Pressestimmen Disco

Stolzieren und posieren zum wummernden Beat 

Sie sind beeinflusst von Rap, Justin Timberlake und immer noch Madonna, von Castingshows und Model-Wettbewerben im Fernsehen ... Sie verstellen sich, verwandeln sich im Schutze der Stroboskopblitze, Lichteffekte und des Bühnennebels in Kunstgestalten. Folgerichtig beginnt und endet die Inszenierung mit der Zurschaustellung der Darsteller als Glamourwesen auf einem imaginären Laufsteg, auf dem die Jugendlichen zum wummernden Beat stolzieren, posieren und ihr Revier markieren. Und das machen sie richtig gut. // Darmstädter Echo zu "Disco" 
 

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Andy Warhol hat einmal gesagt, dass jeder Mensch für fünfzehn Minuten ein Star sein kann. Ina Annett Keppel gönnt den Darstellern ihrer Inszenierung von Martin Heckmanns Bühnenstück „Disco“ sogar das vierfache Zeitkontingent. Bei der Premiere am Freitag in den Kammerspielen des Staatstheaters ließ die Regisseurin das zehnköpfige Ensemble des Darmstädter Theaterjugendclubs „Backstage“ eine knappe Stunde lang augenzwinkernd divenhaft und ausgelassen lasziv über die Bühne fegen.

… Sie sind beeinflusst von Rap, Justin Timberlake und immer noch Madonna, von Castingshows und Model-Wettbewerben im Fernsehen. Jugendliche lernen dadurch, dass tatsächlich jeder irgendwie Aufmerksamkeit erregen kann. Deswegen tanzen sie nicht mehr einfach nur in ihrer Disco, sie „posen“ um die Wette. Dabei wiegen sie ihre Körper selbstverliebt im gleißenden Scheinwerferlicht und verlieren sich in Choreografien, die an Aufgesetztheit kaum zu überbieten sind. Sie verstellen sich, verwandeln sich im Schutze der Stroboskopblitze, Lichteffekte und des Bühnennebels in Kunstgestalten. Folgerichtig beginnt und endet die Inszenierung mit der Zurschaustellung der Darsteller als Glamourwesen auf einem imaginären Laufsteg, auf dem die Jugendlichen zum wummernden Beat stolzieren, posieren und ihr Revier markieren. Und das machen sie richtig gut.

Keppels Nachtschwärmer sind von Anfang an aufgedrehte Möchtegern-Stars, die Bühne wird durch sie zum Catwalk. Dadurch kommentiert die Inszenierung Zeitgeisterscheinungen und versetzt das 2001 uraufgeführte Stück in die Realität des Jahres 2007 …

Das Disco-Flair erzeugt die Inszenierung mit einfachen Mitteln: ein bisschen Nebel, ein paar Farbstrahler, eine Discokugel sowie eine Bar mit Hockern machen die Illusion perfekt. Sobald sich Gespräche ergeben, wird den lauten Beats der Saft abgedreht, wer gerade keinen Text hat, verharrt dann in seiner Bewegung. In der Regel dauert das nicht sehr lange, denn die Konversation beschränkt sich auf das Wesentliche: „Bitte?“, fragt sie an der Bar. „Ein Bier“, antwortet er. „Vier“, sagt sie und meint damit den Preis.

In dieser Welt muss Anders, der eine ernsthafte Bindung sucht, als Sonderling erscheinen, und selbst seine Freunde Ernst (Paul Schulz) und Olli (Patrick Bareuther) sehen das so. Mehr als schräge Anmachen und dumme Sprüche haben sie selten drauf. Doch während bei seinen Kumpels die Ruhe nach der bunten und schrillen Dauerparty Angst, Verunsicherung und Aggressionen auslöst, hat Anders ein Ziel vor Augen. Eine Perspektive auch für die Zeit nach der Sperrstunde.

Tanz auf dem Laufsteg, Simon Colin, Darmstädter Echo, 16. April 2007

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… Bunte Achselhandtäschchen sind für die Frauen, die in Heckmanns' „Disco“ noch Mädchen sind, ein Muss, schrille Kleider in Pink und Gold sind es ebenfalls. Der geschmackliche Griff daneben ist gewollte Persiflage. Denn im Glamourlook der achtziger Jahre verirrt sich wohl heute niemand mehr auf die Tanzfläche. Olli, Ernst und Anders beschränken ihre Selbstinszenierung auf enge T-Shirts und Jeans. Ina Annett Keppels Inszenierung beginnt folgerichtig mit einem Catwalk. Jeder sucht die perfekte Pose, um seinen Marktwert zu steigern. In dieser Disco könnte „Darmstadt's Next Topmodel“ gekürt werden. Heckmanns, der für „Disco“ im Jahr 2000 den Jürgen-Ponto-Nachwuchspreis erhielt, hat sein Stück für Jugendliche geschrieben. Seine Disco ist ein Ort der Experimente, Missverständnisse und Kommunikationspannen: „Ich kann dich nicht verstehen, die Musik ist so laut.“ Vor allen Dingen ist sie kein Ort, um „kompliziert“ zu sein. Das muss Anders (Frederik Görtelmeyer), der auch „anders“ ist, schmerzhaft begreifen. Denn während Olli und Ernst die Mädchen abschleppen, verkrampft er als Schwärmer unter Anmachern. Und er trifft ein geheimnisvolles Mädchen, das sich von den anderen unterscheidet. Betrunken tanzt er sich seine Hemmungen zu „Kiss“ von Prince vom Leib …

Halbleere Täschchen, Rainer Schulze, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. April 2007
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