Pressestimmen Peer Gynt

Ohne Mumpitz

Richter bleibt frei, doch nah und ohne Mumpitz an Ibsen dran, hechelt nicht kurzatmig durch den schwierigen Text und erdrückt den Narzissmus des Helden nie unter seinem. Das lohnt sich zu sehen. // Frankfurter Neue Presse zu "Peer Gynt"

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Es ist eine Regie in drei Bildern. Jedes bedingt und fordert eine eigene Haltung und anderes Sprechen. Am Anfang (Akt I-III) steht das schäbige Klassenzimmer einer Landschule der Spätfünfziger-, Sechzigerjahre: Tafel, Tische, Heizung, Metallspind und alles, was das Klischee verlangt. Globus, Skelett, ausgestopfter Vogel und Ochsenkopf, Terrarium. Drei Viertel vom Besetzungszettel sitzen hier, eingezwängt auch in kindliche Kleidung, von der bayerischen Lederhose Peer Gynts (Stefan Schuster), Wollkniestrümpfen und groben Schuhen bis zu sittsamen Trachtenröcken (Bühne, Kostüme: Klaus Noack).

Dieser Horror ist kein denunzierender Rückblick. Er zeigt das Dramenpersonal ganz einfach wie im Gefängnis oder Zoo. Wenn Peers Mutter Aase (Sonja Mustoff) den berühmten ersten Satz „Peer, du lügst!“ nicht ausruft, sondern gehorsam in Schönschrift auf die Tafel schreibt, bevor alle außer ihr und Peer zackig abgehen wie im Ameisenstaat, ist erst das Feld für seine Lügenmärchen bereitet. Richters Gynt sprengt unter alter Rockmusik Hochzeiten, entführt die Braut und legt sie wieder ab, verliebt sich in eine Solvejg mit Sandra-Bullock-Habitus (Diana Wolf) und lässt sie doch zurück. Schläft mit der Trollprinzessin, wird fast zum Troll und flieht.

In Bild zwei (Akt IV) versetzt Richter den reich gewordenen Geschäftsmann Gynt in die großkotzig-kühle Business Lounge mit einer rätselhaften weißen Dame im Zentrum. Der Prahlhans hat Erfolg als Sklavenhändler, mehr noch als die übrigen vier Magnaten im modernen Anthrazit-Anzug. Matthias Kleinert, zuvor als Tölpel Peers Feind, spielt nun Peer-Feind-seinerselbst, den kein Schiffbruch bricht. Ein wenig Umbau schwemmt zugleich sexy Bunnys fürs erotische Wüstendelirium auf die Szene und gibt der weißen Dame ihre Bestimmung als Wüstentochter Anitra. Peer, der Lederhosenwichser, hat es zum Playboy und doppeltfalschen Propheten gebracht, bis er doch noch Kaiser wird: Kaiser der Irrenhäusler.

In Bild drei (Akt V) ist Peer alt, der Raum so knapp wie seine Lebenszeit. Die hintere Bühnenwand drückt den unerkannten alten Peer (Gustl Meyer-Fürst) mit komischen Alten im Pyjama nah an die Rampe. Bevor das Altersheim ganz dazu wird, bleibt es noch eine Weile Schiff, denn auf dem Seeweg kehrt Peer havarierend in die Heimat zurück. Bei Richter bleibt das nasse Grab trotz der knappen Rettung präsent, schwimmen projizierte Fische über die Gaze zwischen Bühne und Publikum, als erträume sich Peer sterbend sein Leben, bedrängt von inneren Nöten in äußerer Sagen- und Gleichnisgestalt.

Richter bleibt frei, doch nah und ohne Mumpitz an Ibsen dran, hechelt nicht kurzatmig durch den schwierigen Text und erdrückt den Narzissmus des Helden nie unter seinem. Das lohnt sich zu sehen.

Bunnys fürs Wüstendelirium, Marcus Hladek, Frankfurter Neue Presse, 17. Oktober 2007

Frankfurter Rundschau 

… Henrik Ibsens überdimensionales … „dramatisches Gedicht“ zeigt sich am Staatstheater Darmstadt als melancholischer, satter Dreistünder. Regisseur Axel Richter inszeniert ein Märchen, kein faustisch großes Projekt über einen Mann, der immerhin Kaiser von England und der Welt werden will. Richter hat sich aber einen hübschen Plan überlegt, wie man trotzdem zeigen kann, dass es hier ums ganze, ganze Leben geht.

„Teil 1“ spielt in einer realistisch ausgestatteten Schulklasse (Bühne und Kostüme: Klaus Noack), wo auch Mutter Aase eine mürrisch pubertierende Klassenkameradin von Hosenmatz Peer ist. Sonja Mustoff führt rührend naiv vor, wie sie Stefan Schuster zum tausendsten Mal doch wieder seine Lügengeschichten glaubt. Die Handlung entwickelt sich wie zufällig zwischen dem Geklingel. Solveig, Diana Wolf, die schüchternste Frau, kommt als neue Mitschülerin ins Spiel. Die Schüler kalbern herum. An der Tafel steht: Peer lügt. Das stimmt. Peer lügt und denkt sich zu den Trollen, wobei es sich hier um muntere Prolls handelt, die offen gestanden aus Berlin zu stammen scheinen.

