Es sind machtvolle Bilder, die Dew kreiert und die Bühnenbildner Gruber mit wenigen Mitteln und viel Licht umsetzt. Gelegenheit für große Umbauten gibt es nicht, Dew spielt Wagners Anweisungen folgend ohne Pause. Das ist gut so, würde man ansonsten jäh der gespenstischmystischen Stimmung entrissen, die diese Inszenierung vom ersten Moment an erschafft. Großen Anteil haben Beikircher und sein Orchester, die Wagners lautmalerische, intensive Musik … spannungsgeladen und dramatisch, aber nicht zu laut und nicht zu wuchtig intonieren … // Main-Echo zu "Der fliegende Holländer"
… John Dew … betrachtet Richard Wagners Stück als eine romantische Oper, als ein modernes Märchen und mischt darin Fantasy und Science Fiction. Wie aus einem Raumgleiter senkt sich eine gewaltige Treppe in den von Thomas Gruber ausgestatteten Raum, der mit seinen Luken und Seilen einer Schiffswerft gleicht. Der Holländer steigt herab … Er ist plötzlich da, wie ein Gespenst aus einer anderen Welt, innerlich ein Zerrissener, ein Schmerzensmann, der nicht sterben kann, bis er die Frau seines Lebens gefunden hat, ihm treu ergeben bis in den Tod … ein Märchenspiel mit einer gehörigen Portion Schauer-Romantik, die in Wagners Urfassung, worauf sich die Darmstädter Version vorwiegend stützt, bereits angelegt ist …
… Lukas Beikircher, koordinierter Erster Kapellmeister am Staatstheater, … dirigierte … sehr detailbewusst, dynamisch äußerst kontrastreich … Großartig waren die Gesangspartien besetzt. Vor allem Yamina Maamar glänzte in ihren lyrischen wie in ihren mächtig gesteigerten dramatischen Ausbrüchen. Selbst die eher lyrisch begonnene Ballade wusste sie immer zupackender zu gestalten. Wunderbar, wie sie ihrem Hin- und Hergerissensein stimmlich Ausdruck verlieh. Mit ihrer Klangfülle sang sie ihren Partner, Ralf Lukas als Holländer, förmlich an die Wand, der seinen Part eher behutsam anging, niedergedrückt von der Last, durch die Weltmeere zu irren. Sehr natürlich, stets musik- wie textbetont singend, gestaltete der äußerst gewiefte Dimitry Ivashchenko den Daland. Während Zurab Zurabishvili den Erik mit jugendlichem Belcanto-Elan versah. Mit beweglichem Tenor verlieh Markus Durst dem Steuermann Profil, und Elisabeth Hornung stattete die Mary mit einem wohltönenden Alt aus. Jedenfalls ist es nicht übertrieben, diese Darmstädter „Holländer“-Inszenierung auch als ein umjubeltes Fest der Stimmen zu bezeichnen.
… John Dew ist eine ansprechende Inszenierung gelungen, die Lukas Beikircher mit seinem exzellent aufspielenden Orchester Wagners kompositorischen Vorgaben getreu, aber dennoch gemäßigt gestaltet.
Dew ist es gelungen, ein Spannungsfeld aufzubauen, dass den Zuschauer fesselt, obgleich der Holländer im Vergleich zu anderen Wagner-Opern kurz und eher handlungsarm ist. Thomas Gruber hat dem folgend auf ein opulentes Bühnenbild und die schwer umzusetzende realistische Darstellung zweier Schiffe, von denen eines schließlich untergeht, verzichtet. Seine Kreation ist in ihrer Schlichtheit eindrucksvoll. Die Bühne als schwarzer, düsterer Guckkasten gestaltet, ist das Schiff von Daland, das vor einem Unwetter Schutz in einer Bucht sucht …
Wenige Lichtquellen erhellen in allen drei Aufzügen die dunkle Bühne. Einzig der Holländer bringt Licht und Farbe in das triste Leben der Schiffsleute und der Dorfbewohner. Ganz auf die Macht der Symbolik vertrauend, lässt Dew den von Kopf bis Fuß in Blutrot gekleideten Holländer (Kostüme José Manuel Väzquez), der dazu verdammt ist, auf den Meeren zu segeln, bis ihm eine Frau ewige Treue schwört, vom Himmel herab steigen. Sein Schiff ist eine monumentale Treppe. Oben an der blutrot angeleuchteten Reling steht der Holländer. Bevor er auf die Erde steigt, legt er sich wie der Gekreuzigte auf der Treppe nieder. Ergeben in sein Schicksal und auf Erlösung wartend.
Es sind machtvolle Bilder, die Dew kreiert und die Bühnenbildner Gruber mit wenigen Mitteln und viel Licht umsetzt. Gelegenheit für große Umbauten gibt es nicht, Dew spielt Wagners Anweisungen folgend ohne Pause. Das ist gut so, würde man ansonsten jäh der gespenstischmystischen Stimmung entrissen, die diese Inszenierung vom ersten Moment an erschafft. Großen Anteil haben Beikircher und sein Orchester, die Wagners lautmalerische, intensive Musik … spannungsgeladen und dramatisch, aber nicht zu laut und nicht zu wuchtig intonieren …
Dimitry Ivashchenkos Daland ist stimmgewaltig und überzeugend gespielt … Dalands Tochter Senta singt Yamina Maamar … klar, dramatisch und auch in den lyrischen Passagen überzeugend. Schade, dass sie größer als ihr Verehrer Erik (wunderschön differenzierter Tenor: Zurab Zurabishvili) und als der Holländer ist. Das schmälert das herrisch-dramatische Auftreten des Holländers, den Ralf Lukas glaubhaft zwischen Resignation und Hoffnung auf Erlösung schwankend gibt … Großartiges Format beweisen die Chöre unter Leitung von Andre Weiss, die den Matrosenchor zu Beginn des dritten Aufzugs zu einem Höhepunkt der Inszenierung machen …
Eng ist sie, die Welt der Seeleute und der Spinnmägde. So eng, dass John Dew sie für seine Inszenierung von Richard Wagners Der fliegende Holländer am Staatstheater Darmstadt … komplett in den Frachtraum eines modernen Hochleistungsschiffes verlegt, dorthin, wo sonst Container und Autos stehen und Fernsehkommissare Verbrecher jagen …
Man könnte sogar kurzzeitig versucht sein zu fragen: Wer erlöst hier wen? Denn der Holländer erscheint bei Dew im blutroten Edelgewand eines Fantasieherrschers von einem anderen Stern, bringt Glanz, Farbe und Illusionen in die graumausige, nur an Materiellem interessierte Welt der Sterblichen, in der das Ölzeug der Seeleute so stumpf aussieht wie die uniformen Kleider der auf Leistung getrimmten Spinnerinnen. Malerisch breitet er sich mit ausgestreckten Armen auf seiner eigens für ihn in den Raum herabgesenkten Showtreppe aus, wie ein gewisser Gekreuzigter göttlicher Abkunft, der im christlichen Glauben Opfer und Erlöser zugleich ist.
… der herausragenden sängerischen Leistungen von Yamina Maamar als Senta, Dimitry Ivashchenko als Daland und Ralf Lukas als Holländer sowie Zurab Zurabishvili als Erik, Elisabeth Hornung als Mary und Markus Durst als Steuermann … In ausgezeichneter Form präsentierten sich … Chor und Extrachor des Staatstheaters, einstudiert von André Weiss.