Pressestimmen Weiß wie der Mond

Eine einzige Klimax

Der Darmstädter Premieren-Abend … ist eine einzige Klimax … Es ist wunderbar dabei zuzusehen, es hat Witz und Klasse, es ist eine absurde Art der Perfektion, die dort gezeigt wird.// Darmstädter Echo zu "Weiß wie der Mond"

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Träume machen sprachlos und entführen in ein Grenzgebiet zwischen Realität und Fiktion. Auf der fast dunklen Bühne (nur einzelne Flächen werden in Neonfarben erleuchtet) vollführen die Tänzer des Balletts des Staatstheaters Wiesbaden am Mittwochabend athletische Körperstudien. Getrieben von Träumen, die sie unruhig werden lassen, vom bedrückenden Nachtkino, bewegen sie sich eckig über die Bühne. Der neue Wiesbadener Ballettdirektor Stephan Thoss wählt für den ersten Teil von „Weiß wie der Mond“ eine kalte, mechanische Ästhetik.

Durchsichtige Plastikregenschirme baumeln von der Decke, im fahlen Licht rennen die Tänzer in Zeitlupe, sie kommen nicht vom Fleck. Narzisstisch recken sie sich auf dem Boden, zeigen Körperstudien, strecken die Arme wie Vögel und versuchen abzuheben. Das Klopfen der Finger auf dem Boden erinnert an panisches Flügelschlagen. Aus der Dunkelheit tauchen schemenhaft Figuren auf, in engen Korsetts verharren die Tänzerinnen in teils grotesken Posen, sie klappen sich zusammen wie ein Taschenmesser und erinnern an getanzte Ausrufezeichen, so präzise, so technisch ausgefeilt sind ihre Bewegungen.

Anna Herrmann und Sandro Westphal stechen heraus; mit Ausdruck, akrobatisch und technisch versiert, werben sie umeinander wie zwei Suchende. Yuki Mori beeindruckt durch sein athletisch-martialisches Solo.
Die Episoden sind anrührend und abstrakt … Mit andächtigem Interesse haben die Zuschauer das Geschehen verfolgt.

Stephan Thoss hat seine Wiesbadener Eröffnungspremiere vom Oktober 2007 extra für Darmstadt verändert, um ihr besondere Exklusivität zu verleihen. Fast ist es so, als wolle Thoss mit seiner Truppe zeigen, dass er jede Spielart des Tanztheaters beherrscht. Der Darmstädter Premieren-Abend im Rahmen der Kooperation zwischen beiden Staatstheatern ist eine einzige Klimax. Wie eine Achterbahnfahrt, die Wagen zuckeln zunächst gemächlich den steilen Berg hoch, die Spannung steigt ins Unermessliche und dann entlädt sich die Anspannung in ausgelassene Freude, wenn der Achterbahnwagen turbulent hinabsaust.

Nach … „Tosende Stille“, wirkt „No Cha-Cha-Cha“ zur Musik von Arvo Pärt dagegen heiter. Das Lächeln der Tänzer sieht aus wie festgefroren, sie schütteln kokettierend die Hüfte und karikieren den Tanzschuldrill. Im Parkett ist oft Kichern zu hören, so schön überzeichnen sie die Anspannung und die Suche nach Perfektion. Paare wirbeln mit übertrieben werbender Mimik über die Bühne, verpassen den Einsatz, machen ein ungläubiges Gesicht. Ein Tänzer lässt das Bein seiner Partnerin kreisen wie ein Paddel. Es ist wunderbar dabei zuzusehen, es hat Witz und Klasse, es ist eine absurde Art der Perfektion, die dort gezeigt wird. Die Paare schauen sich nämlich nicht in die Augen, sondern konzentrieren sich starr auf ihren Ausdruck.

„No Cha-Cha-Cha“ kreist um die Frage, wie viel Nähe und Distanz der Mensch braucht. In der zweiten Szene zieht es die Paare deswegen zueinander, sie umklammern sich und lassen sich wieder los. Es sind expressive Bewegungen voller Zweifel und Sehnsucht … Die dritte Szene indes ist der fulminante Höhepunkt des Abends. 22 Tänzer agieren auf der Bühne, hineingezogen in einen Sog aus Musik, Rhythmus und Tanz. Die Choreografie ist schalkhaft, klassische Elemente, Schritte, die an Videoclips erinnern, Folkloreanleihen und befreiende Bewegungen paaren sich zu einem großen, schnell geschnittenen Ganzen.

Am Ende sinkt der Bühnenboden nach unten, die Tänzer werden verschluckt und zurück bleiben nur wild zuckende Lichter. Der Abend endet mit einem starken Bild, mit einem fast triumphalen Schlusspunkt. Der Jubel danach ist groß, der Applaus will nicht enden.

„Weiß wie der Mond“ von Stephan Thoss; Fee Berthold, Darmstädter Echo, 7. März 2008
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