Pressestimmen Figaro! Der tolle Tag

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Der Knabe ist ein Greis. Zygmunt Apostol, der Alterspräsident des Wiesbadener Schauspielensembles, wenn es so etwas denn gäbe, spielt Cherubim, den Pagen, der in die Gräfin verliebt ist, ein bisschen auch in Suzanne, wahrscheinlich in die Weiblichkeit an sich. Apostol gibt dieser Figur ein wehmutsvolles Sehnen, das sich zur Gier steigert, wenn ein Wäschestück der Angebeteten zu ergattern ist. Das Verlangen kennt kein Alter bei denen, die sein Brennen spüren, und auf diese Weise ist Cherubim ein Genosse seines ärgsten Widersachers, des Grafen Almaviva, der noch an ihrem Hochzeitstag Suzanne nachstellt, der Zofe seiner Frau. Michael Günther porträtiert diesen nicht in der standesdünkelnden Selbstgerechtigkeit befestigten, sondern von der Liebe getriebenen Lebemann. [...]
Vom Klavier aus gibt Apostol der liebesverwirrten Komödie die musikalisch-melancholische Grundierung, die der Regisseur Tilman Gersch nicht aus den Augen verliert. „Figaro! Der tolle Tag“, die Komödie des Beaumarchais, die noch bekannter ist in Mozarts Opernfassung, in einem Theater spielen. Henrike Engels Bühnenbild zeigt die Rückansicht einer Bühne als Abenteuerspielplatz, der voll ist von Kostümen und Requisiten. Und wenn ein staunendes Ensemble sich diesen Spielraum erobert, wird die Komödie zum Kostümfest. Das passt nicht schlecht zu einem Stück, das leichthändig vom Wechsel der Identitäten erzählt, von Rollenspielen, die auf dem Umweg über die Verstellung an die Wahrhaftigkeit des Gefühls gelangen wollen. [...]
Für hundert unterhaltsame Minuten, in denen die Regie auf der Jux-Kante balanciert und doch den Ernst für die Gefühle der Figuren nicht verliert, gab es kräftigen und anhaltenden Beifall.
Ob Marienkäfer oder Clownsgesicht, ob im Stöckelschuh oder Gummistiefel - in beständig wechselnden Kostümen zieht am Zuschauer der Reigen skurriler Figuren vorbei. [...] Evelyn M. Faber ist als Gräfin nicht die große Melancholikerin, wie man sie aus der Oper kennt, sondern hat ein ebensogroßes Vergnügen am Spiel wie die charmant-resolute Susanna von Friederike Ott. Benjamin Krämer-Jenster gibt dem Gärtner Antonio schrulliges Profil, Florian Thunemann macht als spitzelnder Musiker Bazile eine komische Figur in kurzen Hosen und bläst, wenn Figaro zur Ukulele greift, sehr hübsch die Trompete, Sebastian Muskalla [Martin Müller, Anm. StaDa] stottert sich durch die Richterrolle. Monika Kroll und Jörg Zirnstein ringen dem Paar Marceline und Bartholo ein paar hübsche Pointenduelle ab.

 Umwege zur Wahrhaftigkeit: Wiesbaden bringt den „Figaro! Der tolle Tag" des Beaumarchais ins Kleine Haus des Darmstädter Staatstheaters - Darmstädter Echo, 10. Januar 2011 von Johannes Breckner

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Neben der ständigen boulevardesk-frontalen Wendung an den Zuschauer von der Rampenmitte her ist es ihre Verspieltheit, die Gerschs Regie charakterisiert. Kaum hat der kleine Figaro (Michael von Burg) in einer Gruppe mit der fast zu lieblichen, allzeit mit dem Publikum äugelnden Susanne (Friederike Ott) die Bühne betreten, knüpfen beide mit einem kleinen "Mexikaner"-Spielchen an Chérubins Liedchen an. Mickeymausohren hier, Marcelines Marienkäferkostüm dort bekräftigen permanent den Zug ins Kostüm- als Gesellschaftsspiel, dessen egalisierender Effekt leise an den politischen Hintergrund anknüpft [...]

All das hat hübschen Travestie-Charme, setzt die alte Lustspiel-Typik mit modernen Mitteln neu um und gibt einem alten Sittenbild Ansätze zu einem solchen für unsere Zeit. Darin ist Gerschs Regie durchaus gelungen.

Die Aufklärung im Kerzenleuchter. Figaro! Der tolle Tag. Tilman Gersch umgibt Beaumarchais mit travestierendem Charme – nachtkritik.de, 14. Juni 2009 von Marcus Hladek

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Figaro! Der tolle Tag heißt Gerschs leichtfüßiges Sommertheater [...]. Zweifellos gelingt ihm ein unterhaltsamer Abend mit einem spritzig-witzigen Stück und durchweg exzellenten Darstellern, denen man die Freude am Spiel anmerkt. Allemal haben sie den herzlichen Applaus des Premierenpublikums verdient. [...] Wiesbadens Publikumsliebling Zygmunt Apostol ist ein höchst wunderbarer kleiner Cherubim in zerzauster Lockenperücke und T-Shirt mit Heart-Beat Aufdruck [...]. Gersch setzt voll und ganz auf den Theaterzauber von Verwandlung und Verwechslung, von erotischem Verwirrspiel und komischer Eifersucht und auch auf Albernheit und Klamauk.

