Pressestimmen Unter dem Milchwald

Wortpartitur zum Hingeben 

Worte und Sätze sind mustergültig ineinander verzahnt, und so einheitlich die Gruppe agiert, so stark treten doch einzelne Typen hervor. Das macht Spaß beim Zuschauen und Lust, sich dieser Wortpartitur hinzugeben. // Darmstädter Echo zu "Unter dem Milchwald"

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Wer ins Theater eine gewisse Müdigkeit mitbringt, könnte schon vor Beginn der Aufführung neidisch werden. Ein mächtiges Bett hat die Ausstatterin Nora Johanna Gromer auf die Bühne der Darmstädter Kammerspiele gebaut. In der gemütlichen Landschaft aus Kissen und Decken regt sich Leben, und aus dem Halbdunkel tönen Laute kuscheligen Wohlbehagens, bevor sie sich zu Worten von dunkler Poesie verdichten, in denen sich die Stimmung einer mondlosen Frühlingsnacht entfaltet.

Das Bühnenbild ist ein starker Rahmen, der einer schwierigen Aufgabe als hilfreiches Gerüst dient: Der Backstage-Jugendclub des Darmstädter Staatstheaters hat sich „Unter dem Milchwald“ vorgenommen, ein Hörspiel des walisischen Dichters Dylan Thomas, der aus den Stimmen eines Dorfes ein Bild des Alltags komponiert.

Dieses Geflecht aus Worten und Sätzen ist nicht leicht zu durchdringen. So bildertrunken diese Sprache auch in der Nachdichtung Erich Frieds ist, so groß sind die lyrischen Rätsel, aus denen sich immer wieder kleine Inseln der Wirklichkeit herauslösen.

Rund siebzig Rollen schickt Dylan Thomas durch seinen walisischen Tag. Der Regisseur Martin Ratzinger hat das Personal in seiner Bearbeitung um mehr als die Hälfte reduziert.

Siebzehn Backstage-Mitglieder, darunter ein einziger Junge, lassen wechselnde Gestalten mit charakterlicher Präzision hervortreten und wieder in der Gruppe verschwinden – den alten Seemann, der Erinnerungen an seine toten Kameraden pflegt, den Briefträger, der die allwissende Nachrichtenzentrale dieses kleinen Gemeinwesens ist, den Metzger mit schwarzem Humor und den Ehemann mit Giftmordgedanken.

Im chorischen Sprechen entfaltet sich das Wechselspiel von Individuum und Dorfgesellschaft, kommt es zur Zwiesprache von Lebenden und Toten, kommen Träume ans Tageslicht und formt sich neben den einzelnen Porträts die Studie der Dorfgesellschaft, der die Menschen nicht entweichen könnten, selbst wenn sie es wollten.

Nach der Premiere gab es mächtigen Beifall für die vierzehn- bis siebzehnjährigen Darsteller für ihre gelungene Produktion. Man spürt die Lust an der Sprache und vermutet die Disziplin der Proben.

Worte und Sätze sind mustergültig ineinander verzahnt, und so einheitlich die Gruppe agiert, so stark treten doch einzelne Typen hervor. Das macht Spaß beim Zuschauen und Lust, sich dieser Wortpartitur hinzugeben.

Mal entfesselt das Ensemble die Wildheit einer Kissenschlacht, dann wieder verdichten sich die Bewegungen zur strengen Choreografie. So wird der Raum fantasievoll bespielt: Das Bett wird zur Bühne des Lebens, das nach einer sehr kurzweiligen Dreiviertelstunde wieder in den Kissen versinkt.

„Unter dem Milchwald“ von Dylan Thomas, Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 14. April 2008

 

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