Der Schauplatz, an dem die Gefühle in William Shakespeares Ein Sommernachtstraum ranken wie Unkraut, sich Machtspiele, Wut und Eifersucht entladen, ist ein düsterer Wald, in den man sich nicht des Nachts allein verirren möchte. Der Wald wirkt so, als spiegele er die Ambivalenz der Emotionen, die auf der Bühne gelebt werden. Peter Hailers Sommernachtstraum ist nicht sommerluftig-schwebend, sondern betont die Zweischneidigkeit der Liebe. Eigentlich geht es um Macht, und die wird beeindruckend ausgespielt. // Main-Echo zu "Ein Sommernachtstraum"
Kalte Stahlbäume wachsen in den Himmel, daneben wölben sich schwarz-glänzende Steine, der Wald erstreckt sich weit nach hinten in den Bühnenraum. Nebel liegt wie eine zarte Suppe auf den Steinen, eine barock-feiste Erbsblüte (Stefan Schuster) flitzt in Fellhose über die Bühne, surrt wie eine überdrehte Hummel und verteilt grüne Blätter. Etienne Pluss hat die Bühne im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt in eine düstere Lichtung verwandelt. Der Schauplatz, an dem die Gefühle in William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ranken wie Unkraut, sich Machtspiele, Wut und Eifersucht entladen, ist ein düsterer Wald, in den man sich nicht des Nachts allein verirren möchte. Der Wald wirkt so, als spiegele er die Ambivalenz der Emotionen, die auf der Bühne gelebt werden. Peter Hailers „Sommernachtstraum“ ist nicht sommerluftig-schwebend, sondern betont die Zweischneidigkeit der Liebe. Eigentlich geht es um Macht, und die wird beeindruckend ausgespielt.
Der Elf Puck (Christina Kühnreich), der alles durcheinander wirbelt, trägt wirres schwarzes Haar, er saust diabolisch und listig über die Bühne. Wenn er spricht, dann schreit er meist sehr laut, er guckt kühn und hinterhältig, als habe er zwei Gesichter und als müsse man aufpassen, dass sich hinter dem Lächeln keine fiese Fratze verbirgt. Kühnreich gibt einen unheimlichen Puck, sie spielt mit starker Präsenz, mal düster mit fiesem Schalk, mal mit kurioser Komik.
Es wird oft laut in der Inszenierung. Der Reigen um die jungen Athener entlädt sich im Wald in einem großen Geschrei. „Krankheit kann man sich holen, warum nicht Liebreiz auch?“ fragt Helena, die Britta Hübel sehr stark spielt. Sie ist verzweifelt und dann doch ganz klar, als ihr durch Pucks fatalen Irrtum Lysander und Demetrius den Hof machen. Britta Hübel legt viel Gefühl in ihr Spiel, sie ist wandelbar und spielt bedrückend echt … Lysander (Leander Lichti) gibt den hormongesteuerten, verzogenen Schönling, der heult wie ein trotziges Kind. Demetrius (Tom Wild) wirkt wie ein verwirrter, vergessener Nebenbuhler. Oberon (Matthias Kleinert) ist trocken und macht mit einer Zauberblume seine Frau, die Elfenkönigin Titania (Iris Melamed), in einen Esel verliebt. Brünftig kopulierend hüpft das Paar über die Bühne, die Eifersucht treibt bizarre Blüten …
Der Abend prägt sich ein, neben all den kuriosen, witzigen Szenen hat sich zarte Bösartigkeit über das junge Liebesglück gelegt. Eine starke Inszenierung, die nicht um jeden Preis gefallen will. Die Liebe ist und bleibt am Staatstheater Darmstadt ein Spiel ohne Regeln und keine romantische Phantasie …
… Mit der schwarzen Gestalt der Hippolyta, die am Ende wie unerlöst verschwindet, mit den metallischen Wänden, die sich wieder zum Palast zusammenschließen, nachdem sie auf der vielbewegten Drehbühne (Bühne und Kostüme: Etienne Pluss) zum Wald der Feen, Drolle und Liebenden geworden sind, schlägt Hailers Inszenierung die Brücke zur pragmatischen Athener Welt. Ansonsten nimmt diese, samt dem Spiel der Handwerker, weit weniger Raum ein – es geht um den nächtlichen Zauber-Exzess im Wald, wo das Glück ins schiere Unglück zu kippen droht und umgekehrt. Dabei bleibt … viel Raum für komische Einfälle, die das Publikum sehr erheitern. Dass Iris Melamed und Matthias Kleinert nicht nur das Athener Zwangspaar, sondern, wie es meist Sitte ist, wenn Shakespeares schwarze Elfenkomödie gegeben wird, in Doppelrolle auch Titania und Oberon spielen, tut seines dazu: In der Nachtseite nämlich ist Titania im schwarzen Seidenhemdchen eine Leidenschaftliche, und sie liebt Oberon genauso, wie sie dann, von der Wunderblume verzaubert, lustvoll kreischend über den wunderbar komischen eselsköpfigen Zettel (Hans Matthias Fuchs) herfällt. Als weißgekleideter Oberon hat Kleinert sein Reich so einigermaßen im Griff, ein Hauch Ironie aber ist zu spüren, zumal wenn er, wie ein überforderter Manager, die wahren Liebenden zueinanderbringen will.
