Die Sopranistin Yamina Maamar ist eine Achtung gebietende Primadonna, die als Adriana Lecouvreur glaubhaft zwischen Hingabe an die Kunst und an den Geliebten schwankt. Sie lässt ihre Stimme in allen Facetten leuchten, und sie versteht es, die weiten Melodiebögen spannungsreich auszusingen ... Eine echte Belcanto-Stimme besitzt der aus Georgien stammende Tenor Zurab Zurabishvili, der als Maurizio ... gute Figur macht. Er ist nicht nur zum betörenden Schöngesang befähigt, sondern kann seiner Stimme auch dramatische Schärfe verleihen. //Darmstädter Echo zu "Adriana Lecouvreur"
Der vergiftete Veilchenstrauß, dem die Schauspielerin Adriana Lecouvréur zum Opfer fällt, ist nicht zu sehen. Dennoch ist er allgegenwärtig bei der konzertanten Aufführung von Francesco Cileas Oper über das Schicksal der berühmten Mimin des 18. Jahrhunderts im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt. Die inneren Spannungen sind zum Greifen fühlbar: Liebe, Eifersucht, Begeisterung für die Kunst bis zum tragischen Tod der Primadonna. Dies ist zum einen das Verdienst des Komponisten, der in seiner 1902 in Mailand uraufgeführten Oper vor allem ein Seelendrama gestaltete. Zum anderen liegt es an der Qualität einer Aufführung, die von den Solisten wie vom Orchester mit packendem Ausdruck erfüllt ist.
Stefan Blunier legt sich als Dirigent mächtig ins Zeug, wenn es gilt, die emotionalen Aufschwünge nachzuzeichnen, er versteht es aber auch, in die Knie gehend, die zarten impressionistischen Passagen feinsinnig auszugestalten. Im Orchester sind prächtig aufleuchtende Farben, vor allem bei den Bläsern, zu vernehmen, hinzu kommen berückende Soli wie die des Konzertmeisters Wilken Ranck der der Harfenistin Marianne Bouillot. Trotz des starken instrumentalen Aufgebots bleibt den Sängern genügend Raum für ein „Fest der Stimmen“. Die deutschen Übertitelungen der italienisch gesungenen Oper sorgen dafür, dass die Zuhörer bei den verwickelten Vorgängen auf dem Laufenden bleiben. Die Sopranistin Yamina Maamar ist eine Achtung gebietende Primadonna, die als Adriana Lecouvreur glaubhaft zwischen Hingabe an die Kunst und an den Geliebten schwankt. Sie lässt ihre Stimme in allen Facetten leuchten, und sie versteht es, die weiten Melodiebögen spannungsreich auszusingen. Bewegend gestaltet sie die Sterbeszene, wenn das Gift des Blumenstraußes zu wirken beginnt. Hervorragend ihre Einfügung in die Ensembleszenen. Die Mezzosopranistin Sonja Borowski-Tudor verkörpert überzeugend die intrigante Fürstin von Bouillon, die kein Mittel scheut, um die Nebenbuhlerin auch dem Weg zu räumen. Die Sängerin charakterisiert durch Mimik wie Stimme diese zwielichte Gestalt, dabei differenziert und ausdrucksstark singend. Eine echte Belcanto-Stimme besitzt der aus Georgien stammende Tenor Zurab Zurabishvili, der als Maurizio, Graf von Sachsen, gute Figur macht. Er ist nicht nur zum betörenden Schöngesang befähigt, sondern kann seiner Stimme auch dramatische Schärfe verleihen. Als Michonnet, Regisseur der Comédie-Française, ist der Bassbariton Riccardo Lombardis stimmlich differenziert zu erleben. Dass diese Oper auch komische Elemente enthält, verdeutlichen Thomas Mehnert als Fürst von Bouillon. Jeffrey Treganza als Abbé von Chazeuil sowie das turbulente Quartett der Schauspieler: Susanne Serfling und Niina Keitel, Markus Durst und Hans-Joachim Porcher. Aus dem Chor des Staatstheaters, der von André Weiss präzise vorbereitet wurde, tritt Lawrence Jordan als Haushofmeister heraus. Diese gelungene, über zweieinhalb Stunden dauernde Aufführung, die das fehlende Szenarium fast vergessen ließ, fand beim Premierenpublikum begeisterte Zustimmung.
Schmachtende Verehrung, unerfüllte Liebe, rasende Eifersucht, Mord und Treue bis in den Tod, Adriana Lecouvreur, 1903 in Mailand uraufgeführt, ist italienische Oper pur. Voller wahrer und vorgetäuschter Emotionen, voller knisternder Gegensätze und leidenschaftlicher Liebesduette. AII dies in einer konzertanten Aufführung zu Leben zu erwecken, ist nicht leicht. Dass dies am Staatstheater Darmstadt trotz allem gelang, ist den ausgezeichneten Sängern, einem in Hochform aufspielenden Orchester und dem musikalischen Leiter Stefan Blunier zu verdanken, der beides zu einem idealen Ganzen führte, das vor Spiel- und Sangesfreude nur so strotzte.
… Auch ohne Kostüme und Bühnenbild gelingt es den Sängern mit minimalem Schauspiel, das sich auf Blicke beschränkt, all diesen emotionalen Verirrungen und Verwicklungen, all dieser Tragik und Dramatik fast greifbar Ausdruck zu verleihen. Allen voran Yamina Maamar als Adriana, die das Spektrum ihrer Rolle, vom Lyrischen übers Schwärmerisch-Erhabene bis hin zum Dramatischen ausfüllt; all die Zerbrechlichkeit und Stärke dieser Figur wohl dosiert und ohne zu übertreiben fühlbar macht. Zurab Zurabishvili als Graf Maurizio von Sachsen an ihrer Seite ist ein strahlender, kraftvoller Tenor …
Adrianas Rivalin, die Fürstin von Bouillon lässt Sonja Borowski-Tudor glaubhaft als in ihrem Stolz gekränkte Frau erscheinen, die mit der Schmach fertig werden muss, von einer Bürgerlichen verdrängt worden zu sein. Insbesondere im Sangesduell mit Adriana, als beide erkennen, dass sie ihre Rivalin vor sich haben, verleiht Borowski-Tudor ihrem prägnanten Mezzosopran einen wunderbar diabolischen Hauch.
Jeffrey Treganza gibt einen herrlich schmierig-intriganten Abbé von Chazeuil, Riccardo Lombardi als Regisseur Michonnet zeichnet mit seinem samtigsonoren Bassbariton einen anrührenden ältlichen Mann, der ebenfalls Liebe für seinen Zögling Adriana empfindet und trotz seiner nicht erwiderten Gefühle treu ergeben zu ihr hält.
Eine wahre Wonne war das Orchester unter der Leitung des überaus temperamentvoll und agil dirigierenden Generalmusikdirektors Stefan Blunier. Nicht verrüscht oder verzopft, ohne den so leicht verlockenden Griff in den Schmalztiegel leitet Blunier sein im wahrsten Sinne des Wortes gut aufgelegtes Orchester straff und voller Tempo mit genau der richtigen Portion Restsüße in den schwelgerischen Passagen. Das Publikum … belohnte diese rundum gelungene Leistung nach einer kurzen Besinnungspause mit langanhaltendem Applaus und begeisterten Bravo-Rufen.