Pressestimmen La Cuzzoni

Stilsichere Meisterschaft 

Die anrührende Groteske bekommt Züge einer Travestie, weil Agusti Charles für die Partie der Alten einen Countertenor vorgesehen hat ... Gerson Luiz Sales sang in Darmstadt die Cuzzoni allerdings mit einer so feinen, harmonischen Altstimme, dass von bloßer vokaler Karikatur keine Spur war. lm Spiel machte Gerson Sales dagegen jeder Drag-Queen Konkurrenz, das anmutig-witzige Jonglieren mit den Aspekten Würde, Verfall, Glanz und Elend hatte in ihm einen stilsicheren Meister. // Frankfurter Rundschau zu "La Cuzzoni"

 Frankfurter Rundschau  

Ein Klassiker der Operngestik, den man eigentlich nie mehr sehen wollte: Zwei Protagonisten ineinander zusammengesunken in Pietà-Haltung an der Rampe, sie duettieren Leidendes. Doch hier, in den Darmstädter Kammerspielen, geht gerade diese Szene ungemein zu Herzen – Denn die beiden, die da zueinander fanden, sind ein und dieselbe Person: Die gealterte Operndiva Francesca Cuzzoni ersucht, die erste Phrase von Händels Cleopatra-Arie „Piangerò“ über ihre blass gewordenen Lippen zu bekommen von hinten gestützt von ihrem jungen Ego, das die Töne in früherer Leichtigkeit ihr vormacht.

Dieses Duett von alt und jung, von Nachklang und Wohlklang war ein emotionaler Höhepunkt in der ohnehin sehr dichten, kurzen neuen Kammeroper „La Cuzzoni“ des katalanischen Komponisten Agusti Charles. Nur drei Rollen sieht dieses mit „Groteske einer Stimme“ untertitelte Stück vor: Die alte Primadonna, die ein letztes Konzert geben möchte vor dem endgültigen Übergang in die Vergessenheit: dazu der Musikchronist Charles Burney, der sein einstiges Idol von diesem Akt der Selbstdemontage abhalten möchte und dazu, als eine Vision, die Cuzzoni der besseren Tage, die junge mit der strahlenden Stimme.

Die anrührende Groteske bekommt Züge einer Travestie, weil Agusti Charles für die Partie der Alten einen Countertenor vorgesehen hat – der in Brasilien geborene, ursprünglich zum Bassisten ausgebildete Altist Gerson Luiz Sales sang in Darmstadt die Cuzzoni allerdings mit einer so feinen, harmonischen Altstimme, dass von bloßer vokaler Karikatur keine Spur war. lm Spiel machte Gerson Sales dagegen jeder Drag-Queen Konkurrenz, das anmutig-witzige Jonglieren mit den Aspekten Würde, Verfall, Glanz und Elend hatte in ihm einen stilsicheren Meister.

Aber auch der Bariton Werner Volker Meyer aus dem Darmstädter Ensemble war eine brillante Besetzung, ebenso die hinter weißem Schleier rotmundig  und schön singende Sonja Gerlach als Vision der jungen Cuzzoni. In Weiß getaucht war auch der komplette Bühnenraum (von Inna Wöllert), darauf die lediglich vier Quartettspieler, für die Agusti Charles eine schwebende, von Händel-Zitaten dezent durchzogene, mittels Live-Elektronik oft ins traumverlorene enthobene Musik geschrieben hat – Auf den Bühnenhintergrund projiziert: Ein Apfel, der im Laufe der 80 Minuten Spieldauer den Gang alles Irdischen geht.

Diese vom Darmstädter Regisseur Alfonso Romero Mora verantwortete und so überaus ansprechend gelungene Uraufführung war der Eigenbeitrag des Staatstheaters zum Buchmessen-Kulturprogramm … Katalanisch als Opernsprache, herb und zugleich rund und irgendwie immer glutvoll, hat einen recht großen Reiz.

Jene rotmundigen Tage, Stefan Schickhaus, Frankfurter Rundschau, 15. Oktober 2007

 

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… Das von Inna Wöllert entworfene Bühnenbild zeigt einen durch schräg gespannte Seile geprägten Raum, der gleichsam die schicksalhafte Verstrickung der Figuren andeutet. Allzu verspielt wirkt freilich der erste Auftritt des Kritikers, der an einem Mini-Flügel sitzt, eine Kerze anzündet, Tee trinkt und die Feder spitzt. Der aus Madrid stammende Regisseur Alfonso Romero Mora versteht es, das Zwiegespräch der beiden Figuren zu beleben durch Auf- und Abgänge, die sich steigern bis zur umständlichen Umkleidezeremonie der Diva und ihrem düsteren, blutigen Ende.