Erotisiert sind sie in diesem Spiel schließlich alle, sogar Puck, der seinem Herrn sehr zweideutig um den Hals fällt: Christina Kühnreich spielt ihn als kindlich bösen schwarzen Struwwelpeter … das junge Liebespaar Hermia (Julia Glasewald) und Lysander (Leander Lichti), sie reizend hingebungsvoll, er typisch jugendlicher Wirrkopf. Und was der wütende Demetrius (Tom Wild) in Unterhosen brüllt, ist letztlich vielleicht egal. Schließlich liebt er ja, dank Oberons Zauber, dann doch die Richtige, nämlich Helena (Britta Hübel), die am Höhepunkt der Verwirrungen Gift und Galle spuckend einen großen Auftritt hat. Die Liebe, dafür scheint der wie Puck, die Fliege, summende Elf (Stefan Schuster) zu stehen, kann zuweilen lästig sein wie eine Schmeißfliege und schmerzhaft wie ein Bremsenstich …
… die Inszenierung von Peter Hailer … kommt mit knapp zwei Stunden aus, sie zelebriert nicht, und sie hebt keinen Schatz, aber sie packt zu mit sicherem Griff. Unter ihrem Witz liegt eine Schicht Bitterkeit. Vor allem geht sie ohne Umschweife zur Sache. Jo Kärn als regieführender Handwerker Squenz redet schon los, während das Publikum noch plappert, zur Pause unterbricht das Saallicht brüsk die Schummrigkeit …
Zu sehen ist deutlich, dass der weltliche Herrscher Theseus im Begriff ist, eine Frau zu heiraten, die ihn nicht liebt. Iris Melamed zeigt Hippolyta als verstummte Scheherazade, fehl am Platz in diesem silbrig-zementfarbenen Palast (Ausstattung: Etienne Pluss). Matthias Kleinert ist ein schöner und lässiger Theseus in Schneeweiß. Dahinter guckt der Gewaltherrscher heraus, wenn die Umstände – unbotmäßige Untertanen zum Beispiel – es erfordern. Heiter und fair wird es nicht sein, das Leben in Athen.
Erst als die Präliminarien geklärt sind, die Väter und Herrscher in dieser Männerwelt die ersten Machtworte gesprochen haben und die noch nicht optimal sortiert verliebten Paare sich in den Wald absetzen, kommen Handlung und Drehbühne in Schwung. Der Boden ist nun mit Blättern (schon herbstlich) bedeckt, schlüpfrige schwarze Steine liegen herum. Der Sommernachtswald ist hier ein Ort, an dem man sich sofort total gehen lässt, schon reißen sich die Fliehenden sinnlos, aber entschlossen die Oberbekleidung vom Leib, und obwohl Demetrius Helena noch nicht leiden mag, fällt Tom Wild probeweise schon einmal über Britta Hübel her. Die wohlerzogenen jungen Leute sind bald gar nicht mehr adrett, Hübel und Julia Glasewald als Hermia werden von Wild und Leander Lichti als Lysander nur mit Mühe am Boxkampf gehindert. Die Männer lassen die Hosen runter und beschimpfen sich und die Frauen, es ist wirklich peinlich und ihr Glück, dass sie hinterher nichts mehr davon wissen werden. Im Hintergrund ziehen ab und zu – sehr witzig – der mit einem Eselskopf versehene Zettel (wohlgemut in allen Lagen: Hans Matthias Fuchs) und Titania vorüber, die offenbar die Nacht der Nächte verbringen. Die Liebe ist ja gar nicht geduldig und freundlich, und sie verletzt durchaus den Anstand.
Die Ver- und Entwirrung dirigiert Kleinert als Feenkönig Oberon, der nicht vorgaukelt, er würde sich von Theseus unterscheiden. Elfen schikaniert er mit einem Verzauberungs-„Pfft“, nur sein bester Mitarbeiter Puck, Christina Kühnreich höchst leicht und geschmeidig, darf auf Milde hoffen …
… Statt Felsen hat Ausstatter Etienne Pluss amorphe Klumpen im Bühnenraum verteilt, glänzend schwarze Fladen wie von Claes Oldenburg für ein Pop-Art-Interieur gemacht … Hermia (Julia Glasewald) soll Demetrius heiraten, liebt aber Lysander. Helena droht leer auszugehen und wird nach einschlägiger Verzauberung zum Objekt der Begierde beider Männer. Was Helena herbeigesehnt hat, empfindet sie nun wie Spott. Britta Hübel verleiht dem Zorn über die Verachtung und dem Schmerz über die Verhöhnung kraftvoll Ausdruck. Dem stellt Iris Melamed die Melancholie der Amazonenkönigin Hippolyta, die Theseus heiraten soll, und das Entsetzen der Feenkönigin Titania, die sich im Rausch mit einem Esel paart, verhalten, aber eindrücklich entgegen. Es sind diese drei Frauenfiguren, die dem Abend Charakter geben.
