Mark Adler gelingt eine rundum überzeugende Verkörperung der Titelfigur. Als alter Mann betritt er humpelnd die Bühne, als strahlender Jüngling gibt er sich seinen Träumen hin, als gebrochener Mensch sucht er schließlich den Tod. Adler setzt seinen klangvollen Ton äußerst biegsam ein, vom metallischen Forte bis zum zarten Pianissimo reicht seine Ausdrucksskala. // Darmstädter Echo zu "Faust"
… Philipp Kochheim verzichtet in seiner Neuinszenierung der Oper Faust von Charles Gounod am Staatstheater Darmstadt auf hergebrachte Zutaten wie Teufelsmaske und vordergründige Zaubertricks, er setzt vielmehr auf die menschlichen Abgründe, die sich heute wie eh und je auftun, wenn Machtstreben und Verführbarkeit im Spiel sind.
Thomas Grubers Bühnenbild hilft der Konzentration aufs Wesentliche. Wendeltreppen flankieren die Spielfläche, ein breiter Treppenaufgang im Hintergrund führt zu einer Galerie. Mit Liebe zum Detail hat Gruber den kleinen Raum der Marguerite ausgestattet, der immer wieder in der Versenkung verschwindet. Feine Schattenrisse zieren die Wände der Idylle, rosa Farbtöne bestimmen das Interieur bis hin zum Telefon, und selbst das Fahrrad, mit dem Gretchen unterwegs ist, strahlt in pinkfarbener Lackierung.
Der Regisseur macht deutlich, wie trügerisch diese scheinbar heile Welt ist, wenn sich auf dem Bett in der Klause des Mädchens abwechselnd alle Hauptakteure tummeln, bis hin zur Nachbarin Marthe, die hier mit Mephisto kokettiert …
Martin Lukas Meister, Erster Kapellmeister am Staatstheater, setzt mit dem aufmerksamen Orchester die romantische Partitur sehr hellhörig um … Dabei wahrt er sorgsam die Balance zwischen Graben und Bühne, so dass die Sänger sich frei entfalten können.
Dimitry Ivashchenko ist als Méphistophélès die alles beherrschende Figur, gefährlich auftrumpfend mit schwarzem Bass, durch beredte Gestik die teuflischen Ziele unterstreichend; selbst die Zuschauer in der ersten Reihe bezieht er bei seiner Serenade ins tückische Spiel ein. Mark Adler gelingt eine rundum überzeugende Verkörperung der Titelfigur. Als alter Mann betritt er humpelnd die Bühne, als strahlender Jüngling gibt er sich seinen Träumen hin, als gebrochener Mensch sucht er schließlich den Tod. Adler setzt seinen klangvollen Ton äußerst biegsam ein, vom metallischen Forte bis zum zarten Pianissimo reicht seine Ausdrucksskala. Anja Vincken versetzt sich anrührend in die Rolle der naiven Marguerite, die in ihrer Liebe grausam missbraucht und dem Elend überlassen wird. Sie gestaltet ihre Partie sehr intensiv ... Als ihr Bruder Valentin macht Werner Volker Meyer eine stattliche Figur, stimmlich wie darstellerisch präsent. Inna Kalinina ist die kokette Marthe, die es selbst mit dem Teufel aufnehmen kann.
Der Sopranist Robert Crowe verleiht der Partie des jungen, verliebten Siébel eine eigene Note, makellos singend und gewandt spielend. Hans-Joachim Porcher erfüllt stimmlich und mimisch routiniert seine Aufgabe als Barmixer: in diese Rolle wird der Famulus Wagner hier gedrängt.
Der von André Weiss trefflich vorbereitete Chor schlüpft gewandt und sicher in die verschiedensten Positionen: Barbesucher, Passanten, Kirchgänger, Soldaten, Geister. Ein ganzes Panoptikum wird hier mit Überzeugungskraft präsentiert. Am Ende … gab es einhelligen, mit Bravorufen durchsetzten Beifall, in den neben den Darstellern auch das gesamte Leitungsteam einbezogen wurde.
