenehm realistischer Unterarm herum. Im Hintergrund scheint eine Menge Glas zerschlagen worden zu sein. Die wenigen Damen in diesem Männerstück veranstalten hier rustikale Picknicks. Der Himmel ist feurig orangefarben, was auch Gelegenheit zu Scherenschnittbildern gibt. Denn Axel Richter … zeigt … Lust an attraktiven Tableaus …
Denn selbst in dieser Runde der sympathischen Sonderlinge fällt Friedrich, sogar für Kleists Verhältnisse ein unkonzentrierter Held, aus dem Rahmen. Dass Volker Muthmann – sieht man vom eklatanten Rotwuschelkopf ab – quasi konturlos bleibt, ist beeindruckend logisch: Hier sucht einer seine Rolle, ist Liebender und Cowboy, Kind und Held, ist wild entschlossen und weiß nicht, zu was. Muthmann zeigt das nicht mit Melancholie und Würde, er zeigt das mit einem Dreh ins Überkandidelte und sportlichen Ohnmachten, er schreitet nicht zur Tat, er hüpft ins Ungeschick. Seine Nathalie, die erblondete Iris Melamed, ist eine reife Frau …
… Axel Richter gibt sich nun am Staatstheater Darmstadt jedenfalls in einem von Heeresmusik untermalten Bilderbogen alle Mühe, das Komische dieses Preußen-Dramas hervorzukehren, das vor Edelmut nur so strotzt – schließlich hat sich Kleist damit die Gunst des Königshauses erschreiben wollen … Im Bühnenbild von Klaus Noack liegen Stahlhelm und bleiche Knochen, geborstene Mauern, Kartoffeln und ein entwurzelter Baum bedeutungsschwer durcheinander, auch die preußischen Damen steigen ungerührt über den Schädel, der später gar als Spielball dient …
Der größte Hampelmann ist Prinz Friedrich von Homburg selbst: ein Egoist, als Erstes. Und dann auch noch ein Spinner, mal poetisch, mal einfach nur doof. Doch zeigt Volker Muthmann nicht nur die fiesen und jammerlappigen Seiten dieses Prinzen, sondern auch, dass Friedrich im Grunde seines Herzens vom Zweifel an seinem Kriegerhandwerk geleitet wird – und am Leben, wenn man so will. Ein langer Schrei des „Nein“ legt sich wie ein Basso continuo unter die allmähliche Verfertigung des sittlichen Menschen Homburg, der sogar die Geliebte fallen lässt, wenn er dafür nur um Gnade winseln darf. Diese Natalie, gespielt von Iris Melamed, hat die Charakterstärke und zielgerichtete Leidenschaft, die ihrem Prinzen die längste Zeit fehlt. Eine Zauberfrau … Das Publikum war begeistert.
… Hat Axel Richter das Schauspiel, das Kleist erst kurz vor seinem Freitod im November 1811 fertig stellte, doch interessant, streckenweise gar fesselnd inszeniert … Traumwandlerische Bilder hat Richter für die Geschichte vom Prinzen von Homburg (Volker Muthmann) geschaffen. Und diesen in expressiven Farben ausgeleuchteten Budenreigen zwischen Traum und Wirklichkeit unterstützt kraftvoll eine geradezu elegisch anmutende Klangspur aus der Feder Michael Erhards sowie ein Bühnenbild (Klaus Noack), das im Vordergrund durchaus real ist, sich in der der Tiefe aber zunehmend im Traumwandlerischen verliert.
Vorne an der Rampe stehen die Zeichen unmissverständlich auf Krieg: Leichenteile, Stahlhelme, zerborstene Mauern und ein Haufen Kartoffeln als Sinnbild für Preußen. Nach hinten indes spricht Klaus Noack eine expressionistische Sprache der umstürzenden Linien und Formen. In dieser Kulisse ist Raum für Schattenbilder, die sich zuweilen ganz weit in die Tiefe des Bühnenraumes bewegen und so fast schon surreale Qualitäten bekommen.
