… Alle grünen Daumen hoch: Jubel und langer Beifall nach der Premiere … so ersprießlich wie jetzt hat man diesen schrillen Spaß hier noch nicht wuchern sehen. Der junge Regisseur Daniel Ris kennt das Stück auch als Sänger und erweist sich in Darmstadt als Gärtner aus Liebe ... // Darmstädter Echo zu "Der kleine Horrorladen"
… Alle grünen Daumen hoch: Jubel und langer Beifall nach der Premiere … so ersprießlich wie jetzt hat man diesen schrillen Spaß hier noch nicht wuchern sehen. Der junge Regisseur Daniel Ris kennt das Stück auch als Sänger und erweist sich in Darmstadt als Gärtner aus Liebe.
… Daniel Ris gestaltet Szenen und Figuren, über die sonst gerne hinweggespielt wird, mit großer Sorgfalt und Sinn für den Keim des Kinos, der in der Komödie steckt … Tom Wild lebt die Tragikomik seiner Figur so liebenswert naiv aus, dass man zunächst meinen könnte, der Horrorladen stünde nicht in der Skid Row, sondern in der Sesamstraße. Als Seymour aber nach der Pause schließlich Leichenteile in den grünen Gierschlund stopft, wird die Parodie bissiger. Christina Kühnreich beweist als Audrey einmal mehr ihre erfreuliche Wandlungsfähigkeit. Wie sie voll devoter Selbstverachtung mit Handschellen oder Halskrause über die Bühne stöckelt, vom kleinen Glück mit Gartenzwerg und Häkelgardinen auf dem Gästeklo träumt, das ist schrullig, schräg, aber stets auch ein wenig anrührend.
Gerd K. Wölfle stattet den tschechischen Meister Mushnik mit einem osteuropäischem Akzent aus, den er durch die Formel „Lolek und Bolek“ geradezu dadaistisch kultiviert. Hubert Schlemmer darf eine ganze Reihe von Typen gestalten, was ihm mit sichtlichem Vergnügen an der Verwandlungskunst gelingt: vom singenden Penner über die tantenhafte Travestie einer Verlegergattin bis zur Sado-Schmiere jenes Rocker-Dentisten in Fransenleder, der seine Patienten im Lachgasrausch mit rostigem Bohrer foltert.
Für die musikalische Grundlinie sorgen Marie Slomka, Sarah Rögner und Jeannette Friedrich als Soul-Schwestern. Im pop-bunten Look der späten Sechziger kommentieren sie die Story mit frecher Ironie … Die Band um Michael Erhard, der schon vor 17 Jahren im Darmstädter „Horrorladen“ die Musik gemacht hat, setzt den Sound eher zurückhaltend. Schließlich muss an diesem Abend nichts überspielt werden, weil die Inszenierung in ihrer parodistischen Perfektion auch im Detail stimmig wirkt.
Da ist jener Wirsing aus dem Weltall kaum mehr als das Premium-Requisit. Anfangs noch eine witzige Handpuppe wie aus dem Fundus der „Muppet Show“, wächst sich Audrey 2 aus zu einer riesigen Knautschkopfkreatur wie auf der Geisterbahn – mit rot leuchtenden Augen und der Stimme von Jan Andreas Kemna. Drei Spieler bedienen das gefährliche Gewächs, doch als die blonde Audrey den Liebestod als menschliches Düngestäbchen stirbt, muss sich Christina Kühnreich die Tentakeln selbst um den Leib wickeln. Der fröhliche Dilettantismus dieser unheimlichen Begegnung der grünen Art ist die vielleicht schönste Verbeugung des Theaters vor jenem Billig-Kino der Fünfziger, das einst verlacht, heute aber als Trash verehrt wird.
… Lachsalven, mit oder ohne Lachgas, gibt´s … genug, und das liegt an den gut aufgelegten Darstellern, die sich das Schauspieler- und Sängerfutter, das der „kleine Horrorladen“ bietet, bestens munden lassen, bevor sie selbst zu Futter werden: Tom Wilds herrlich vertrottelter Seymour, Christina Kühnreich als bedarftes Herzensseelchen Audrey, der ungarisch akzentuierende Poltergeist Mushnik des Gerd K. Wölfle, Hubert Schlemmer als befranster Macho-„Elvis“ Scrivello, Jan-Andreas Kemna als masochistischer Zahnarztpatient und bluesselige Pflanze „Audrey zwo“ mit Joe-Cocker-Allüren.
