Pressestimmen Verbrennungen

Wucht und Schönheit der Sprache

… Das Drama, so zeigt sich bald, könnte überall spielen. Und jederzeit. In Ruanda oder Jugoslawien, gestern, heute oder morgen ... Hermann Scheins Inszenierung vermeidet denn auch allzu eindeutige Hinweise auf Zeit und Ort des Geschehens, setzt ganz auf die Wucht und die Schönheit der Sprache und bewegt sich damit wie der Autor stets an der Grenze zur Abstraktion. // Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "Verbrennungen"

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… Im Staatstheater Darmstadt ist die Erinnerung ganz im Gegenteil die Hölle, die sich auftut unter einem einstürzenden Himmel, und die Kindheit „ein Messer in der Kehle“, das man nicht so leicht wieder herauszieht.

… was der frankokanadische, 1968 im Libanon Mouawad aus der Ausgangssituation seines Stücks macht, ist nicht weniger als eine Reise in das Inferno unsrer Tage, mitten hinein in einen Bürgerkrieg und die unendliche Spirale aus Gewalt und Gegengewalt, Mord und Todschlag, Vergewaltigung und Folter, mitten hinein in den Alltag einer Generation, die, wie Mutter Nawal sagen wird, „mit der Schande gefüttert worden ist“. Und es sind nicht allein die formalen und inhaltlichen Reminiszenzen an das griechische Drama und namentlich Sophokles, die aus den „Verbrennungen“ eine Tragödie wahrhaft antiken Ausmaßes machen.

… Das Drama, so zeigt sich bald, könnte überall spielen. Und jederzeit. In Ruanda oder Jugoslawien, gestern, heute oder morgen. Und das Schweigen der Opfer oder das Versagen der Sprache angesichts der Schrecken sind keineswegs auf den Nahen Osten beschränkt. Scheins Inszenierung vermeidet denn  auch allzu eindeutige Hinweise auf Zeit und Ort des Geschehens, setzt ganz auf die Wucht und die Schönheit der Sprache und bewegt sich damit wie der Autor stets an der Grenze zur Abstraktion.

Auch Stefan Heynes drehbare Bühne enthält sich weitgehend der illustrierenden Bilder und setzt stattdessen eine gewaltige dekonstruktivistisch inspirierte Skulptur auf die Bühne, die nicht von ungefähr Erinnerungen an Daniel Libeskinds jüdisches Museum in Berlin heraufbeschwört. Der Preis dafür erscheint wie im Falle der Anleihen bei der griechischen Tragödie zunächst vergleichsweise hoch, fügt sich aber im Laufe der zwei pausenlosen Stunden durchaus glücklich ins Konzept. Schließlich bleiben die auf acht Schauspieler verdichteten Charaktere und Figuren über weite Strecken eher flach. Nur Mutter Nawal, als junges Mädchen gespielt von Diana Wolf, dann, als „die Frau, die singt“, flüchtet und schließlich bis zu ihrem Tod nur noch schweigt, übernommen von Karin Klein, gewinnt mit jedem Bild ihres fürchterlichen Lebensmehr Kontur. Und, ja, Würde. Uwe Zerwer gilt derweil als Notar und Testamentsvollstrecker Hermile, der ahnt, dass nicht das Schweigen, sondern die Wahrheit, die Sprache und die Erinnerungen einen Weg aus der Inferno weisen. Leander Lichti … stellt mit dem Sniper Nihad hingegen eher ein Klischee als einen Charakter dar. Auch Mathias Lodd als genervter Simon und Julia Glasewald als Jeanne stehen zunächst eher für eine Haltung als für eine komplexe Persönlichkeiten. Nicole Lohfink als Nawals Jugendfreundin Swada und Andreas Manz als Pfleger, Arzt, Soldat, Hausmeister und Milizenführer ebnen unterdessen geschickt die Wege durch Raum und Zeit, die der Anwalt und die Geschwister zu bestreiten haben. Das „Messer in der Kehle“ aber wird in Mouawads „Verbrennungen“ quälend langsam, Stück für Stück und Szene für Szene herausgezogen. Und mit jedem Zentimeter blutet es aus der Wunde ein kleines bisschen mehr. Kein Trost, nirgends in diesem Drama, und doch: Aus dem Schweigen wird Sprache, aus dem Trauma Erinnerung. Ein kleines Fünkchen Hoffnung am Ende der Nacht, Das scheint wenig angesichts der Verheerungen.

Das Leben, dessen Rest das Schweigen war, Christoph Schütte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. April 2008

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… Mouawads Stück erzählt vom Trauma eines politischen Flüchtlings und bietet damit – modellhaft überhöht – einen Einblick in eine sonst hermetische Welt. Als Testamentsvollstrecker exekutiert Notar Hermile (Uwe Zerwer als Mensch gewordener Ärmelschoner) den letzten Willen seiner Freundin Nawal mit sanfter Beharrlichkeit.