… Philipp Kochheim versetzte den Vierakter in eine Albtraumatmosphäre, die Faust und Gretchen unabhängig voneinander durchleben und durchleiden. Faust, Mephistos Phantasmagorien schließlich ebenso überdrüssig wie zu Beginn der letztlich erkenntnisarmen Wissenschaft, vergiftet sich am Schluss doch noch – nachdrückliches Bild eines einsamen Verzweiflungstods.
Fausts Verwandlung vom körperlich mitgenommenen Greis zum lebens- und liebestüchtigen jungen Mann ist man gewohnt, weniger Margaretes Metamorphose von einer hyperaktiven Mischung aus Barbie und Lolita … Auch Mephisto verwandelt sich allmählich von einem gerissenen Top-Manager im Businessdress zum schwarzen Magier mit scharfem Scheitel. Selbst Thomas Grubers Bühnenbild mit der längst klischeehaften Hotelhalle als Zentrum verflüssigt sich wie in einer irrealen Traumbilderfolge …
Doch in seiner einfalls- und bilderreichen, schlüssig durchmodellierten Inszenierung vermeidet Kochheim jede Eindeutigkeit, sodass Albtraum und Realität in der Schwebe bleiben. Vier Tänzerinnen als Mephistos Teufels-Azubis erinnern in Paula Ebelings Choreografie an das Ballettflair der französischen Oper.
… Der Darmstädter Staatstheaterchor … profilierte sich stimmlich und darstellerisch makellos. Die Sängerpartien waren hauseigen besetzt – mit einer ungewöhnlichen Ausnahme. Margaretes Verehrer Siebel … war der international als Barocksänger profilierte amerikanische Sopranist Robert Crowe im plausiblen Porträt eines zartstimmigen und -fühlenden, noch nicht ganz erwachsenen Mannes aufgeboten.
Überragt wurde das Sängerteam vom Mephisto, des aus Sibirien stammenden Dimitry Ivashchenko, der mit seinem raumgreifenden Bass mannigfaltige Nuancen der Verruchtheit einer zerstörerischen Intelligenz auffächerte. Der Berliner Mark Adler fand als Faust allmählich über eine Höhenschärfe hinweg und gewann an lyrischem Tenorschmelz. Anja Vincken aus den Niederlanden (Margarete) … entfaltete … immer mehr die dramatische Potenz ihres Soprans. Der in Frankfurt ausgebildete Werner Volker Meyer gab Margaretes Bruder Valentin baritonale Fülle und Kernigkeit. Sämtliche Sänger, auch in den kleineren Rollen von Marthe Schwerdtlein (Inna Kalinina) und Wagner (hier als Hotelbarmixer: Hans-Joachim Porcher), profilierten sich mit ausdrucksvoller Körpersprache …
Philipp Kochheim … sieht im Zentrum des bei vielen als frömmelnd-süßlich geltenden Werks eine Art Doppelprojektion trügerischer Ansprüche Fausts und Gretchens gegenüber ihrem Lebensentwurf. Der eine ist ein lahmer, selbstquälerischer Wissenschaftsesel, hinkend wie ein Teufel, der mittels des mephistophelischen Vertragsgeschäfts sich zu einem alles mal ausprobieren wollenden Berufsjugendlichen mausert. Zwar bleibt er nur ein präpotenter Zaungast der bunten Seiten des Lebens, aber die Sache mit Gretchen, die geht ihm dann doch an die Nieren.
