Bei einer Dirindina-Inszenierung … trieb Regisseur Alfonso Romero Mora das Vexierspiel zwischen Realität und Fiktion sowie die Karikatur gängiger Opernklischees fröhlich auf die Spitze … Hier hatten ... alle ihren Spaß: das Publikum, die Sängerdarsteller und das von Joachim Enders vom Cembalo aus geleitete Streicherensemble … Was will man mehr als Nachklang der fünften Jahreszeit? // Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "La Dirindina"
… Bei einer Dirindina-Inszenierung des Staatstheaters Darmstadt im Gemeindesaal der örtlichen Petrusgemeinde trieb Regisseur Alfonso Romero Mora das Vexierspiel zwischen Realität und Fiktion sowie die Karikatur gängiger Opernklischees fröhlich auf die Spitze. Die Besetzung der Titelfigur mit dem Countertenor Gerson Luiz Sales und die Verkörperung des Liscione durch den (männlichen) Sopran Robert Crowe beförderte den erwünschten Orientierungsverlust noch. Nur der Bariton Gamaliel von Tavel gab als Carissomo keine erotischen Rätsel auf. Die unbekümmerte Anreicherung der Handlung mit historischen wie zeitgenössischen Elementen – vom „Don Giovanno“-Zitat bis zur Disconummer – war offensichtlich, dank geschickter Einarbeitung gleichwohl bereichernd. Wie so oft diente das Sujet der experimentellen Selbstvergewisserung eines hoffnungsvollen Nachwuchsregisseurs.
... Hier hatten jedenfalls alle ihren Spaß: das Publikum, die Sängerdarsteller und das von Joachim Enders vom Cembalo aus geleitete Streicherensemble (Violine: Etem Emre Tamer, Damaris Heide Jensen; Viola: Klaus Jürgen Opitz; Violoncello: Frederik Dany; Kontrabass: Stefan Kammer). Was will man mehr als Nachklang der fünften Jahreszeit?
… Der spanische Regisseur Alfonso Romero Mora … hat nun „La Dirindina“ einfallsreich in deutscher Textfassung auf die kleine Bühne des Saals der Petrusgemeinde gebracht. Im Hintergrund der mit rotem Tuch ausgeschlagenen Bühne sieht man einen schräg gestellten goldenen Bilderrahmen, der von Anfang an deutlich macht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Mora hat die Handlung in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt und damit zusätzliche Perspektiven ermöglicht. Da wird nicht nur der vorhandene Flügel als Requisit genutzt, sondern auch ein antiquiertes Telefon zum Einsatz gebracht. La Dirindina tritt in einem geblümten Minikleidchen auf, ihre langen blonden Haare schwingend, der Kastrat Liscione blendet mit goldfarbenem Anzug und fescher schwarzer Barttracht, kein Wunder, dass er so den biederen Gesangslehrer Don Carissimo aussticht, zumal er Dirindina ein Engagement verspricht. Für Alfonso Romero Mora ist es kein Problem, dass die Bühne so beengt ist: Er lässt die Akteure immer wieder zum Publikum herabsteigen und sich zwischen den Tischen ergehen. So wird das Turtel-Duett, bei dem sich das Liebespaar in den höchsten Tönen anschmachtet, zu einem Höhepunkt dieser Premiere.
Musikalisch wird die Aufführung von Joachim Enders betreut, der in Personalunion Studienleiter am Staatstheater und Kantor in der Petrusgemeinde ist. Vom neuen Cembalo aus leitet er genau und beschwingt die Darmstädter Barocksolisten, fünf Streicher aus dem Darmstädter Staatsorchester, die vorzüglich aufeinander eingespielt sind. So wird bereits die knappe Ouvertüre zum Hörvergnügen, und die Begleitung der Rezitative und Arien gelingt punktgenau und ausdrucksvoll. Dabei stellt sich heraus, dass Domenico Scarlatti, der um 1715 noch im Schatten seines Vaters Alessandro stand, durchaus originelle Töne anschlägt, die den späteren einzigartigen Sonatenkomponisten ahnen lassen. Witz und Empfindsamkeit halten sich die Waage in dieser barocken Tonsprache. Der Countertenor Gerson Luis Sales macht als geschmeidige Dirindina nicht nur eine gute Figur, sondern er besticht vor allem durch die brillant eingesetzte Stimme und das treffsichere Agieren. Der Sopranist Robert Crowe als Kastrat Liscione ist ein ebenbürtiger Partner, hinreißend singend und spielend. Als Gesangslehrer Don Carissimo tritt der Bariton Gamaliel von Tavel ein wenig in den Hintergrund, doch mit schlanker Stimme und klarer Diktion weiß er die Handlungsfäden auch von dort her sicher zu ziehen.
Am Ende überdrehen sich die Ereignisse: Nachdem sich die wahre Identität der Personen herausgestellt hat, schlägt Scarlattis Barocktonfall in neuzeitliche Rockmusik um. Das Sängertrio, unterstützt vom Instrumentalensemble, dem Ysang Enders als Schlagzeuger hinter den Kulissen zusätzlich einheizt, mutiert zur entfesselten Rockgruppe. Das Publikum ist nach einer vergnüglichen Stunde begeistert, klatscht rhythmisch mit und ruht nicht, bis es eine Zugabe zu hören bekommt.