Mehr als zweieinhalbtausend Jahre trennen den heutigen Theaterbesucher von der Entstehung der beiden ersten großen Epen des Abendlandes, Homers "Ilias" und "Odyssee". Und damit auch der wissensdurstige Zeitgenosse zu seinen Wurzeln zurückfindet, inszeniert Stefan Moskov den Heimkehrermythos als komödiantische Irrfahrt durch die Kultur- und Weltgeschichte mit Balkansound und Bauchtanz. // Frankfurter Allgemeine Zeitung zu "Die Odyssee"
… Mehr als zweieinhalbtausend Jahre trennen den heutigen Theaterbesucher von der Entstehung der beiden ersten großen Epen des Abendlandes, Homers „Ilias“ und ,,Odyssee“. Und damit auch der wissensdurstige Zeitgenosse zu seinen Wurzeln zurückfindet, inszeniert Stefan Moskov den Heimkehrermythos als komödiantische Irrfahrt durch die Kultur- und Weltgeschichte mit Balkansound und Bauchtanz. Das Vorgehen des improvisationslustigen Bulgaren, der seine Karriere mit subversivem Puppen- und Figurentheater in der damals noch kommunistischen Heimat begann, ist dabei reichlich assoziativ, seine „Odyssee“ ein groteskes Varieté: Kentauren-Vorder- und -Hinterteile steppen über die Bühne und fragen sich, ob es denn demokratisch sei, dass man vorne „über allen Wipfeln ist Ruh“ deklamieren könne, während es hinten klingt wie heiße Luft. Ein in gelb gekleideter Chinese mit typischer Kopfbedeckung gibt sich als Laotse, Schüler des Kentauren, aus und flüstert seine Lehren isländischen, flämischen und türkischen Übersetzerinnen ins Ohr, bis die stille Post, sprachlich durch den Wolf gedreht, im Sächsischen ankommt. Und ein Aphrodite-Döner-Laden wird eröffnet, bei dem man mit Wissen bezahlen muss. Wer Jason und Medea nicht kennt, bekommt nichts ab von der Schönheitsgöttin, deren Statue sich als Fleischspieß dreht.
Moskovs absurdes Multi-Kulti-Theater kennt keine Grenzen … Getrieben von den Winden des Schauspielgottes, landet er mal bei Slapstick und Operette, mal bei Fernsehquiz und Werbeshow … Das alte Personal erweitert er um unzählige moderne Witzfiguren. Bis zu 25 Rollen müssen die Schauspieler bewältigen: Ninja-Kämpfer und Ölscheich, Jacques Offenbach und Nana Mouskouri. der Philosophie-Gelehrte Absurdikis Sinnlosikidis und ein oberlehrerhafter Indiana-Jones-Verschnitt sind nur einige von ihnen …
Odysseus paddelt, rudert, stakt: nur fort – der Weg ist das Ziel. Wie eine Laubsägearbeit entsteigt der Getriebene seinem Schatten, läuft wieder einmal davon. Dabei hatte ihm Gattin Penelope doch so hübsche Fachwerkhausschuhe geschenkt. "Was hab ich nur falsch gemacht?" jammern einstimmig die Verlassenen dieser Welt. Odysseus aber zieht weiter wie ein neugieriges Kind, immer tiefer in wagemutige Fragen verstrickt, im Gepäck den verzweifelten Wunsch nach Unsterblichkeit. Derweil herrscht Zickenkrieg im Götterhimmel.
Der bulgarische Regisseur Stefan Moskov, geboren 1960, hat seinen Darstellern die kalkweiße Mode, auf den Leib geschneidert, dass es nur so schaukelt und wippt. Als theatralische Irrfahrt ist die im Staatstheater Darmstadt uraufgeführte "Odyssee" gedacht. Moskov, der Spezialist für zarte, poetische Bilder, leise Verwandlungen und üppigen Klamauk komponiert die Reise des antiken Seefahrers sehr frei nach Homer.
Schwungvoll steppen die Zentauren und Poseidon dirigiert einen beachtlichen Sturm. Bald wirbelt einiges durcheinander: Ödipus taucht auf und berät Achill, der keinen Schritt ohne seine Mutter tut. Botticelli malt und Jesus gestikuliert. Mit konsquent bellender Stime gibt Matthias Lodd den blinden Dichter Homer, hilflos auf seinem Werk herumkrabbelnd.
Seine Schauspieler bewegt Moskov, der in Bulgarien einst ein subversives Puppentheater führte, wie Marionetten an unsichtbaren Fäden. Weil jeder Darsteller für eine schier unendliche Reihe von Typen steht, als habe sie eine Suchmaschine ausgespuckt, wirkt die Inszenierung, die auf freies Assoziieren setzt, mitunter allerdings so unübersichtlich und unaufgeräumt wie ein Kinderzimmer nach dem Geburtstagsfest.
So stützt Gabriele Drechsel den Kopf auf den Arm, als vom vielen Warten versteinerte Penelope, ist auch Hera und Nymphe, Schlagersängerin und Seemansbraut. Völlig unbekannte, blitzlichtartig erfundene Berühmtheiten wie Absurdis Sinnlosikidis bevölkern die von Leonhard Mois Kapon wohltuend schlicht möblierte Bühne, auf der es sich … still und entspannend seefahren lässt.
Odysseus aber, als trotziger Dickkopf schön herausgespielt von Hubert Schlemmer, wird für alle Zeiten ein Reisender sein. Selbst im Ehegefängnis rudert der Listenreiche mit verzweifelter Kraft: nur fort – der Weg ist das Ziel.