Hermann Scheins ... Zugriff ist weniger spektakulär überraschend als von zäher Genauigkeit. Der Regisseur als Menschenkundler erforscht seine Figuren mit großer Akribie, und plötzlich sieht Ibsens Text ganz neu aus. Die drei Akte sind in zwei pausenlosen Stunden raffiniert miteinander verbunden zu einer organischen dramatischen Komposition, die bis zum Ende ihre Spannung hält. // Darmstädter Echo zu "Nora oder ein Puppenheim"
… Und doch ist „Nora oder Ein Puppenheim“ in Darmstadt so spannend, wie man das Stück lange nicht gesehen hat … Karin Klein in der Titelrolle, ganz entschieden das dramatische Zentrum dieses Abends, spielt eine Frau, die sich entschlossen hat, glücklich zu sein. Dass der Mann in ihrer Gegenwart einen kindlichen Ton anschlägt und von Eichhörnchen und Zwitscherlerche flötet, erträgt sie wahrscheinlich in der Gewissheit, dass Torvald nicht oft daheim ist. Wenn sie ihrer Freundin Kristine Linde von seiner Karriere berichtet, richtet sie sich auf und wirft sich ein wenig unsicher in Pose, als wolle sie die Rolle der Bankdirektorsgattin üben. Um diesem Mann eine lebensrettende Reise zu bezahlen, hat sie eine Unterschrift gefälscht und so den Kredit Krogstads erhalten. Jetzt soll Krogstad aus der Bank rausgeworfen werden, und er erpresst sie.
In einem ausdrucksstarken Spiel der Tonfälle und Gesten zeichnet Karin Klein das Porträt einer Frau, die glaubt, die Krise selbst meistern zu können … Der Schauspielerin gelingt eine ebenso überzeugende wie anrührende Studie, die nach der Premiere am Freitag mit vielen Bravos gefeiert wurde. Und Andreas Manz als Torvald Helmer ist ein starkes Gegenüber – ein selbstgefälliger Patriarch, ebenso dünnhäutig für eigene Verletzungen wie dumpf für die Gefühlsregungen der anderen. Manz spielt die Nervensäge, aber er opfert die Rolle nicht der Karikatur …
Auch die anderen Figuren haben in dieser Aufführung ihre eigene Geschichte. Uwe Zerwers Krogstad ist ein müder Aufbegehrer gegen die vorgeblich gute Gesellschaft, die ihn ausgestoßen hat, Gabriele Drechsel gibt ihrer Kristine Linde den trockenen Sarkasmus erlittener Enttäuschung und lässt diese Frau aufblühen in der neuen Zuneigung zu Krogstad. Deren Liebe, ahnt man, könnte ein ehrlicheres Gegenmodell sein zum Puppenheim im Hause Helmer. Den todkranken Doktor Rank macht Harald Schneider zur sympathischen tragikomischen Figur.
Diese Geschichten entwickelt Hermann Scheins Inszenierung mit feiner Detailarbeit und stimmungsvoll ausgekosteten Situationen. Sein Zugriff ist weniger spektakulär überraschend als von zäher Genauigkeit. Der Regisseur als Menschenkundler erforscht seine Figuren mit großer Akribie, und plötzlich sieht Ibsens Text ganz neu aus. Die drei Akte sind in zwei pausenlosen Stunden raffiniert miteinander verbunden zu einer organischen dramatischen Komposition, die bis zum Ende ihre Spannung hält.
Großen Anteil an diesem stimmigen Eindruck hat auch Stefan Heynes eindrucksvolles Bühnenbild, das die Deutung der Geschichte symbolisch fördert und dieser Deutung zugleich hilfreiche Spielflächen schafft. Das dunkle Holz signalisiert bürgerliche Behäbigkeit, in der symmetrischen Anlage meint man den Ordnungssinn des Hausherrn zu spüren, zugleich aber wirkt die Anordnung von Treppen wie ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg gibt …
… Ausstatter Stefan Heyne macht aus dem Heim der Helmers ein holzgetäfeltes Treppenlabyrinth, eine gewaltige, Skulptur gewordene Escher-Grafik, verwirrend und düster, pompös und grotesk zugleich, mit einem Wort: ein starkes Bild. Hier lässt sich die Familie zur Hausmusik nieder, Papa Torwald spielt ganz allerliebst dazu auf seiner Klampfe, und das Glück, so scheint es, höret nimmer auf. Karin Klein ist als Nora das hübsch tirilierende „Singvögelchen“ mit kleinen Lastern, das in engen Jeans und auf halsbrecherischen Absätzen dem Shopping frönt, eine Frau, die ab und an mit Hausfreund Doktor Rank (Harald Schneider) flirtet, eine Liebende, die die Welt sieht, wie es ihrem Bild von ihr gefällt, treu an der Seite ihres bigotten, von Andreas Manz trefflich verkörperten Mannes, eine Heuchlerin am Ende in dessen auf die makellose Fassade fixierten Augen, die gelogen und betrogen hat und nun von Krogstad (Uwe Zerwer) erpresst wird. Naiv aber ist diese stinknormale Ehefrau nicht, auch wenn es ihr am Realitätssinn der verhärmten, vom Leben ernüchterten Kristine Linde (Gabriele Drechsel) vielleicht vorsätzlich ein wenig mangelt. Für ihr Puppenheimdasein indes hat sie sich ganz offensichtlich frei entschieden. Und doch steht diese Nora plötzlich neben ihrem Helmer wie vor einem Fremden. „Warst du denn nicht glücklich hier?“, wird er am Ende fragen. „Nein, nur lustig.“
Wie fabelhaft beziehungsweise deprimierend unbeschadet Henrik Ibsens „Nora“ die 128 Jahre zwischen damals und heute überdauert hat … war nun im Darmstädter Staatstheater zu bestaunen. Fabelhaft ist das mit Blick auf die Funktionstüchtigkeit eines Dramas, dessen Dialoge und Volten noch heute ein Publikum empört auflachen lassen können. Deprimierend ist das, weil vielen noch heute die verlogene Zwitscherlerchen-Beziehung der Helmers bekannt vorkommt.
