Dem österreichischen Autor Andreas Jungwirth ist mit „Schonzeit“ ein unkonventionelles Theaterstück gelungen, das in den Figuren des Märchens die großen Themen Freiheit, Selbstbestimmung und Entfremdung spiegelt. Regisseurin Keppel folgt den zahlreichen Deutungsmöglichkeiten sensibel und macht vor allem eines klar: Der Wolf des Menschen ist in Wahrheit seine Vernunft. // Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "Schonzeit"
Regisseurin Ina Annett Keppel richtet für die Uraufführung von Neuwirths Stück das Wirtshauszimmer der Dörfler rechterhand und etwas erhöht ein, Großmutters Refugium platziert sie unten links. Dazwischen herrscht gähnende Leere, die den dunklen Wald bedeutet, eine Grauzone des Übergangs von der Geschichtslosigkeit zur Geschichte, vom naiven Naturstand zum reflexiven Selbstbewusstsein, von der ursprünglichen Identität zur Entfremdung. Das sensible Gleichgewicht beider Zustände ist ins Wanken geraten, seit der Wolf durch die Schonzeit Gelegenheit bekam, über sich selbst nachzudenken. Das Prinzip Großmutter, die intuitiv vernünftige Übereinkunft zwischen Mensch und wilder Natur, hat endgültig ausgedient.
„Da ist was Allgemeines durcheinander“, stellt der von Hans Matthias Fuchs facettenreich gespielte Wolf fest. „Ich bin ein Tier! Ein wildes Tier.“ Mit einer imposanten, nimmersatten Plauze ausgestattet, lässt er keinen Zweifel daran, dass sein Traum von häuslicher Harmonie nur ein kurzes Intermezzo war. Schnell lernt er die Vernunft gebrauchen, von der er bis eben noch nichts wusste und die seinen Magen von nun an füllen soll. Auch der in Liebesangelegenheiten erfolglose Jäger überschreitet immer mehr die Grenzen seiner Zukunft. Die Zuneigung der Mutter mit der Waffe erzwingend, steht er seinem langjährigen Widerpart an Verrohung in nichts nach. Allein das Mädchen, von Julia Glasewald überzeugend zwischen flügger Keckheit und unschuldiger Naivität gehalten, setzt dem um sich greifenden Recht des Stärkeren Grenzen. Damit schickt sich die Enkelin, die im Bett mit dem Wolf ihre Unschuld verliert, an, die würdige Nachfolgerin der Großmutter und Gründerin einer neuen Ordnung zu werden.
Dem österreichischen Autor Andreas Jungwirth ist mit „Schonzeit“ ein unkonventionelles Theaterstück gelungen, das in den Figuren des Märchens die großen Themen Freiheit, Selbstbestimmung und Entfremdung spiegelt. Regisseurin Keppel folgt den zahlreichen Deutungsmöglichkeiten sensibel und macht vor allem eines klar: Der Wolf des Menschen ist in Wahrheit seine Vernunft.
Die verwirrende Nachricht zuerst: Es handelt sich zweifelsohne um das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf, aber ein rotes Käppchen ist in den Darmstädter Kammerspielen nicht zu sehen.
... Andreas Jungwirth ... richtet einen sehr erwachsenen Blick auf dieses Märchen – er bedient sich bei den gängigen psychologischen Deutungen, für die es ja allen Grund gibt, er richtet mit ironischem Witz einen neuen Blick auf die bekannte Geschichte, und er bettet sie ein in eine moderne Welt, in der die Dörfler den Wald hinter sich gelassen haben und sich nach der Stadt sehnen ...
Dabei geht die Regisseurin mit Geschick zur Sache: Ihre mit kräftigem Beifall aufgenommene Inszenierung beweist Gespür für die dunkle Stimmung, die sich aus diesen Dialogen entwickeln kann, und sie formt mit ihrem Ensemble die Figuren differenziert aus.