"Teil 2" spielt unter Erwachsenen in einer Vorstandsetage, Peer, jetzt Matthias Kleinert, ist kaum von den anderen Herrschaften in den dunklen Anzügen zu unterscheiden. Es wird neudeutsch herumpalavert, wie es unter erfolgreichen Wirtschaftsleuten wohl üblich ist, vielleicht auch nur, wie sich Theaterleute vorstellen, wie es unter erfolgreichen Wirtschaftsleuten üblich ist …

"Teil 3" spielt auf einer geriatrischen Station. Die Alten bleiben unter sich, ab und zu schaut eine Krankenschwester nach dem Rechten, wie es früher die Frau Lehrerin tat. So beginnt unser Leben und so endet es wieder, unter der Fuchtel lustloser Aufsichtspersonen. Und wie die Schüler treiben die Alten wieder ihre dummen Scherze. Peer, der Papierkrönchen-Kaiser … ist jetzt Gustl Meyer-Fürst. Das merkt man aber erst, wenn man entweder ganz vorne sitzt oder ins Programmheft schaut. So lebhaft Peer, der Bube, der Geschäftsmann in den besten Jahren, der Greis, ist und fantasiert, so merkwürdig verwechselbar bleibt er auch. Dass noch der originellste Typ untergeht in der Menschenmenge, das wollte Axel Richter möglicherweise gar nicht mitteilen, aber er hat es getan, und es ist viel trauriger und rührender als die Zwiebel- bzw. Kernfrage.

Und dann passiert außerdem noch etwas Seltsames. Im Klassenzimmer stand damals auch ein kleines Aquarium. Jetzt, Stunden, in Wahrheit aber natürlich Jahrzehnte später, verwandelt sich die geriatrische Station langsam selbst in dieses oder ein ähnliches Aquarium. Bis große Fische vorüberkommen, und die hilflosen, seltsamen, durchgeknallten Alten im blauen Nebel verschwimmen. Ist das etwa der Tod?

Das ist der Zwiebel Kern, Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 16. Oktober 2007

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… Klaus Noack hat für die drei Teile jeweils einheitliche Schauplätze entworfen, die aber gleichzeitig nur den Rahmen bieten für das Experiment der Vorstellungskraft, das Richters Regie in ihnen anrichtet. Der erste Akt führt uns in Klassenzimmer, und all die Geschichten sind nur das Spiel der Rasselbande, die sich so fantasievoll beschäftigt, wie ein Kunstlehrer es sich nur wünschen kann. Peer ist der Lümmel von der letzten Bank, ein feister Aufschneider in kurzen Lederhosen. Eine dicke und pienzige Klassenkameradin schlüpft in die Rolle seiner Mutter, die Mädels spielen Hochzeit und improvisieren eine Party. Auch die Trolle tragen Tornister es sind wahrscheinlich die gemeinen Kollegen aus dem höheren Jahrgang, die den Grundschülern im Rockerkostüm ordentlich Angst einjagen.

Im Klassenzimmer des Lebens drücken die Generationen gemeinsam die Schulbank. Im dritten Teil findet man sie vereint wieder auf der Pflegestation eines tristen Altenheims, in dem eine Schwester mit der Trillerpfeife das Kommando führt. Die Rasselbande ist alt geworden, die fidelen Alten spielen sich Streiche wie in der Grundschule, und sie haben sich daran gewöhnt, dass Peer immer noch vor sich hin fantasiert, bis die alte Solvejg ihn mit einem Liedchen erlöst …

Ein paar gelungene Momente gibt es gegen Ende, wenn Pennälerzeit und Pflegestation ineinander überblendet erscheinen, und es ist ein hübscher Fingerzeig, dass das Altersheim am Ende als jenes Aquarium erscheint, das schon im Klassezimmer stand: In der Gegenwart liegen Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen. Der Peer des letzten Aktes ist auch jener, dem man am ehesten Anteilnahme entgegenbringen möchte. Gustl Meyer-Fürst zeigt, wie in dem alten Mann die Hoffnung, doch noch ans innere Ziel zu gelangen, gegen die Lebensmüdigkeit kämpft, ein Suchender im Tollhaus, in dem seine Altersgenossen sich ziemlich wohl fühlen. Den jungen Peer spielt Stefan Schuster als schwadronierenden Außenseiter-Lausbub … Und Peer Gynt in Afrika ist bei Matthias Kleinert die routinierte Karikatur des Geschäftemachers.

… Diana Wolf gibt der Solvejg kindlichen Charme, die Männerriege, unter anderem mit Tilman Meyn, Tom Wild und Klaus Ziemann, lässt in beständig wechselndem Kostüm Karikaturen am Zuschauer vorbeiparadieren, unter den Damen fällt die gelungen ordinäre Anitra von Maika Troscheit auf, und Iris Melamed als Schulgöre ist ja auch ein ganz winziger Anblick …

Im Klassenzimmer des Lebens, Johannes Breckner, Darmstädter Echo, 15. Oktober 2007

 

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