Es ist eine beängstigend lebendige, intime Geschichte, die in den Monologen der Schauspieler Gestalt gewinnt. Allein mit der Kraft der Worte, ihrer Körperhaltung und sparsamer Mimik tasten sie sich vor auf emotionale Minenfelder, in denen Hoffnung und Resignation, Zufriedenheit und Ungeduld, Unsicherheit und Forscherdrang im Verborgenen lauern. // Main-Echo zu "Molly Sweeney"
„Molly Sweeney“ ist ein Stück wie geschaffen für die familiäre Atmosphäre der Bar der Kammerspiele am Darmstädter Staatstheater: Zwei Männer und eine Frau monologisieren über eine Geschichte, deren Ganzes sich aus diesen drei Blickwinkeln herauskristallisiert. Es braucht nicht mehr Kulisse; und wenige Lichteffekte erzeugen die für diese melancholisch-tragischen Erzählung geeignete Stimmung. Die Bar ist die Bühne: Regisseur Martin Ratzinger setzt einen Darsteller an die Bar, lässt einen kommen und gehen und gibt der Frau an Kellners Statt die Mitte, den Präsentierteller, auf den die Herren sie ohnehin heben – Plätze und Gesten, die zu ihrer Funktion in der Geschichte passen.
… Es ist eine beängstigend lebendige, intime Geschichte, die in den Monologen der Schauspieler Gestalt gewinnt. Allein mit der Kraft der Worte, ihrer Körperhaltung und sparsamer Mimik tasten sie sich vor auf emotionale Minenfelder, in denen Hoffnung und Resignation, Zufriedenheit und Ungeduld, Unsicherheit und Forscherdrang im Verborgenen lauern. Ohne persönliche Verletzungen werden es nicht gehen. Prickelnde Spannung und Erschrecken hängen in der Luft.
Dabei fängt alles gut an: Forsch, fast zu forsch erzählt Iris Melamed als Molly, wie ihr Vater ihr Orientierung in einer Welt vermittelte, die nur aus Licht, Schatten und wenigen Schemen besteht. Faszinierend blicklos starren ihre Augen ins weiche Licht der Bar, das in seltenen Szenen erlöscht und den Zuschauer das Wenige erahnen lassen, das Molly Sweeney sieht. Iris Melamed verkörpert eine selbstbewusste Frau, euphorisch im Glückstaumel ihrer jungen Beziehung zu Frank die kellertief in die Depression des Sehens stürzt. Bewundert man ihre Molly zunächst, empfindet man bald tiefstes Mitleid mit der zerbrechenden Frau, die das, was uns lebensnotwendig scheint, nicht gebraucht hätte. Frank dagegen verspielt alle Sympathien: Tom Wild spielt den ständig neue Leidenschaften Jagenden, doch an selbst gewählten Herausforderungen Scheiternden mit aufgeregter Verve, springt hierhin und dorthin kann nicht still sitzen und die Hände nicht stillhalten und schon gar nicht seine Wünsche hinter seiner Frau zurücknehmen.
Zwischen Mollys sinkendem Selbstbewusstsein und Franks Übermut steht der ruhende Pol an der Bar. Dr. Rice ist ein Arzt, wie das Klischee es ihn will, bedächtig und abwägend, in Ehren ergraut und mit einer Fliege um den Hals. Er ist Forscher genug, dass er lieber ein Experiment wagen als das Beste für Molly möchte. Klaus Ziemanns gelassener Erzählstil verrät Erfahrung – er steht seit 25 Spielzeiten allein in Darmstadt auf der Bühne – und verleiht der Geschichte jene besondere Tragik. Auf ihre Weise scheitern alle drei, und man ahnt intuitiv, dass das nicht hätte sein müssen, hätten sie sich nur gegenseitig respektiert. Das verursacht Gänsehaut.