Julia Glasewald spielt mit den wechselnden Tonfällen zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt: ein junges und ernstes Mädchen, das von allen gemocht wird, aber gerne selbst einmal lieben möchte. Sonja Mustoff spielt die Mutter als derbe Kneipenwirtin, Harald Schneider den Jäger als ziemlich miese Type.
... Hans Matthias Fuchs tänzelt lustig und listig mit gewölbtem Wolfsbauch über die Bühne, dass es ein Vergnügen ist. Die Großmutter ihrerseits (Margit Schulte-Tigges) ist dumm genug, dem Wolf zu erklären, weshalb sie ihn stets mit Braten bewirtet ...
Auf der linken Seite der Bühne hat die Ausstatterin Sandra Draschaft die Wohnung im Wald markiert, an der rechten Wand öffnet sich wie ein Schaufenster die Wirtschaft, in der die Mutter regiert. Die große dunkle Leere dazwischen ist der Wald, in dem die Menschen ihre schaurigen Erfahrungen sammeln, an denen sie wachsen.
Von der Beklemmung bleibt nur eine vage melancholische Stimmung spürbar, aber weil Keppels Inszenierung sie vor allem im letzten Drittel mit Witz paart, macht sie Jungwirths ... Märchenbearbeitung zu einer netten Kleinigkeit.
So ist „Schonzeit“ – jene Zeit, in der Jäger und Wolf ins Grübeln kommen – ein höchst gescheites, symbolistisches (Jugend-) Stück. Es geht um den klassischen Gegensatz von Natur und Gesellschaft, „die Welt ist da wie dort brutal“, meint allerdings der Jäger. Es geht ums Erwachsen-, Alter- und Betrogenwerden. Und erst auf den letzten Metern wird es an diesem Abend mit der gar zu hundertprozentigen Gleichsetzung von Sexualität und Aufgefressenwerden dann doch noch etwas dick und auch krumm.
Bemerkenswert ist aber allemal, mit wie viel sprachlicher Entspanntheit Andreas Jungwirth erzählt. Regisseurin Ina Annett Keppel nimmt sich dessen bei der Uraufführung am Staatstheater Darmstadt an, lässt mit Distanz spielen und dem Humor genug, aber nicht zu viel Platz. Vor allem Hans Matthias Fuchs darf als Wolf im Plüschpelz auch das Tier geben, Margit Schulte-Tigges ist eine vom Bilderbuch weit entfernte, abgebrühte Großmutter, Julia Glasewald glaubt man die mädchenhafte Neugier auf das Leben dort draußen.
Wer jung und wer alt ist, hat es eindeutig leichter als die Personen dazwischen: Mutter und Jäger, Sonja Mustoff und Harald Schneider, halten dem mittelalten Erwachsenen den deprimierenden Spiegel vor.
Der Raum der Darmstädter Kammerspiele, ausgestattet von Sandra Draschaft, wird gut genutzt, weit rechts zeigt eine Guckkastenbühne die Wirtsstube, in der die Mutter arbeitet, der Rest ist der dämmrige Wald, in dem die Zuschauertribüne wie in einem Meer zu schweben scheint.
Sebastian Frankes Musikmix aus Gefahrenankündigung und Märchenbiederkeit wird pointiert eingesetzt. So wirkt der 75-Minuten-Uraufführungsabend ähnlich ausgeklügelt wie das Stück. Beides ist geglückt …
... Am Werk ist hier ein Mythagoge, der ganz neue Konstellationen an alte Stoffe anschließt, indem er den bösen Märchenwolf beispielsweise mit einer Mehrdimensionalität begabt, wie man sie von Goethes Reineke Fuchs kennt. Jungwirths schwelgerische Lust, ein altes Modell von Grund auf umzubauen, macht aus Wolf und Jäger ein komplementäres Paar philosophierender Berufsneurotiker, aus der farblosen Oma eine ökoplatonische Weltverbesserin (Margit Schulte-Tigges), die Raubtiere zähmt. Rotkäppchens Mutter (Sonja Mustoff) und der Jäger sind ihm ein verhindertes Paar, Rotkäppchen („Mädchen“) sieht er als Pubertätsüberwältigte, die drauf und dran ist, sich ihren hoffnungsvollen Mörder, den Wolf, zum Liebhaber zu erwählen und ihn später am Jäger rächt.