Die Handwerker, die im Wald ihre Travestie einer Tragödie proben und dabei in ihrem Dilettantismus das Theater als szenische Laubsägearbeit verpfuschen, sind eine liebenswert tüddelige Truppe. Jo Kärn sitzt als Squenz wie Hitchcock im Regiestuhl, Klaus Ziemann ist als Pfeifer so gerührt, dass er Squenz immer wieder die Glatze küsst. Gerd K. Wölfle spielt den Löwen mit Sauerkrautfrisur, Tilman Meyn mit Buckel und Bauch die Wand, und Hans Matthias Fuchs trägt als verzauberter Zettel einen Eselskopf, der ihn aussehen lässt wie Alf.
An der Verwirrung, die er mit seiner Zauberblumenmagie stiftet, hat Oberon bald keine Freude mehr. Matthias Kleinert spielt den Elfenkönig und sein Athener Pendant Theseus mit einer Strenge, die wenig Skrupel kennt. Es ist wohl eher die Langeweile, die Oberon dazu bringt, den Zauber genervt abzublasen. Dabei hat sich Puck doch so viel Mühe gegeben, Unfug zu stiften. Ganz in Schwarz und mit Sturmseitenscheitel sieht Christina Kühnreich aus wie Heinrich Hoffmanns fliegender Robert, der in einer Gothic-Band mitspielen will. Sehr dienstbeflissen und selbstzufrieden ist dieser Kobold, servil und stolz auf seine Späße …
Träume scheinen es Hailer angetan zu haben … Hailers Regie jedenfalls erzählt geradlinig und bequemt sich so der Handschrift des Hauses aufs schönste an, ohne sich vom Stück zu blühend-barockem Allegorisieren für die Wissenden verführen zu lassen … Zum Teil verdankt sich das dem Bühnenbild von Etienne Pluss, der das Athen des mythischen Fürsten-Halbgotts Theseus als neusachlich-kühle Konzernlounge aus silbrigen Soffitten-Säulen mit Darstellern in Fünfziger-Jahre-Kostümen anlegt (die jungen Frauen zuletzt in eklatanten Doris-Day-Frisuren), nebst entsprechendem Rollsessel für Matthias Kleinert als grandseigneuralem Theseus und einem Schminktisch mit Spiegel für Hippolyta im Callas-Look. Gespielt von Iris Melamed, wird sie auch als verzauberte, gedemütigte Titania ihr Kleid aus der Menschenwelt behalten, als seien Frauen sowieso Natur, der Feenwelt also per se näher. Kleinert als Oberon bewahrt hingegen bloß die wohlwollend fürstliche Haltung. Wenn die Drehbühne in Aktion tritt, die „Kinoleinwand“ der Adenauerzeit auffährt und den Wald der Liebesflüchtigen vor Athens Haustür freigibt wie einen Kinotraum aus „Sissi“- und „Piroschka“-Zeiten, wandern auch die baumhaft werdenden Säulen zur Mitte und formen einen flexiblen Urwald, der, trotz Laub und diffusem Licht, relative Klarheit spiegelt.
Mit mildem Spott setzt Hailer Squenz, den Handwerker-Spielleiter (Jo Kärn), eingangs in einen Regiestuhl, bevor er sich die üblichen Scherze mit den Tröpfen leisten wird. Wichtiger ist Hailers Ausdeutung der Hauptfiguren, zumal des quirlig-androgynen Helfergeistes Puck, den Christina Kühnreich als blassen Methodisten-Lausbub in schwarzen Klamotten mit Elisabethanerkragen gibt, voller Grillen und, mit übertriebenen Sportläuferbewegungen, den Dingen hinterherwetzend. Die jungen Paare fügen sich einem Backfisch-Habitus wie Juniorchefs den väterlichen Firmenleitern und ihren Gespielinnnen. Helena (Britta Hübel) trägt ihr anfängliches Ungeliebtsein durch Demetrius (Tom Wild) im hässlichen Kleid spazieren und mimt den Kritiker, wenn sie sich ihr Elend haarklein in den Spiralblock schreibt, um nicht beiseite monologisieren zu müssen. Julia Glasewald als Hermia gefällt besser als vielleicht je, Leander Lichti als Lysander ist, wie stets, souverän und verspielt.