José-Manuel Vázquez hat die historisch inspirierten Kostüme gestaltet bis hin zur feierlichen Robe, die von der Sängerin in einem Schrankkoffer mitgeführt wird. Im Hintergrund stehen die Pulte, an denen ein ganz in weiß gekleidetes Streichquartett (Anja Schaller, Jung-Sun Park, Johannes Warnat, Edvardas Armonas) Platz nimmt. Die Partitur von Agusti Charles ist auf moderne Art differenziert gestaltet, sie verwendet neben den Streichinstrumenten diverse Perkussionselemente und bedient sich einer unaufdringlich eingesetzten Live-Elektronik. Der junge Dirigent Tobias Engeli, der seit 2005 am Staatstheater arbeitet, führt die Instrumentalklänge geschickt mit den anspruchsvollen Partien der Sänger zusammen.

Eine Besonderheit dieser Oper ist die Aufteilung der Titelfigur in zwei Sänger-Darsteller. Der Countertenor Gerson Luiz Sales verkörpert die gealterte Sängerin auf bewegende Weise, darstellerisch wie sängerisch überzeugend, mit Mut auch zur Hässlichkeit. Er korrespondiert eng mit der Sopranistin Julia Gerlach, die mit ihrer glockenklaren Stimme ein visionäres Abbild der Diva in jungen Jahren gibt. Als zweites Ich redet sie der Sängerin unmittelbar ins Gewissen. Der Bariton Werner Volker Meyer versetzt sich eindringlich und gewandt in die Rolle des Musikjournalisten und Kritikers Charles Burney, der seinen eigenen Lebensweg eng mit dem der Primadonna verknüpft hat und nun zum wohlmeinenden und doch unwillkommenen Warner wird … Nach achtzig Minuten gab es begeisterten, durch Bravorufe und Trampeln verstärkten Beifall für die Autoren, die Akteure und das Leitungsteam.

Wie der Ruhm einer Diva verblasst, Klaus Trapp, Darmstädter Echo, 15. Oktober 2007

 

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Einen Höhepunkt haben die "Tage der katalanischen Oper" bereits erreicht: Mit der Kammeroper „La Cuzzoni“, die als Eigenproduktion des Darmstädter Theaters vergangenen Freitag ihre Uraufführung erlebte. Francesca Cuzzoni war eine der großen Primadonnen der Barockzeit, eine der von Georg Friedrich Händel bevorzugten Sängerinnen. Ausgangspunkt der Oper ist ihr missglücktes Comeback im Jahr 1751: Als Über-Fünfzigjährige war sie möglicherweise nicht mehr im Vollbesitz ihrer stimmlichen Mittel – vor allem aber war die Zeit über den von ihr repräsentierten Stil hinweggegangen. Aus dieser Situation entwickelte der Librettist Marc Rosich eine Art „szenischen Versuchs“ über die Tragödie des Alterns. In der Komposition von Agustí Charles ist der Part der alten Cuzzoni einem Countertenor anvertraut. Sehr bewußt wird das ironisch-parodistische Element der Travestie ins Spiel gebracht: Das vollkommen seriöse Pathos der Cuzzoni, in ihrer Selbstwahrnehmung ungebrochen vorhanden, erscheint unter veränderten Rahmenbedingungen plötzlich exaltiert und hysterisch. Gerson Luiz Sales stürzt sich mit erkennbar großer Identifikationslust in diese auch musikalisch sehr fordernde Partie und hinterlässt einen tiefen Eindruck.

Der alten Cuzzoni ist ihr jüngeres Ebenbild entgegengesetzt: Sonja Gerlach mit klar zeichnendem Koloratursopran. Schließlich Werner Volker Meyer als Musikschriftsteller Charles Burney, dem stimmlich vor allem ausdrucksvolle Deklamation abverlangt wird.  Die Musik insgesamt erforscht das Grenzgebiet zwischen Sprache und Gesang in mehrfacher Abstufung … Dem Gesang teils unterlegt, teils autonom entgegengestellt ist ein hochkomplexer Streichquartettsatz, dessen Klangspektrum noch durch Live-Elektronik erweitert wird. Sänger und Instrumentalisten teilen sich den Bühnenraum, alle bedienen abwechselnd auch zusätzlich bereitgestellte Schlaginstrumente. Fraglos eine ganz und gar zeitgenössische Musik – und doch durchzogen vom Echo barocker Klänge: Als kurz aufblitzende und gleich wieder im speziellen Klangkosmos des Stücks versinkende Reminiszenzen; oder auch als formale Disposition – im großen Entrée der alten Cuzzoni verbirgt sich sogar eine angedeutete Dacapo-Arie. Das alles in einer feinen, geschmackssicheren Inszenierung von Alfonso Romero Mora und einem Bühnenbild von Inna Wöllert, das mit wenigen zeichenhaften Elementen auskommt: Der Projektion eines Apfels im Bühnenhintergrund etwa, der den Abend über ganz allmählich von praller Frische zu schrumpliger Fäule vergeht. Es ist – trotz des Themas – ein Abend von seltener Kraft und Intensität: Beispielhaft.

Beitrag Musikjournal: Tage der katalanischen Oper in Darmstadt, Ingo Dorfmüller, Deutschlandfunk, 16. Oktober 2007 

 

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