Das sollte auch so sein, denn ansonsten hätte die lyrische Qualität Gounods keinen Anhaltspunkt gehabt; und der genau die Partitur ausleuchtende Martin Lukas Meister mit dem sehr gut disponierten Opernorchester nicht allzu viel zu tun bekommen …
Zum Ende hin … ist der schön helle … Tenor Mark Adlers richtig in Fahrt … Einen warmen, biegsamen und vibratoreichen Ton hat Anja Vincken (Gretchen), die sich in Volumen und Strahlkraft immer mehr steigert …
Am souveränsten und in allen Aspekten ernst zu nehmen ist der Mephisto, den Dimitry Ivashchenko gibt. Er hat die ideale, kühlamüsierte Präsenz für diese wissende, über die Menschen aufgeklärte Rolle. Ein Phänomen ist die Besetzung des unglücklichen jungen Gretchen-Liebhabers Siebel. Diese Partie … wird in Darmstadt von einem Sopranisten, Robert Crowe, gesungen. Stünde es nicht schwarz auf weiß im Programmheft – man hätte auf eine sehr männlich sich gebende Sopranistin mit einem kernigen, herrlich freigestellten, zur Koloratur befähigten Organ geschlossen. Stimmlich sehr gute Eindrücke hinterließen auch der Valentin Werner Volker Meyers sowie die Marthe von Inna Kalinina. Hans-Joachim Procher sang sehr solide den Wagner in der Kirmes-Szene. Exzellent waren die Choristen …
… Jetzt zieht das Staatstheater Darmstadt mit einer poppig bildersatten Inszenierung nach ... in der Philipp Kochheim die Protagonisten in markante Typen verwandelt … Deren Alpträume sind die Essenz, um die sich die Inszenierung des Oberspielleiters am Staatstheater rankt und die mit einer ideenreichen, überzeugenden Mixtur aus Zurückhaltung und Provokation, Moderne und Klassik, Klischee und Innovation kokettiert. Kontraste, die Martin Lukas Meister mit seinem exzellenten Orchester in eine akzentuierte, gleichwohl flüssig gespielte Musik übersetzt.
Fausts Nachtmahr schlummert schon in der ersten Szene: Mark Adler als Professor mit Zottelhaar bejammert im geschmackvollen – und im Verlauf erstaunlich wandelfähigen – Studierzimmer mit Büchern, Bonsai, Orchideen und den wohl unvermeidlichen Wendeltreppen sein Alters-Los – und träumt von der Liebe, Jugend. Voilà, Méphistophélès taucht aus dem Nichts auf, umspielt von katzenhaften Vampirinnen und bietet Liebe im Tausch gegen die Seele. Andreas Daum ist ein markanter Böser … Er lebt Satan, lacht hässlich, ein gnadenloser Herrscher. Ihm folgen sogar Blinde blind und heben ihre Stöcke zum demütigen Gruß: Vom sehr guten Chor bis hin zum Dirigenten instrumentalisiert Kochheim eindrucksvoll und konsequent Akteure für die Zwecke des Bösen.
Satan lässt also seine Vampirinnen – die vier Tänzerinnen verkörpern perfekt das dämonische Element – Faust in einen sportlichen Jungspund verwandeln, dessen Hemd über dem Bäuchlein spannt. Nicht perfekt, aber immerhin. Faust´ Seele aber bekommt er nicht: Nirgendwo zeigt sich das eindrucksvoller als im zweiten Akt, wenn Adler in Marguerites Zimmer eine traumschöne Liebes-Arie singt.
Eben diese rosarote Kammer (Bühne: Thomas Gruber) symbolisiert treffsicher Traum und Alptraum zugleich. Sie taucht aus dem Boden auf und verschwindet in der Tiefe, entstehenden und vergehenden Wünschen gleich. Designt haben sie Jungmädchen-Ideale: Vom Bettzeug bis zur Blume ist bei Zara-Kundin (die Tüte verrät den Klamotten-Laden) Marguerite alles rosa – ihre Zukunftsträume mit Faust sowieso. Anja Vincken ist mit ihrem weichen, dunklen Sopran eine süße Marguerite. Und keine Frage, dass der in sie verliebte Siebel mit Jeans und Shirt für die modische Frau keine Wahl ist. Dabei passte der empfindsame, fürsorgliche Mann besser als Faust zu ihr. Doch die Gefühle wollen anderes. Nur: Der Doktor zielt lediglich auf ein Schäferstündchen im rosa Bett – während sich Mephistopheles als böser Kontrast mit den Vampirinnen auf dem Hausdach räkelt. Siebels Part singt bemerkenswerterweise ein Mann, was selten ist: Doch Robert Crowe begeistert mit glockenreinem Sopran.
