Zwei Mimen, eine Stunde Spielzeit und als Vorlage die schwergewichtige Shakespeare-Tragödie … Das Spiel mit den kleinen und großen Eitelkeiten ihrer Profession macht Schlemmer und Schuster ganz offensichtlichen Spaß. Dazu passt die Collage von Versatzstücken des mittlerweile klassischen Humors à la Monty Python, das matte Glitzern abgehalfterter Musical-Eleganz und die Angst vor dem mächtigen Text.// Darmstädter Echo zu "Hamlet for You"
Yoricks Totenschädel kommt frisch getrocknet aus dem Geschirrspüler, und in Ophelias falschem Blondhaar spiegelt sich rot der Wein aus den Gläsern der Zuschauer: Für ihre Inszenierung von „Hamlet for You“ mit Hubert Schlemmer und Stefan Schuster hat Regisseurin Martina Reith die Bar der Kammerspiele im Staatstheater Darmstadt ganz und gar erobert.
Beim Wechsel von der kargen Bühne mitten in die Arena des Tresens rückt das Schauspielerduo den Gästen denn auch so nahe, dass jede Schweißperle auf dem Gesicht von Ophelia / Gertrude / Geist (Schuster) einzeln zählbar wird. Den Rest der Rollen (Hamlet, Horatio, Polonius, Bernardo und Laertes) übernimmt Schlemmer.
Zwei Mimen, eine Stunde Spielzeit und als Vorlage die schwergewichtige Shakespeare-Tragödie … Das Spiel mit den kleinen und großen Eitelkeiten ihrer Profession macht Schlemmer und Schuster ganz offensichtlichen Spaß. Dazu passt die Collage von Versatzstücken des mittlerweile klassischen Humors à la Monty Python, das matte Glitzern abgehalfterter Musical-Eleganz und die Angst vor dem mächtigen Text.
Der manifestiert sich zwar nur als schmales Reclam-Heftchen, aber diese gelben Seiten des bildungsbürgerlichen Kanons haben für Ophelia-Darsteller Schuster im Angesicht von Schlemmers Monolog ganz offensichtlich genau die gleiche Schwere wie ein Band der Quarto-Ausgabe von 1604.
„Hamlet for You“ ist keine Satire, dafür fehlt dem kurzweiligen Kammerspiel die Bosheit gegenüber dem Original. Aber auch als unterhaltsame Parodie auf Drama und Dramatik lohnt die Miniatur den Besuch in der Theaterbar … Langeweile jedenfalls kommt in keinem Moment auf, wo Aufziehpferdchen über den Tresen traben, Ophelia sich ihrem pubertierenden Trotz hingibt und Hamlet wie ein blonder Prinz Eisenherz durch das Stück stapft.
Vom Gerangel über die Hackordnung auf der Bühne und darstellerische Kompetenz zwischen den beiden Darstellern ganz zu schweigen: Das ist der energiereiche Kontrapunkt, der als zweite Ebene die zersplitterte Hamlet-Collage verbindet und abrundet.
Yoricks Totenschädel wartet dampfend in der Spülmaschine, Ophelias Perücke mit dem wallenden Blondhaar ist verschwunden und die Kühlschublade mit den Eiswürfeln ist eine todbringende Lagerstätte. Stefan Schuster und Hubert Schlemmer spielen in der Bar der Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt zu zweit den ganzen Hamlet. Sie haben ihn zuschauerfreundlich auf eine Stunde gekürzt, da die meisten Klassiker zu lang sind und sich dieser Shakespeare nicht wirklich kurz fassen konnte. Damit niemand einnickt, wenn endlich „Der Rest ist Schweigen“ kommt, haben die beiden Mimen den Klassiker entschlackt und in die heutige Zeit transportiert. Dass das Sinn macht, darüber sind sie sich einig. Nicht aber, wer welche Rolle spielt. Die kleinen Machtkämpfe, die die beiden Schauspieler führen, sind köstlich. Wie ein roter Faden ziehen sie sich durch das pathetische Hamlet-Stück. Schlemmer weiß alles besser, gibt den seriösen, erfahrenen Schauspieler, während Schuster übereifrig und hitzig beweisen will, dass er auch was kann. Schuster spielt Ophelia, Gertrude und den Geist, Schlemmer dagegen gibt Hamlet, Horatio, Polonius, Bernardo und Laertes.
Da gibt es auch schon den ersten Streit: Schuster fühlt sich benachteiligt und will nicht immer nur „Frauen, Geister und Nebenrollen spielen.“ Deswegen darf er auch singen, im silbernen Glitzeranzug intoniert er zur Musik von „I will survive“ ein wunderbares Geist-Solo. Dass jeder weiß, dass im Staate Dänemark etwas faul ist, setzen die beiden voraus. Und trotzdem erklärt Schlemmer Schuster: „Das hier ist Theater, da tun wir so, als ob das noch niemand wüsste.“ Sebastian Seidels Stück nimmt den Klassiker hoch, wo es nur geht.
Regisseurin Martina Reith hat „Hamlet for you“ in Darmstadt kurzweilig und turbulent inszeniert. Die Schauspieler erobern die gesamte Bar als Spielraum, sie flitzen zwischen den Barhockern hin- und her, klettern auf die Theke, klammern sich an die Barstangen. Hamlet tunkt Ophelia (die dann sowieso ertrinkt) ins Waschbecken. Ein kleines Plastikpony galoppiert wiehernd über die Theke, Ophelia mampft Hamburger und Fisch, trägt einen lilafarbenen Rock und rosa Ringelsöckchen. Das Publikum wird angestiftet das Geschehen zu kommentieren, wie das im Elisabethanischen Theater so üblich war. Sobald einer der beiden „Gertrude“ ruft, rufen alle Zuschauer „Schlampe, Schlampe“, beschimpfen Claudius dagegen als „Mörder, Mörder“. Nur wenn der Name „Hamlet“ fällt, klopfen sie wie im Fußballstadion auf die Tische und feuern ihn an. Es ist ein Riesenspaß.
Für Schlemmer und Schuster ist der turbulente Abend dagegen Schwerstarbeit, sie streiten, schreien und spielen mit großem Körpereinsatz, so dass Ophelias künstliches Perückenhaar schweißnass an der Stirn klebt. Schlemmer gibt einen Hamlet voller Pathos, proklamiert „Sein oder nicht sein“ mit geschlossenen Augen, während Schuster hinter der Theke versteckt und den Monolog stört. Dafür schubst Schlemmer ihn von der Theke, um als Hamlet pathetisch zu sterben. Der Rest ist Gelächter - und riesiger Applaus.