Das schlaue Füchslein

05.11.2015

Jana Baumeister | © Michael Hudler

Jana Baumeister | © Michael Hudler

Will Humburg | © Michael Hudler

Will Humburg | © Michael Hudler

1854 im mährischen Teil des österreichisch ungarischen Reichs geboren, erhielt Leoš Janáček zunächst eine Ausbildung in der westeuropäischen Kompositionstradition. Mit dem Erwachen des tschechischen Nationalbewusstseins wendete sich Janáček schließlich der slawischen Tradition und besonders dem Studium seiner heimatlichen Volksmusik zu.

Wie zuvor bereits Bedřich Smetana erkannte jedoch auch Janáček, dass die Gefahr groß war, in reine Volkstümelei zu verfallen, wenn er ausschließlich folkloristisches Material verwendete. Mit seiner Oper "Jenůfa" gelang ihm 1904 schließlich nicht nur ein realistisches Porträt des dörflichen Milieus; im Prinzip der Sprechmelodie fand er auch seinen ureigenen Stil, der sich vom bloßen Zitieren des musikalischen Volksgutes längst verabschiedet hatte.

Seit 1897 erforschte Janáček die Melodien und Klänge des Alltags in der Sprechweise der einfachen Leute seiner Heimat, den Lauten der Tiere oder sogar im Rauschen des Wassers. Bei jeder Gelegenheit notierte er die Intervallfolgen und Rhythmen der Naturlaute. Dabei war er von einem an Obsession grenzenden Eifer befallen: er schreckte noch nicht einmal davor zurück, den letzten Seufzer seiner geliebten, erst zwanzigjährigen Tochter Olga festzuhalten. Janáček meinte in diesen "Fenstern zur Seele" die akute psychische Verfasstheit des Sprechers zu erschauen. Als wichtige Inspirationsquelle für sein kompositorisches Schaffen fand er in ihnen authentische "Vorbilder für dramatische Melodiendes tschechischen Wortes". Durch die Verarbeitung dieses Materials versuchte Janáček dabei stets zu noch tiefer Liegendem zu gelangen: "Die Kunst in der dramatischen Komposition ist, die Melodie der Sprache zu komponieren, hinter welcher wie durch ein Zauber das menschliche Wesen in einer gewissen Lebensphase erscheint."Ursprünglich als Bildergeschichte entworfen,enthält die Oper "Pøíhody lišky Bystroušky" (zuDeutsch "Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf ") viele wichtige Themen Janáček: seine Liebe zu Mensch und Natur sowie die für ihn über allem stehende freiheitliche Selbstbestimmung des Individuums.

Die tierische Protagonistin durchschreitet universelle Lebensstationen - vom Erwachsenwerden über Liebe, Mutterdasein bis hin zum Tod. Alle weiteren Figuren gruppieren sich um diese mythische, in Mensch und Tier aufgespaltene Frauengestalt, die durch ihre Freiheitsliebe alle angepassten Männer tief verunsichert. Am Ende bricht alleine im Förster die Sehnsucht nach wirklicher Selbstbestimmung hervor, die er in der Natur erkennt. Illustrative Naturnachahmung wie in Webers Wolfsschlucht-Szene oder im Waldweben aus Richard Wagners "Siegfried" sind in dieser Opervergeblich zu suchen. Vielmehr erschafft Janáček poetische Momente in der Abstraktion - so individualisiert er beispielsweise den Chor zur Stimme des Waldes. In einer Jubelvokalise feiert diese, reich an Einzelstimmen wie der Organismus des Waldes, die Hochzeit von Fuchs und Füchsin als Höhepunkt ihres Lebens. Entgegen der literarischen Vorlage lässt Janáček seineProtagonistin im dritten Akt sterben. Mit dem Traum des Försters im Wald wird am Schluss der Oper allerdings auf den Anfang zurückgeblendet; dabei erweisen sich sowohl der Frosch wie auch das kleine Füchslein als die Nachfahren der Tiere aus dem ersten Akt. Janáček stellt den Tod der Füchsin Schlaukopf nicht als schicksalshaft dar. Seine Figuren gehen vielmehr - und hier zeigt sich die humanistische Stärke seiner Musik - "mit ihrem Ende zurück in jenen Weltgrund, aus dem sie gekommen sind, um sich wiederum mit dem All der Schöpfung, von dem sie als Kreatur ein Teil sind, zu vereinigen."

Isabelle Kranabetter

Termine sowie weitere Informationen und Karten gibt es hier.

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