Wiesbadener Tagblatt/Wiesbadener Kurier, 16. Juni 2009

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Bei Tilman Gersch [...] ist es eindeutig ein Liebes-Spiel, das gegeben wird: Die Lust und ihr Preis geben das recht hohe Tempo vor, die Ironie und den Kitzel. Wie Gersch kosten die Darsteller das weidlich aus. Monika Kroll als alternde Marceline auf Männerjagd ist eine Augenweide, die das Dilemma der Figur trotzdem ernst nimmt. [...] Gesungen und musiziert wird viel in Gerschs Inszenierung, und gar nicht mal schlecht. Benjamin Krämer-Jenster (Gärtner Antonio), Sebastian Muskalla (Richter) und Jörg Zirnstein (Doktor Bartholo) bekommen jeder ihren kleinen Glanzauftritt, vor allem das junge Paar aber ist passend besetzt: Michael von Burg ist ein komischer und doch immer wieder teuflisch funkelnder Figaro [...]. Seine Suzanne [...] ist bei Friederike Ott niedlich mit ordentlichem Schalk im Nacken [...]. Die Inszenierung [hat] einen Rahmen bekommen, den ein kurioser Cherubim setzt: Zygmunt Apostol, Jahrgang 1931, gibt den Pagen. Zu Anfang und zu Ende sitzt er am Klavier und spielt eine zarte Melodie. [...] Als gebe es trotz all des Zynismus nichts Besseres, als an den Menschen und die Liebe zu glauben. Das ist ein wenig melancholisch – und ausgesprochen hübsch.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 2009

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Im schillernden Bühnenbild Henrike Engels, die auch die fantasievollen Kostüme erdachte, rollt und tollt in schnellem Wechsel eine Ort und Zeit verwischende, glitzernde, attraktive Revue ab, die mit Witz, Pfiff und Ironie, Eifersüchteleien und boshaft eingefädelten Intrigen das Publikum zwei pausenlose Stunden lang bei Lust und Laune hält. Zum Spielzeitabschluss also ein bis an die Klamaukgrenze gehender, [...] schriller, toller Spaß, der prächtig unterhält. Durchweg glänzend besetzt, wurde er nach der Premiere vom Publikum mit großem Beifall bedacht. Friederike Ott entzückt als sich durch Wendigkeit, Charme und vollen Einsatz ihrer komödiantischen Fähigkeit auszeichnende, quicklebendige Susanne. [...] Michael von Burg ist ein raffinierter, listenreicher, urkomischer Figaro [...]. Evelyn Faber gibt die von Almaviva schlecht behandelte Gräfin nicht als sich im Leid verzehrende, sondern sehr muntere Kokette, die sich durchaus zu trösten weiß.

Gießener Allgemeine Zeitung, 30. Juni 2009

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Regisseur Tilman Gersch ist hier im richtigen Element und darf mit komödiantischem Talent wuchern: Witz und Schalk, Zeit- und Gesellschaftskritik, kess parodierende Songs und bei allem Klamauk mitunter ein Hauch von Poesie, wofür in erster Linie Zygmunt Apostol in der Rolle des Klavier spielenden, sensibel improvisierenden Cherubim zeichnet. Den betagten Erzkomödianten ausgerechnet mit der Rolle des jugendlichen Herzensbrechers zu besetzen, ist ein besonderer Clou des Abends, denn wer könnte beseelter Komik servieren? In der Titelrolle stehet Michael von Burg kämpferisch und schlitzohrig seinen Mann und wagt, dem hohen Gericht die Stirn zu bieten [...]. Friederike Ott seine taufrische und emanzipierte Suzanne, die den liebestollen Grafen (machohaft: Michael Günther) mit unschuldiger Raffinesse über den Tisch zieht. Evelyn M. Faber sekundiert als Gräfin mit Koketterie und weiblicher Klugheit. Monika Kroll entdeckt als Marceline mit trockenem Humor ihre verschüttete Mütterlichkeit, woraufhin der trefflich Trompete blasende Bazile (sexy: Florian Thunemann) nicht mehr bei ihr vor Anker gehen kann. Figaro [...] ist ein spitziges Sommervergnügen, das nicht zuletzt durch Henrike Engels groteske Kostümparade auf beiden Seite der Rampe helles Vergnügen bereitet.

Frankfurter Neue Presse, 16.Juni 2009

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Tilman Gersch hat zwei der Rollen ungewöhnlich, aber reizvoll besetzt: Marceline (Monika Kroll, mehrfach besungen zur Melodie von Belafontes "Matilda") und Cherubim sind deutlich älter, als im Stück vorgesehen. Zygmunt Apostols Cherubim spielt hübsch und verträumt Klavier, ist aber kein pubertierend Schwärmender, sondern ein alter Mann, der sein Herz an den und für die Frauen erwärmt - und wenn dabei ein oder zwei Küsschen abfallen, ist es ein Freudentag.

Das Herz an den Frauen wärmen. Tilman Gerschs muntere Figaro-Deutung in Wiesbaden: Pierre Augustin Caron de Beaumarchais' Komödie Der tolle Tag - Frankfurter Rundschau, 16. Juni 2009 von Sylvia Staude