Den Alptraum aber macht ein anderer perfekt: Als Moralapostel im Bischofsgewand verdammt Méphistophélès die ungewollt Mutter Gewordene. Da kocht der Hexenkessel über. Marguerite erdrückt verzweifelt ihr Kind – und die Walpurgisnacht entartet zur skurrilen Sex-Party (höllisch gute Kostüme: Bernhard Hülfenhaus). Punkig-rockige Höllianer treiben Gruppen- und Peitschen-Spielchen, konterkarieren so Marguerites Gefühle. Und einmal mehr amüsiert sich der Teufel von höherer Warte – der Wendeltreppe – aus über das Treiben. Am Schluss lacht er nicht mehr: Obwohl Valentin (glänzend: Oleksandr Prytolyuk) Marguerite sterbend verflucht, stirbt sie im Vertrauen auf Gottes Gnade. Und Faust leert jenen Giftbecher, den er schon am Anfang in Selbstmordabsicht gemixt hat. Ein Aufwachen aus dem Alptraum gibt es nicht: Damit findet Kochheim ein folgerichtiges Ende für eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte.
… Mark Adler, der zu Beginn als mit der ganzen Welt zerfallener, zerknitterter, uralter Faust auf den Stock gestützt hinkend die von Thomas Gruber ausgestattete Bühne betritt und sich missmutig hinter seinen Büchern und alchimistischen Gerätschaften verschanzt, mutiert nach Mephistos selbstherrlichem Auftritt und unter Mithilfe von dessen flinken Nachwuchs-Teufelinen überraschend schnell zum erlebnishungrigen jungen Mann, der um einen hohen Preis seine Jugend noch einmal zurückbekommt und teuer bezahlt … Adler besticht …mit Tonsicherheit und tenoralem Glanz …
Marguerite haust hier nicht im bescheidenen Kämmerlein, sondern in einem asiatisch angehauchten, elegant möblierten, rosaroten Single-Domizil mit französischem Bett, auf dem Faust wie Mephisto sich´s wohl sein lassen. Die Verwandlung vom hässlich gekleideten kessen Teenager zur verachteten und verspotteten Frau, die aus Verzweiflung zur Mörderin wird, gelingt ihr überraschend gut: Eine unbarmherzig Ausgegrenzte, die außer von Siebel, den der begabte junge Countertenor Robert Crowe singt, von allen gemieden und zuletzt auch von ihrer einzigen „Stütze“, der allein selig machenden Kirche, verlassen und verdammt wird.
Marguerites großes Duett mit Faust, die letzte Szene im Gefängnis, stellt … den Höhepunkt des Abends dar, der nach der Pause an Dichte und Aussage entschieden zunimmt. Auch im Graben … Prächtig … wieder der von André Weiss sauber einstudierte Chor des Staatstheaters.
Höchst eindrucksvoll präsentiert sich der vielleicht etwas zu geschniegelte und gelackte, aber stimmlich wie darstellerisch überzeugende Mephistopheles Dimitry Ivashchenkos, der bei Kochheim wie ein erfolgreicher Geschäftsmann auftritt: Ein alles genau beobachtender und im Hintergrund straff die Fäden ziehender, aalglatter Teufel, der sich aufs Eleganteste beliebt zu machen und seine höllischen Künste aufs Raffinierteste vorzuführen versteht. Eine glänzende Leistung!