Stimmlich ragen vor allem die drei Damen heraus, die in den bunten Sixties-Nummern als ein Art antiker Chor auf High Heels statt Kothurnen backgroundsingend die Sachlage kommentieren, im ausgewogenen Dreiklang: Marie Smolka (Crystal), Sarah Rögner (Chiffon), Jeanette Friedrich (Ronette). Und die Moral von der Geschicht´? Was immer Pflanzen wollen, gib´s ihnen nicht.
Will man ein Stück, das formal von einer gewissen Überzogenheit, Derbheit und Zotigkeit geprägt ist, passend auf die Bühne bringen, muss man dick auftragen. Diese Devise haben Ausstatter und Bühnenbilder beherzigt und ein regelrechtes Tohuwabohu aus dem kleinen Horrorladen nach der Filmvorlage von Roger Cormans „Little Shop Of Horrors“ angerichtet. Buch und Liedtexte stammen im Original von Howard Ashman, die Musik zwischen Rock ’n’ Roll, Musical-Schmelz und Vaudeville hat Alan Menken komponiert. Ehrensache, dass sie in Darmstadt live gespielt wird. Unter der stringenten Leitung von Michael Erhard musiziert das kleine Orchester auf halber Höhe eines Hauses in der Skid Rowe, die Walter Schütze mit verschiebbaren Häuserblocks eindrucksvoll gebaut hat – gegenüber dem Blumenladen von Mr. Mushnik, dessen Kundschaft ausbleibt … Soweit die skurrile Handlung, deren Inszenierung durch Daniel Ris als Farce so schrill und grell geraten ist, wie man ein „Grusical“ zeigen sollte. Die stimmlich bestens disponierte Christina Kühnreich kommt im knallgrünen Plastikmini (Kostüme: Ulrike Rulle) als völlig überdrehte Audrey daher. Hubert Schlemmer im 70er-Jahre-Lederdress braucht eine Dosis Lachgas, um den Tag zu überstehen, geht schließlich in seiner Zahnarztpraxis an einer Überdosis zu Grunde und wird dem Monstergewächs zum Fraße vorgeworfen. Nach erfolgreichem Coup in der Öffentlichkeit mit der Pflanze schließlich tanzen der einen seltsamen slawischen Akzent sprechende Gerd W. Wölfle als Mushnik und Tom Wild, Star des Ensembles in der Rolle des Seymour, einen verwegenen Männer-Tango und erhalten dafür Sonderapplaus des Premierenpublikums.
… Grundgütiger, was war Audrey Zwo am Anfang für ein süßes Ding. Das Brachial-Musical „Der kleine Horrorladen“ von Howard Ashman und Alan Menken – hier werden Menschen nicht nur gefressen, sondern vergast und filetiert … konzentriert sich auch am Staatstheater Darmstadt und in der Inszenierung von Daniel Ris ganz auf die Monsterpflanze. Wie schnappt sie erst eifrig nach dem Finger von Seymour (Tom Wild), wie umschlingt sie nachher gewaltig die dumme, aber liebe Original-Audrey (Christina Kühnreich). Ihre Augen glühen beelzebubisch, wenn Seymour unter Hypnose eine Mahlzeit (MENSCHENBLUT) beischaffen soll. Der berühmte Zahnarzt, Hubert Schlemmer, lässt allerdings wenig Zweifel daran, dass er für die echte Audrey, eigentlich für beide Audreys, tot – also meinetwegen auch aufgegessen – besser als lebendig ist. Alle singen und reimen auf Biegen und Brechen. „Du tust ihm nicht mal Leid, und jetzt ist Essenszeit“, singt Audrey Zwo, die Intrigantin. Eine Combo unter Michael Erhards Leitung macht hinter den Kulissen die Musik dazu …