Diese Ophelia ist der fetzigste Feger von Helsingör … Wenn sie singt, dann drängt sie nach vorne, zeigt sie, was in ihr steckt. Sie trifft den Brecht-Kampfton und juchzt mit den Beatles, versteht sich auf die Berliner Göre und gibt auch – „Bumm, tschaka, bumm“ - die menschliche Beat Box. // Darmstädter Echo zu "Ophelien"
Das nennt man wohl Trotzreaktion: Ophelia ist zwar ins Wasser gegangen, doch jetzt taucht sie wieder auf, klettert mit einer Leiter aus dem Foyer der Kammerspiele über die Brüstung der Theaterbar und singt. Was mit einem Brecht-Song über den Verwesungszustand von Wasserleichen beginnt, endet nach einer knappen Stunde mit dem nassforschen Aufruf an die Männer, endlich für Nachwuchs zu sorgen. Und zwischendrin zeigt Diana Wolf, die in Michael Helles Darmstädter Inszenierung des „Hamlet“ zurzeit im Kleinen Haus als Ophelia zu sehen ist, wie das schmählich abservierte Fräulein den Flop mit ihrem Prinzen gründlich überkompensiert. Sie schmeißt sich ran an die Musik und an die Männer. Was für ein Comeback: Diese Ophelia ist der fetzigste Feger von Helsingör.
Seit einem halben Jahr ist Diana Wolf im Ensemble, und schon als Maja im Kindermusical war sie ein energisches Bienchen mit starker Stimme. Wenn sie singt, dann drängt sie nach vorne, zeigt sie, was in ihr steckt. Sie trifft den Brecht-Kampfton und juchzt mit den Beatles, versteht sich auf die Berliner Göre und gibt auch – „Bumm, tschaka, bumm“ - die menschliche Beat Box.
Mit einigen pfiffigen Regie-Einfällen hat die Schauspielerin ihren Kleinkunstabend „Ophelien oder Wenn Du willst, geh ich ins Wasser“ als leichtes Nachspiel des schweren Großdramas arrangiert. Michael Erhard ist dabei mehr als ihr musikalischer Begleiter am Klavier mit Hang zum Rock’n’Roll. Er singt auch selbst von „Flipper“ und der „Sex Machine“, spielt ein wenig mit, lässt sich von einer gewissen Ophelia Tietze im Strickpulli das Haar kraulen.
Diana Wolf stellt mehrere Mädchen und Frauen vor, die alle dieselbe Haltung verkörpern: Vergiss Hamlet! Das sieht die Lady mit Lederjacke, die mit Sekt und Schwips am Tresen eine Träne verdrückt, genauso wie die Putzfrau, die mit Gummihandschuhen an der Bar Cola-Chantré mischt und einem Gast den Drink hinknallt. Diese Ophelia ist Marlene Dietrich, Marilyn Monroe und am Ende auch ein kleines Mädchen, das mit Konstantin Wecker über Vati lästert, der Mutti prügelt, weil er doch eigentlich in die Homo-Bar gehen will. Es ist halt was faul im Staate Dänemark.
Bei Shakespeare ist das ein Grund zum Sterben. Bei Diana Wolf ist es ein Anlass, in die Bar der einsamen Herzen zu gehen, wo die insgesamt fünf Ophelias dieses Abends einen Frauenstammtisch gründen können.