Der Barbier von Sevilla

20.07.2015

Komische Oper von Gioachino Rossini
Als Gegenreaktion auf die in inhaltlichen Klischees und oberflächlichen Virtuosismen erstarrte Opera seria entstand im 18. Jahrhundert in Neapel aus dem musikalischen Intermezzo und der Comedia dell’Arte heraus die Opera buffa. Ihre Grundmerkmale sind Schnelligkeit, Situationskomik und Wortwitz, Elemente, die bis heute die neapolitanische Mentalität bestimmen. In Neapel ist das ganze Leben bis in den kleinsten alltäglichen Bereich hinein immer in höchstem Grade theatralisch. Jeder spielt seine klarumrissene und durch jahrhundertealte Tradition festgelegte Rolle – und dies immer öffentlich. Eine Privatsphäre existiert praktisch nicht, alles wird vor allen und von allen diskutiert. Die Gründe dafür liegen zum einen in einem starken, exhibitionistisch ausgerichteten Individualismus, zum anderen in dem neapolitanischem Bedürfnis nach einer Überhöhung des Lebens nicht durch die Mittel der Kunst, sondern in der alltäglichen Wirklichkeit. Eine solche gesellschaftliche Situation macht es natürlich sehr schwer, echte, „leisere“ Gefühle auszudrücken, sie fördert aber Kreativität und Schlagfertigkeit. All dies bestimmt auch den Charakter und die Handlungsweise der Personen in Rossinis „Barbiere di Siviglia“: Alle Arien dieser Oper sind mehr oder weniger sympathische öffentliche Selbstdarstellungen, denn sie richten sich entweder an reale Zuhörer (die Arien von Bartolo, Graf, Rosina im 2. Akt und Basilio) oder – durch den Gestus von Text und Musik – an ein imaginäres Publikum (Figaro, Rosina im 1. Akt, Berta), in dessen Rolle natürlich wir, das Theaterpublikum, schlüpfen. Niemals belauschen wir jedoch eine intime seelische Zustandsbeschreibung wie beispielsweise bei den beiden Arien der Gräfin in Mozarts „Nozze di Figaro“. Die Ensembles im „Barbiere“ sind nicht – wie in anderen Opern – eine theatralische Überhöhung von extremen emotionalen Lebenssituationen, sondern die Zuspitzung und das genüssliche Auskosten von theatralischen Situationen ist das Leben selbst.
Insofern sind auch Rossinis oft zusammengestrichene, teils „wörtliche“, teils verzierte Wiederholungen nicht lästiger Tribut an veraltete Oper seria-Traditionen, sondern kongeniale Übertragungen des italienischen Humors in Musik. Dieser bezieht seine Komik aus dem manchmal monotonen, manchmal ausgeschmückten wiederholten Nacherzählen von meist ganz banalen Grundsituationen. Ebenso werden Rossinis überwältigende Crescendi zur genialen Umsetzung von neapolitanischen Diskussionen in Musik. Wo das Leben sich in theatralischen Gesten abspielt, steigert sich auch die Sprache immer mehr in melodische Schnörkel und Floskeln hinein – und wird bei Rossini zu „halsbrecherischen“ Koloraturen. Der neapolitanische Dialekt wird mehr gesungen als die meisten anderen europäischen Sprachen, wobei die Worte selbst immer mehr Bedeutung verlieren. Insofern sind auch die Rezitative des „Barbiere“ keine in die hohe Kunst der Musik transportierten Texte, sondern – im richtigen Sprachrhythmus und „timing“ ausgeführt – nur in Tonhöhen fixierte „natürliche“ Sprache.
Wenn eine normale Konversation psychologischen Untersuchungen zufolge zu ca. 30 Prozent nonverbal abläuft, so beträgt dieser Prozentsatz in Neapel wahrscheinlich 50 bis 70 Prozent, denn die Kommunikation verläuft hier sehr viel stärker als anderswo über Körpergesten und „Geräusche“.
Und auch diese gehören zu einer Aufführung des „Barbiere di Siviglia“, da sie sich zwingend aus dem Duktus der Musik ergeben. (…) Rossini stellt also ein ständig gespieltes „alltägliches“ Theater auf die „wirkliche“ Theaterbühne; so entsteht ein doppeltes Spiel. Erst dadurch ist es uns möglich, diesen Personen, die nur in ihrer festgefügten Rolle zu leben imstande sind, hinter ihre schützende Maske zu blicken. Und wir entlarven sie schließlich alle als bemitleidenswerte Oper.

Von Will Humburg, Auszug aus dem Booklet zu seiner CD (1993): Naxos Opera Classics: Rossini: Il Barbiere di Siviglia.

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Mit Minseok Kim / Juan Sancho, David Pichlmaier / Wolfgang Schwaiger, KS Thomas de Vries / Jiří Sulženko, Amira Elmadfa, Vadim Kravets / Thomas Mehnert, Gunnar Frietsch / Michael Pegher, Wiktor Czerniawski, Katja Stuber / Jana Baumeister, Malte Godglück / Werner Volker Meyer

Musikalische Leitung Will Humburg
Regie Joan Anton Rechi
Bühne Alfons Flores
Kostüme Sebastian Ellrich
Choreinstudierung Ines Kaun

Premiere am Samstag, 19. September 2015, 19.30 Uhr | Großes Haus | Karten kaufen
Weitere Vorstellungen am 24.09.2015, 02.01.2015, 16.10.2015, 21.10.2015 und 27.10.2015 | Großes Haus | Karten kaufen

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