Simon sträubt sich lange mit Zorn, Ekel und Verachtung gegen die Zumutung der ungeliebten Mutter – Mathias Lodd vollzieht diesen aggressiven Rückzug in die Verweigerung mit fiebrigem Blick. Schwester Jeanne hingegen nimmt die Aufgabe an, was Julia Glasewald allerdings als Rückzug nach innen verkörpert.

Durch Zeit und Raum führt Wajdi Mouawad die Geschwister zurück in das Land ihrer Geburt, zurück in die Zeit des Krieges. Die Rückblenden und Ortswechsel kommen in diesem Stück fast wie Filmschnitte daher, was das Theater vor erzählerische Probleme stellt. Die Darmstädter Inszenierung demonstriert, wie man dieser Herausforderung wirkungsvoll begegnen kann. Bühnenbildner Stefan Heyne hat gekippte graue Wände im Kreis auf der Drehbühne des Kleinen Hauses angeordnet.

Die Kulisse markiert keinen konkreten Ort, sondern versinnbildlicht eher die Struktur des Stücks. Nach innen lassen die Wände nur schmale Durchblicke zu, nach außen deuten sie Räume an, durch die man vom Gestern zum Heute, vom Exil in die Heimat gelangt. Regisseur Hermann Schein gelingt es, die Szenen geschickt ineinander zu verschränken, was dann nicht mehr an harte Schnitte, sondern an weiche Überblendungen erinnert. Erst als sich die Kinder auf die Spuren ihrer Mutter begeben, zeigt sich der Krieg, erscheint auf den Wänden die Projektion eines ausgebrannten Busses, geht in der Mitte der Bühne ein Autowrack mit Knalleffekt in Flammen auf. Der überquellende Text ist gestrafft, die Szenen greifen in nicht mal zwei pausenlosen Stunden sinnfällig ineinander. Hermann Schein hat erkennbar großen Aufwand darauf verwendet, die Dialoge dicht zu arrangieren …

Leander Lichti verkörpert Wahab und Nihad, Nawals erste Liebe und ihr größtes Grauen. Den verlorenen Sohn, der zum Scharfschützen und Folterknecht wird, gibt er in seiner Brutalität mit dem verstörenden Witz einer Comedyfigur …  Auch Nicole Lohfink bietet eine erfreuliche Überraschung, denn sie kann nicht nur volltönend singen, sondern versteht sich als Flüchtlingsfrau Sawda auch eindrucksvoll darauf, aus einem Monolog die Perversion des Krieges unangenehm plastisch herauszupräparieren.

… Nihad, der verlorene Sohn, ist ein König Ödipus, der seine Mutter sucht, sie im Folterkeller findet, aber nicht erkennt. Und Nawal ist so sehr jene mythische Mutter Iokaste wie auch eine moderne Antigone, die dem Gesetz des Hasses die Liebe entgegenstellen will. Karin Klein findet für diese Frau den stärksten Ausdruck des Abends: eine strenge Größe, eine schmerzhafte Nüchternheit …

Mit Ödipus im Folterkeller, Stefan Benz, Darmstädter Echo, 30. März 2008

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Es ist ein grausig-grandioses Stück in gegenläufigen Zeitsträngen. Szenisch beginnt es mit der Testamentseröffnung der seit Jahren gebrochenen Nawal, die ihren Kindern durch den Notar (Uwe Zerwer) aufträgt, Vater und Bruder zu suchen. Jeanne (Julia Glasewald) verbohrt sich in die Nachforschungen, Simon (Mathias Lodd) wird widerstrebend mitgezogen. Zeitlich steht die verbotene Liebe der jungen Nawal (Diana Wolf), der damals ihr Kind entrissen wurde, am Anfang.

… Hermann Schein ist eine intensive Inszenierung geglückt, die vor erratisch verwinkelten Wänden spielt, die dank Drehbühne zum Spiegelkabinett à la Stonehenge mit zerschossenem Auto in der Mitte werden (Stefan Heyne). Trotz aller Kriegsgräuel bleibt das Stück frei von politischem Eifern; so können die Akteure in klug profilierten Rollen glänzen.

Leander Lichtis Leistung als zynischer Borderliner von künstlerischen Talenten, als Opfer und Meister des Kriegs … ist umso höher zu bemessen, als er nach Tilman Meyns unerwarteten Ausfall durch doppelten Bänderriss keine vier Tage Zeit hatte, sich dessen Rolle anzueignen.

Der eigene Sohn – ein Folterer, Marcus Hladek, Frankfurter Neue Presse, 31. März 2008

 

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