Pressestimmen Klamms Krieg

Spannende Schulstunde 

Uwe Zerwer legt in seiner bemerkenswert präzisen Darstellung Schicht für Schicht seine Figur bloß. Und die einstündige Aufführung bleibt deshalb spannend, weil nicht das psychopathische Scheusal hervorgekehrt wird, sondern ein Mensch mit verletzlichen Seiten, den man nicht einmal rundheraus unsympathisch finden würde. // Darmstädter Echo zu "Klamms Krieg"

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Die Stofftasche hat er wahrscheinlich aus ideologischen Gründen, und bestimmt verachtet er jene Menschen, die sich mit Plastik zufrieden geben. Herr Klamm ist ein Mann mit Prinzipien. So steht er vor seiner Klasse, ein Lehrer mit Jeans und braunem Wolljackett, wie es sie an jeder Schule wohl dutzendfach gibt. Deutsch-Leistungskurs ein Jahr vor dem Abi, „Faust" ist an der Reihe, das gelbe Reclamheft kommt aus der Stofftasche, und weil niemand lesen mag, gibt der Herr Studienrat ein bleischwer betontes Gretchen am Spinnrade.

Derlei Szenen ereignen sich am Freitag morgen, etwa zur Zeit der vierten Schulstunde, im Sitzungszimmer des Darmstädter Staatstheaters, das für Kai Hensels Monolog „Klamms Krieg" zum Klassenraum wird. Die Zuschauer in überschaubarer Klassengröße fügen sich in die Rolle der Statisten. Die Schüler haben Klamm den Krieg erklärt, nachdem ein durchgefallener Abiturient sich erhängt hat. Ein Punkt hatte ihm zum bestandenen Abi gefehlt, aber Klamm hatte ihn verweigert. Jetzt halten die Schüler ihren Lehrer für einen Mörder und wissen noch gar nicht, wie recht sie haben …

Es ist eine düstere Welt, in die Hensels Monolog hineinzieht. Und der Zuschauer hat das unangenehme Gefühl, dass diese Beschreibung gar nicht so weltfern ist, wie die groteske Überzeichnung zunächst nahe legt. Martin Ratzingers Inszenierung gliedert die Abschnitte dieses Monologs mit Videoeinspielungen von Schulpausen, und Lehrertypen, wie Uwe Zerwer sie am Anfang seiner Lektion spielt, findet man wahrscheinlich an jeder Schule. Die Erfahrung lehrt, dass es in vielen Kollegien auch den einen oder anderen neurotischen Fall gibt. Dass einer durchdreht wie dieser Pädagoge, bleibt indes hoffentlich die Ausnahme. Uwe Zerwer legt in seiner bemerkenswert präzisen Darstellung Schicht für Schicht seine Figur bloß. Und die einstündige Aufführung bleibt deshalb spannend, weil nicht das psychopathische Scheusal hervorgekehrt wird, sondern ein Mensch mit verletzlichen Seiten, den man nicht einmal rundheraus unsympathisch finden würde. Nachts säuft er, um nicht an seinen nächsten Fronteinsatz in der Schule denken zu müssen.

In diesem Zwielicht zwischen normalem Stress und übersteigerten Wahn, jovialer Geste und Sadismus entwickelt Ratzingers Regie mit ihrem Hauptdarsteller eine dramatische Steigerung, die jede neue Stufe dieses Eskalationsmodells hübsch abwechslungsreich bebildert. Zerwer erspielt sich den gesamten Raum, um kreist das Publikum, spielt einzelne seiner unfreiwilligen Schüler an, nutzt den Innenhof des Verwaltungsbaus für seine Zornesausbrüche, und auf dem Höhepunkt seines Krieges turnt dieser Klamm wahnsinnig über den langen Sitzungstisch.

Das Monströse dieser Figur kommt zum Vorschein und bleibt doch Teil des Alltags. Im Publikum der Premiere am Freitagmorgen saßen viele junge Menschen, die noch täglich mit Lehrern zu tun haben. Sehr verwundert sahen sie nicht aus.

Pädagoge an der Front, Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 24. September 2007

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… Regisseur Martin Ratzinger hat den großen Monolog aus der Feder des ehemaligen Werbetexters, Tellerwäschers und Serienautors Kai Hensel von der Bühne geholt und in den schmalen, langen Raum im Verwaltungstrakt des Schauspielhauses verlegt. Die Zuschauer sitzen wie Schüler um den langen, grünen Konferenztisch. Hier bezieht Klamm, gespielt von Uwe Zerwer, Position: ,,Guten Morgen, Sie brauchen nichts erwidern." Die Jute-Tüte mit den Heften links auf den Tisch, die Armbanduhr rechts. So weit hat alles seine Ordnung. Dann aber beginnt die unendliche Hass- und Rechtfertigungstirade eines Lehrers, der mit letzter Kraft versucht, seine vom Schulalltag zerriebene Existenz zusammenzuhalten. Der Kitt ist ihm dabei sein humanistisches Bildungswissen, mit dem er um sich schlägt wie ein trotziges Kind, dessen Bauklotzturm zusammengestürzt ist. Aber weder Schillers Freiheitsbegriff noch Fausts pantheistisches Gottesbekenntnis nehmen dem zum Überwachungsneurotiker verkommenen Pädagogen die Verantwortung für seine Schüler und somit für Saschas Tod ab …

Regisseur Ratzinger hat Erfahrung im Austesten der Grenze zwischen Theater und Zuschauer. Bei Inszenierungen in England hat er schon in Schulklassen geprobt, und auch bei den Darmstädter Bar-Festspielen, an denen er seit drei Jahren maßgeblich beteiligt ist, sieht er einen wesentlichen Reiz in der Nähe zum Publikum. Mit der konsequenten Verengung der räumlichen Möglichkeiten im Sitzungszimmer hat er für Zerwer völlig neue Bewegungs- und Interaktionsmöglichkeiten geschaffen: Wie in einem Klassenzimmer umkreist er als Klamm die Zuschauer, steigt tobend auf den Tisch oder zieht sich auf den angrenzenden Innenhof zurück. Auch greift er sich, auf einer Bühne nur schwer möglich, einzelne ,,Schüler" heraus, fixiert sie mit den Augen, spricht sie an. Die Inszenierung erreicht so ein hohes Maß an Authentizität, indem sie den Schauspieler zwingt, sich aus dem Schutz von Scheinwerferlicht und Rampendistanz herauszubegeben.

Nach anfänglicher Gewöhnungsphase für beide Seiten erreicht Zerwer bei den theatralischeren, deklamatorischeren Passagen des Textes die Sicherheit, die das Stück braucht, um zu einer bewegenden, intimen. dabei die Präzision künstlerischer Wohlgeformtheit nie vermissen lassenden Erfahrung zu werden. Am tiefsten beeindruckt scheinen nach der Vorstellung die anwesenden Lehrer, die sich einige Gedanken gemacht haben dürften über den, so Klamm, „schönsten Beruf, den es gibt“.

Lehrerleben, Roman Weigand, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. September 2007

 

 

 

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