… Der irische Dramatiker Brian Friel hat sein Stück „Molly Sweeney“ aus einem Fall des Neurologen und Autors Oliver Sacks abgeleitet. Der junge Darmstädter Hausregisseur Martin Ratzinger zeigt das Drama in der Reihe „Barfestspiele“ rund um den hufeisenförmigen Tresen im Foyer der Kammerspiele … Iris Melamed schaut als Molly eindringlich ins Leere, wischt mit ihrem Blick immer wieder über den Tresen und spricht immer etwas zu laut, damit niemand sie überhört, den sie nicht sehen kann. Wenn Molly schweigt, trübt Schmerz ihren Blick. Während sie sich stets um die Bar herumtastet, tritt ihr Mann Frank immer wieder auf und ab. Tom Wild zeigt ihn zunächst aufgeladen, am Ende gar aufgebracht. Wie ein Animateur will er die Geschichte seiner Frau gestenreich als Show vorstellen … Augenarzt Paddy Rice schließlich sitzt vor seiner Whiskey-Buddel, trinkt und lallt am Ende auch ein wenig…
Regisseur Ratzinger hat die abwechselnden Monologe des Stücks im Dreieck so dicht verzahnt, dass fast schon Dialoge daraus werden. Dazu hat er nicht nur den immer wieder abschweifenden Text gestrafft, sondern mit Tom Wild als Schrittmacher auch das Tempo angezogen.
Schließlich ist „Molly Sweeney“ nicht nur die Geschichte von der Vertreibung einer Blinden aus ihrem Paradies ohne Farben und Formen in die Psychiatrie. Es ist auch ein medizinisch-philosophischer Exkurs zwischen Grauem Star und Netzhautverfärbung, zwischen Erkenntnistheorie und Hirnforschung, eine Studie darüber, wie Wahrnehmung und Sprache, Sehen und Denken zusammenhängen. Am Ende leidet Molly an Blindsicht. Ihre Augen leiten Reize weiter, doch ihr Hirn kann die Information nicht verarbeiten Und so weiß sie irgendwann nicht mehr, was Wahn und was Wirklichkeit ist. Wenn man die Welt tastend begreift, bedeutet Sehen eben nicht Verstehen …
… Iris Melamed als Molly, Klaus Ziemann als Dr. Rice und Tom Wild als Frank präsentieren an der Bar der Kammerspiele diese kleine Tragödie in Form dreier Charakterstudien. Iris Melamed schaut die meiste Zeit wie eine Blinde leer vor sich hin und berichtet aus dem Innenleben einer Blinden, deren gesamtes, bisher stabiles Lebensgeflecht sich Stück für Stück unter dem Ansturm neuer Eindrücke und Anforderungen – schließlich soll sie sich freuen und schnell lernen, mit der Sehkraft umzugehen – auflöst und schließlich auseinander fällt. Ihre anfängliche, humorvolle Selbstsicherheit weicht zunehmend einer depressiven Verzweiflung, die zum Schluss, als sie sowohl ihre neu erworbene Sehkraft als auch ihre ehemals anderen hochentwickelten Sinnesfähigkeit aufgrund eines "Gehirnstreiks" verloren hat, einer resignierenden Heiterkeit des "letzten Augenblicks" weicht.
Der Zuschauer leidet mit diesem armen Wesen mit, das sich nicht nur der schockartigen Sinneseindrücke sondern auch noch der impliziten Vorwürfe ihrer Umwelt erwehren muss. Iris Melamed füllt diese Rolle – wie üblich – mit einer großen Ausdrucksbreite und feinen psychologischen Zeichnungen und Schattierungen aus. Tom Wild setzt dagegen einen dauerbegeisterten, aber auch schnell ungeduldigen und frustrierten Frank, der stets voller Pläne steckt, die Schuld an deren Scheitern jedoch nie bei sich sucht. Lautstark, umtriebig und raumgreifend fegt er mit der Sensibilität eines vorwärtsstürmenden Nashorns alle Bedenken und Widerstände zur Seite, und am Ende ist Molly … nicht stark genug für diese Welt. Tom Wild schafft es, mit seiner Rolle ein glaubwürdiges und überzeugendes Gegengewicht gegen die starke Iris Melamed zu setzen und sorgt damit für die nötige Spannung dieser Inszenierung. Klaus Ziemann kann da als weitgehend reflektierender, nahezu schon resignierender Dr. Rice nur wie ein Katalysator wirken, er bildet sozusagen eine Klammer um die beiden Protagonisten und ist für den sachlich-fachlichen Teil zuständig …
Bis zur letzten Minute lässt dieses desillusionierende Drama die Zuschauer nicht aus seinem Bann, und so mancher wird anschließend wohl anders über Blinde und die hehre Aufgabe denken, ihnen die Sehkraft wiederzugeben.