Mit Hosenträgern unter dem Trachtenjanker hat sich Wölfle für diese vorwiegend zynische Spielart des Humors gewappnet, der in jovialem Ton das Einvernehmen mit dem Zuschauer sucht und doch sehr zielstrebig die Fratze hinter der Gemütlichkeit enttarnt... Wenige Worte und viele Gesten formen den schönen Witz, an dessen Ende sich Wölfle endlich ein Bier einschenken kann.// Darmstädter Echo zu "Da schau her!"
Eigentlich soll es losgehen, aber Erwin ruft an. Also steht der Schauspieler Gerd K. Wölfle in der Bar der Darmstädter Kammerspiele, und weil Erwin ein zäher Bursche ist, gelingt es ihm nicht, ihn loszuwerden. Stattdessen wird der Zuschauer Zeuge von hübsch variierten Bestätigungs- und Beschwichtigungsformeln, deren Rhythmus sich mit dem erhofften Ende des Gespräches verdichtet. Ja, genau, super: Wenige Worte und viele Gesten formen den schönen Witz, an dessen Ende sich Wölfle endlich ein Bier einschenken kann.
Achtzig Minuten und zwei Flaschen naturtrübes Hefeweizen später sieht man ihn wieder am Telefon, und diesmal braucht es gar keine Worte mehr, denn der Bürger kreist in einer Warteschleife, nun seinerseits zäh in der Ausdauer, aber nicht so zäh wie die Bayerische Staatsregierung, mit der er sprechen möchte. Die beiden Telefon-Sketche sind eine starke Klammer für den jüngsten Abend der Barfestspiele, der unter dem Titel „Da schau her“ bekannte Nummern des bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt versammelt. Mit Hosenträgern unter dem Trachtenjanker hat sich Wölfle für diese vorwiegend zynische Spielart des Humors gewappnet, der in jovialem Ton das Einvernehmen mit dem Zuschauer sucht und doch sehr zielstrebig die Fratze hinter der Gemütlichkeit enttarnt.
Dass man es mit einem Spießertyp zu tun hat, signalisiert schon die kleine Wohnzimmerecke mit kariertem Tischtuch, hinter dem Wölfle Platz nimmt … Während Polt als Interpret der eigenen Texte den bayerischen Menschen als dünnhäutigen Choleriker spielt, ist bei Wölfle der Panzer der Gemütlichkeit dicker. Aber darunter lauert derselbe Hass – auf laute Kinder, auf Ausländer, auf all jene, die geeignet sind, die innere Ruhe zu stören.
„Denken’S einmal darüber nach“, sagt Wölfle und nimmt einen tiefen Schluck, bevor der nächste Abgrund in der bajuwarischen Seele erkundet wird. Der Biergenuss gibt dem Abend den Takt vor, von Schluck zu Schluck arbeitet sich Wölfle tiefer vor in Polts böse Welt. Ob Herr Grundwirmer seine thailändische Gattin Mai Ling vorstellt und zeigt, wie er sie zum Zigarettenholen dressiert hat, ob die Freiheit gepriesen wird als Recht zur Ausbeutung der anderen, ob Jugendliche mit der Schrotflinte abgeknallt werden oder der brave Schäferhund ein Kind am Sandkasten reißt: Indem Polts Texte das Monster des Spießers aufbauen, bilden sie im Publikum Gemeinschaft in der Gewissheit, dass der Spießer immer der andere ist.