All das wird überzeugend, nie gestelzt, stellenweise toll gespielt, wobei der artifizielle Ritualcharakter der Sprache zur Geltung kommt. Wunderbar Hans Matthias Fuchs als räsonierend-getriebener Wolf mit Wampe unterm Pelz- und Ledermantel, den er nebst rockiger Lederhose wie seine Haut zu tragen weiß (Kostüme: Draschaft). Fruchtbar auch, dass Harald Schneider vom Typ so gar kein ungebrochener Jägersmann ist und genau dies einzubringen vermag. Mit die größte Spannung zum Märchen muss Julia Glasewald als Mädchen bewältigen und bestätigt dabei erneut ihre schauspielerische Reifung.
Der österreichische Autor Andreas Jungwirth (geboren 1967) hat das in vielen Kulturkreisen bekannte „Rotkäppchen“-Motiv in seiner „Schonzeit“ um eine neue Variante bereichert, indem er das ursprüngliche Lehr- und Initiationsstück zum permanenten Lebensdrama einer Suche nach Sinn im Glück formt. Regisseurin Ina Anett Keppel inszeniert das vom Autor dem Staatstheater Darmstadt zur Uraufführung anvertraute Stück im Kammerspiel ...: auf zwei Bühnenbereichen wie eine szenische Collage, das Bühnenbild als Niemandsland zwischen einer archaisch anmutenden Welt und der Moderne, um dramatischen Wechsel von hartem Licht und Düsternis, bei allen – von Jungwirth bewusst unfreiwillig betriebenen und damit um so mehr Verzweiflung zum Ausdruck bringenden – Anklängen von Heiterkeit in eisigem Moll. Und bedarf es noch eines letzten Beweises für Keppel geistig-seelische Verbindung der beiden Stoffe, so findet sich der in der großartigen Hauptdarstellerin Julia Glasewald, die die Verzweiflung des im Leben verlorenen Lenz ebenso selbstverständlich annahm wie sie die noch vorhandene Natürlichkeit des am Ende seiner Jugend angelangten Rotkäppchens dokumentiert.
Das Ergebnis ist eine überzeugende Umsetzung des 45 Seiten dünnen Manuskripts, Keppel präsentiert das Verwirrspiel der Gefühle als Kampf, den jede Generation auszufechten hat: die Großmutter im Wald wie deren Tochter im Dorf und schließlich die Enkelin, die sich auch die Stadt als (H)Ort des Glücks vorstellen kann und es letztlich doch im Wald beim Wolf zu finden meint: Und wenn der das Mädchen „zum Fressen gern“ findet, dann interpretiert er sein Glück auch nicht unbedingt im Sinne der Auserkorenen und zugleich Willfährigen.
Möglicherweise ist Glück somit lediglich die Naivität, die Wirklichkeit zu verkennen, bleibt am Ende eine wenig Glücksgefühle weckende Erkenntnis. Fatal nur, dass die Wirklichkeit uns all zu gerne einholt und damit unsere Schonzeit beendet, ist die daraus abgeleitete Botschaft. Ausnahmen seien erlaubt und willkommen: Andreas Jungwirth, der der Uraufführung in Darmstadt beiwohnte, jedenfalls darf sich des unbedrohten Glücks erfreuen, seine „Rotkäppchen“-Interpretation in all ihrer ernüchternden Aussage mit dieser Inszenierung glücklich getroffen zu erleben.