Kleists „Prinz Friedrich“ braucht Bilder, die sich fein ausbalanciert in genau der Sphäre zwischen Traum und Wirklichkeit bewegen. Richter und sein Ensemble schaffen sie. Sie treffen den Ton einer Geschichte punktgenau, die gerne Wirklichkeit wäre, aber in letzter Konsequenz doch nur kühne Utopie ist …
Der homo sapiens gehorcht mehr seinem Triebe und so taucht Richter das Schlussbild der Aufführung auch in die neondurchflutete Wirklichkeit des Darmstädter Theaters, das er von allen Kulissen befreit und bis auf die Feuermauern auszieht. „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“, brüllt die kurfürstliche Truppe dem Publikum entgegen, und dann fällt der Vorhang – über eine Aufführung, die ihre stärksten Momente in der vorletzten Szene hat …
… Ein „narzisstisches“ Stück ums prekäre Ich, in dessen Spiegel … nur noch der Kurfürst (olympisch-jovial: Uwe Zerwer), Tochter Natalie (mit burschikosem Intermezzo: Iris Melamed) und Kottwitz (von komischem Schrot und Korn: Klaus Ziemann) sich profilieren. Muthmanns Homburg gerät farbig, dynamisch, spannend, witzig, kräftig.
Während Klaus Noacks Bühne den Krieg auf erhöhtem Feldherrnhügel hinten bunt aufhübscht wie die Schönheit eines Atompilzes, mischt der abschüssige Vordergrund brutale Kriegstrümmer aller Zeiten …
… Axel Richter … zeigt Kleists von viel eigenem Erleben und Erleiden erzählendes letztes Stück als Traum des Dichters. Einen Albtraum freilich, der jedoch nicht (wie im Original) mit der Versöhnung aller, mit Fanfarenblasen, Lorbeerkranz und Silberkette, dem Jubel der Offiziere und einem glücklichen Brautaar endet, sondern mit zwei Toten: Prinz Friedrich, der zuerst Natalie und danach sich selbst erschießt: Bewusster Abschied von einem Leben, mit dem er nicht zurecht kam …
Klaus Noack, der auch für die schönen Kostüme sorgte, baute Richter ein dem Traumcharakter der Inszenierung entsprechendes … Bühnenbild mit ansteigender Spielfläche: Statt Schlosspark ein vom Feuerschein brennender Dörfer matt erhelltes Schlachtfeld mit geborstenem Gemäuer, einem entwurzelten Baum, Schädeln, Knochen, Kriegstrümmern.
… Volker Muthmann spielt den zuletzt im Büßerhemd auftretenden Prinzen als kindlich-mutwilligen, labilen, ichbezogenen, narzistischen Tagträumer und Nachtwandler: Erst griechischer Heros, dann angstschlotternder Todeskandidat, am Ende „Neugeborener“ in Christuspose … Uwe Zerwer gibt dem durchaus humanen, auch verständnisvollen, aber dem Gesetz verpflichteten Kurfürsten … Statur und Kontur … Iris Melamed ist … eine sprachlich wie darstellerisch stark beeindruckende, entschlossene Prinzessin Natalie.
… Volker Muthmann als rotlockiger Prinz mit imponierendem Backenbart hat schauspielerisch schöne Momente, etwa wenn er in den Traumbildern in Zeitlupe agiert oder wie ein Kasperle aus dem Graben springt und in anrührender Verlorenheit „das Leben nennt der Derwisch eine Reise“ deklamiert.
Iris Melamed als Prinzessin Natalie, zunächst altjüngferlich und bescheiden, steigert sich in eine gute Form, als sie den Kurfürsten, monumental gegeben von Uwe Zerner, um das Leben des Geliebten bittet: „Ich will nur, dass er da sei, frei und unabhängig.“
… Der Schluss aber wartet mit einer klugen Pointe auf: einer Verzweiflungstat der Liebenden im Niemandsland zwischen Wachen, Schlaf und Träumen.