In Darmstadt verlässt sich Regisseur Hermann Schein auf diese Lebendigkeit des Stücks, lässt es unaufdringlich im Heute spielen. Er zieht gewiss die Fäden, aber er legt keinen Wert darauf, dass man viel von ihm selbst sieht dabei. Stattdessen sieht man ein Bühnenbild von Stefan Heyne, in dem sich zwei große Holztreppen unbrauchbar zur Decke fortsetzen und hinter einem Vorhang eine zweite Zwillingstreppe auftaucht: eine raffinierte Mischung aus Escher-Bild, Pseudo-Labyrinth und neugotischem Monsterwohnambiente. Schließlich hat sich Advokat Helmer gerade beruflich verbessert. Nur die Möbel sind noch schäbig.
Das ist das nicht sehr gemütliche Puppenheim von Karin Klein als kulleräugiger Nora, die aber schnell klärt, dass hinterm Eichhörnchen eine Kämpferin steckt. Sie neigt zum Wegtreten, ist dann vielleicht ein Schamane oder Vogel. Sie lacht, sie ist nicht glücklich. Ihrem Mann tritt sie als Verführerin entgegen. Das passt zu Helmers spießigen Erotik-Fantasien. In die sanfte Stimme von Andreas Manz mischt sich Schärfe. Er ist nicht nur ein Langeweiler, sondern er muss sich auch noch zusammenreißen, um nicht, tja was, brutal oder laut zu werden … Nach Noras unorthodoxem Abgang bleibt Helmer belämmert zurück. Schein muss nicht auf den Putz hauen, um eine klare Meinung zu vertreten: Diese Frau wird es nicht bereuen, diesen Mann verlassen zu haben.
… Rund zwei Stunden zeigt das Staatstheater Darmstadt im Kleinen Haus „Nora oder Ein Puppenheim“, es ist keine Minute langweilig … Andreas Manz spielt Torwald als einen nörgelnden Ehemann, der immer mit dem erhobenen Zeigefinger wedelt und dem Schein wichtiger ist als Sein, seine Stellung als neuer Bankdirektor mehr wert als die Liebe seiner Frau. Doktor Rank (Harald Schneider), der Hausfreund, ist der einzige mit dem Nora wirklich reden kann und Frau Linde (Gabriele Drechsel) ist eine Frau, der das Leben übel mitgespielt hat, die sich trotzdem ihre moralischen Werte erhalten hat.
Die Inszenierung ist temporeich, sie bewegt sich unheilvoll auf die Katastrophe zu. Das massive holzvertäfelte Treppenhaus, das auf der Bühne steht, wird mehr und mehr zum beklemmenden Schauplatz. Die häusliche Idylle wird zur Lüge. Nora ist nichts als schmückendes Beiwerk, ein lebendiges, immer fröhliches, überdrehtes Accessoire.
Karin Klein wandelt sich in beeindruckender Weise von der kapriziösen Nora, die oft große Augen und einen auf süßes Kindchen macht, zur selbstbewussten Frau … Karin Klein spielt sie alle an die Wand. Sie wandelt sich, ihre Nora wird mehr und mehr eigenständig, sie verlangt nach Selbstbestimmung, sie legt das Affektierte und Niedliche ab. Aus der naiven Person wird eine starke Persönlichkeit.
In der letzten Szene hat sie das alberne Tarantella-Kostüm ausgezogen, sie hat sich gehäutet, trägt Jeans. Sie hält ihren Monolog und beginnt sich zu befreien, sie klettert von der Bühne in den Zuschauerraum, über die Stuhllehne durch das steile Parkett nach oben. Mit jeder Reihe gewinnt sie an Selbstbewusstsein. Sie klettert und wird klarer, fester in ihrer Entscheidung. Sie verlässt das Puppenheim mit einer Kraft und Konsequenz, das es ganz still wird im Zuschauerraum. Gebannt starren die Zuschauer auf die blonde Frau, die Stück für Stück in die Freiheit klettert und nach der letzten Reihe das Kleine Haus verlässt.
Es ist ein beeindruckender Schluss, mit sehr viel Wucht, der die Zuschauer ganz still und nachdenklich macht. Der Applaus ist lange und sehr euphorisch …